Karsten, K. B., G. W. Ferguson, T. C. Chen & M. F. Holick (2009): Panther Chameleons, Furcifer pardalis, Behaviorally Regulate Optimal Exposure to UV Depending on Dietary Vitamin D-3 Status. – Physiological and Biochemical Zoology 82(3): 218-225.

Panterchamäleons, Furcifer pardalis, regulieren durch ihr Verhalten die optimale UV-Bestrahlung in Abhängigkeit zum Vitamin D-Gehalt ihrer Nahrung.

DOI: 10.1086/597525

Reptilien benutzen Sonnenbäder auch aus anderen Gründen als nur zur Thermoregulation. Eine der Alternativen besteht darin, die Homöostase (ausgeglichene Normalspiegel) von Vitamin D zu regulieren, denn dabei handelt es sich um ein für die Gesundheit vieler Reptilien wichtiges Hormon. Die Aufrechterhaltung der Vitamin D3-Homeostase erfordert es- sich entweder der ultravioletten Strahlung (UV) auszusetzen oder Vitamin D3 mit der Nahrung aufzunehmen. Allerdings tendieren die Nahrungsorganismen der meisten Wirbeltiere dazu, nur wenig Vitamin D3 zu enthalten. Somit bietet die Sonnenbestrahlung wohl die primär genutzte Möglichkeit zur Regulation des Vitamin D3-Spiegels. Wir testeten die Hypothese, dass Panterchamäleons (Furcifer pardalis) über ihr Verhalten die Exposition (Bestrahlung) mit UV-Licht im natürlichen Sonnenlicht mit hoher Präzision, Genauigkeit und Effektivität regulieren. Panterchamäleons, die wenig Vitamin D3 über die Nahrung aufnehmen konnten, erhöhten signifikant die Exposition zur UV-Strahlung im natürlichen Sonnenlicht im Vergleich zu Tieren, die eine Vitamin D3 angereicherte Nahrung bekamen. Alle Echsen, die wenig Vitamin D3 mit der Nahrung aufnehmen konnten, regulierten ihren Vitamin D3-Spiegel mit extrem hoher Genauigkeit durch die Exposition zu optimalen UV-Lichtmengen (dabei zeigten sie die Fähigkeit, optimale UV-Mengen relativ zur vorhanden UV-Strahlung zu nutzen). Die Chamäleons beider Gruppen (ohne Vitamin D3 und mit Vitamin D3-reichem Futter) regulierten ihre UV-Exposition mit hoher Präzision, wobei sie nur sehr geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen innerhalb einer Behandlungsgruppe aufwiesen. Unsere Ergebnisse liefern zusätzliche Erkenntnisse zum wachsenden Erkenntnisstand in der Literatur, die herausstellen, wie wichtig Sonnenbäder auch außerhalb der Thermoregulation sind. Um es noch spezifischer auszudrücken, Sonnenbäder sind ein wesentlicher integraler Mechanismus zur Regulation des lebenswichtigen Hormons Vitamin D3.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Liebe Leser, Sie werden sich jetzt sicher fragen, warum eine Arbeit über Chamäleons? Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, diese Ausnahme zu machen, weil es die erste Arbeit ist, die nicht nur wie frühere Arbeiten zeigt, dass Reptilien Vitamin D-Rezeptoren besitzen und somit dieses Hormon nutzen, sondern dass sie aktiv die Nutzung der UVB-Strahlung so genau wahrnehmen und regulieren können, dass sie damit die für sie notwendigen Vitamin D-Spiegel genau einstellen können. Ob ihnen dabei auch ihre Fähigkeit hilft, UV-Strahlung optisch (zu sehen) wahrzunehmen, ist noch unklar, aber da sie ihren Vitamin D-Spiegel ja in Abhängigkeit zu der mit der Nahrung aufgenommen Vitamin D3-Menge regulieren, müssen sie auch innere Sensoren für den Vitamin D3-Spiegel haben. In ihrer Einleitung deuten die Autoren auch an, dass das neben anderen Reptilienarten auch für Schildkröten zutreffen kann, denn es gibt einige bezüglich ihres Verhaltens gut untersuchte Schildkrötenspezies wie z. B. Emydura signata, die Sonnenbäder nehmen ohne dass sie für die Thermoregulation notwendig wären und die sich damit sogar eher einem erhöhten Risiko aussetzen (Beutegreifer, ja sogar Überhitzung oder „Sonnenbrand“). Da fragt man sich schon, könnte das nicht auch ein Grund sein, warum manche Terrarientiere sich manchmal so lange einer Lichtquelle aussetzen, bis selbst Verbrennungen und Hautläsionen auftreten?
Zudem zeigt die Arbeit aber auch, dass man Reptilien, zumindest Chamäleons, über die Nahrung mit Vitamin D versorgen kann, etwas das, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch bei tropischen oder europäischen über Winter im Zimmer gehaltenen Landschildkröten geht (siehe auch Bidmon, H.-J. (2006): Die Aufzucht und Ernährung Europäischer Landschildkröten – Grundlagen und Rezepte, Futtermittel und Zusatzstoffe. – S. 117-136 in: Daubner, M. & T. Vinke (Hrsg.): Testudo – häufig gehaltene Arten – Schildkröten im Fokus Sonderband. – Bergheim (dauvi-Verlag).; Eatwell, K. (2005): Seasonal and gender variation in serum levels of ionized calcium and 25-hydroxycholecaciferol in
Testudo species. – Exotic DVM Veterinary Magazine 7(4): 17-22 oder Schildkröten im Fokus 3(1), 2006; Eatwell, K. (2008): Plasma concentrations of 25-hydroxycholecalciferol in 22 captive tortoises (Testudo species). – Veterinary Record 162 (11): 342-345 Abstract-Archiv). Zudem erklärt das auch, warum manche Arten, die ihr Vitamin D über die Nahrung aufnehmen z. B. Pilzfresser (Mykovore), und Schneckenfresser mit wenig bis gar keiner Sonnenexposition auskommen können oder sogar unter zu starker Bestrahlung leiden würden. Wie dieses Autorenteam auch schon in früheren Arbeiten an Echsen zeigte, besitzen selbst Nacht- und Dämmerungsaktive noch sensitivere Systeme zur UV-Nutzung, so dass ihnen die Sonnenlichtmenge, die sich bei Sonnenuntergang und Sonnenaufgang findet, ausreicht, um damit noch ihren Vitamin D3-Bedarf sicherzustellen. Warum also dieser Nachschlag? Um allen klarzumachen, dass man diese neuen wichtigen Erkenntnisse nun nicht dahingehend fehldeutet und nun für alle Arten eine UV-Bestrahlung empfiehlt. Wenn wir über Schildkröten reden, kann man klar sagen, solange Sie Schnecken oder Pilze mitverfüttern, brauchen weder die Gattung Geoemyda noch Manouria impressa und auch so manche Terrapene-Spezies einen UV-Strahler im Terrarium. (Bedenken sollte man aber auch, dass das Ersetzen von Pilzen durch Früchte oder andere pflanzliche Kost oder der Austausch von Fischen und Schnecken durch neugeborene Mäuse, Grillen, Zophobas, Mehlwürmer und Wachsmaden mit sich bringt, dass man an Vitamin D reiche Nahrung durch extrem Vitamin D arme Nahrung ersetzt). Arten, die allerdings an hohe Sonneneinstrahlung angepasst sind, wie die meisten unserer herbivoren Landschildkröten, scheint UVB-Strahlung oder Vitamin D-Supplementierung bei der Terrarien- oder Zimmerhaltung unerlässlich. Ansonsten muss man eben gerade bei sehr reproduktiven Individuen mit den beschrieben Symptomen rechnen (siehe oben zitierten Eatwell 2005). Ansonsten siehe auch: Burger et al. (2007) Evaluation of UVB reduction by materials commonly used in reptile husbandry. – Zoo Biology 26: 417-423.
Was mich aber doch etwas verwundert ist, warum wir es bislang immer noch nicht geschafft haben, genug Geld für Vitamin D Blutspiegelbestimmungen bei Europäischen Landschildkröten in ihren natürlichen Habitaten zu veranlassen, um zum Beispiel Richtwerte zu haben, wie man die Tiere richtig mit Vitamin D supplementiert, oder wie lange man bei welcher Temperatur bestrahlen müsste, um nur über die Strahlung die Normalwerte einzustellen. Wie schon vor fast drei Jahren über die AG Schildkröten von mir angeregt (Sachbezogene Spende: Spendenkonto 1000039634, Stichwort: Blutwerte; Sparkasse, Germersheim-Kandel, BLZ 54851440). Nun ja, wahrscheinlich ist es medienwirksamer für alle möglichen anderen Aktionen zu spenden, als dafür Daten im Rahmen einer Doktorarbeit in der Veterinärmedizin erarbeiten zu lassen, die die eigenen Haltungsbedingungen verbessern helfen könnten. Und ansonsten, worüber sollten wir uns denn sonst Gedanken machen, wenn nicht wieder um ein Weibchen, das an Legenot zu leiden beginnt oder um Sternschildkröten deren Zweit- oder Drittgelege im November nur noch unbeschalt das Muttertier verlässt. Rumtelefonieren und -fragen, woran es liegen könnte, ist ja dank Flatrate billiger als wirklich selbst dort aktiv zu werden, wo eine sinnvolle Möglichkeit dazu besteht. Keine Frage, selbst Tierschützer könnten dieses Nichtstun der Halter als Desinteresse an der Gesunderhaltung auslegen. Und was tun unsere von Terrarianern dominierten herpetologischen Interessenverbände? Na, die werben auf ihren Homepages aktuell erst gar nicht mehr dafür. Klar, die subventionieren Fonds für faunistisch-systematische Sammelreisen von Wissenschaftlern, die sich eigentlich auch als Wissenschaftler ihr Geld über andere Quellen beschaffen könnten. Aber welchen Gewinn brächte das Wissen über den Vitamin D- und vielleicht Kalziumspiegel im Vergleich zu einer neu beschriebenen Art, die die Wissenschaftler vielleicht auch gleich mitgebracht haben. Letzteres ist doch der eigentliche Stoff, der wahre Sammlerherzen höher schlagen lässt, nicht zuletzt, weil neue Arten ja meist bei C.I.T.E.S. noch nicht gelistet sind. Da hat man doch noch echte Chancen (siehe: Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529-530 oder Abstract-Archiv). Aber keine Sorge, auch an dieser Art des Handelns wird sich gesellschaftspolitisch zeigen, wie gut man Öffentlichkeitsarbeit dahingehend gestalten kann, dass man für und wohl auch im Sinne der Terrarianer eine verantwortungsvolle und tierschutzgerechte Exotenhaltung medienwirksam in der Bevölkerung vertretbar darstellen kann. Denn letztendlich wird auch davon die Zukunft abhängen. Siehe auch: Boehme, H., A. Fruth & W. Rabsch (2009): Reptile-associated Salmonellosis in Infants in Germany. – Klinische Padiatrie 221(2): 60-64 oder Abstract-Archiv.

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