Costello, M. J., R. M. May & N. E. Stork (2013): Can We Name Earth’s Species Before They Go Extinct? – Science 339(6118): 413–416.

Können wir allen Spezies der Erde einen Namen geben bevor sie aussterben?

DOI: 10.1126/science.1230318

Einige Leute behaupten, dass die meisten Spezies aussterben, bevor sie überhaupt entdeckt werden. Allerdings resultieren solche Sorgen meist daher, dass die Anzahl der Arten überschätzt wird, und darauf, dass die Expertise zur Beschreibung von Spezies abnimmt, wobei die so genannten „Alarmisten“ auch die Aussterbensrate viel zu hoch einstufen. Wir argumentieren hier dafür, dass die heutige Anzahl der Arten auf der Erde bei 5 ± 3 Millionen liegt, wovon 1,5 Million beschrieben sind. Die neuen Datenbanken zeigen, dass es zurzeit mehr Taxonomen gibt, die neue Spezies beschreiben, als es zu früheren Zeiten gab, und dass deren Anzahl schneller zunimmt als die Rate der Neubeschreibungen. Erhaltungsbemühungen und die Überlebensrate der Spezies in Sekundärhabitaten verzögern zudem das Aussterben. Zudem sind die Aussterbensraten nur sehr unzureichend quantitativ erfasst und reichen von 0,01–1 % (bestenfalls 5 %) pro Jahrzehnt. Wir argumentieren hier für praktische Maßnahmen, um die taxonomische Produktivität zu steigern und wir plädieren für ein damit verbundenes Verständnis der Erhaltungsbiologie zum Biodiversitätserhalt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit, die eigentlich auf eine ganze Reihe von Missverständnissen erinnert, die man überdenken sollte, wie Artenüberschätzung, die wenig quantifizierbare Aussterbensrate und natürlich auch die Zunahme der Taxonomen, die ja nicht einmal so sehr aus der klassischen Taxonomie entstammen, sondern auch dadurch zunehmen, weil eben die Molekulargenetik ein neues modernes Forschungsfeld repräsentiert und deshalb auch im Bereich der molekularen Taxonomie eine Aufwertung und Anerkennung erfährt. Allerdings sollten die Autoren dieser Sciencearbeit meines Erachtens auch berücksichtigen, dass es eben keine verlässlichen quantitativen Daten zum Artenreichtum und für die Aussterbensrate gibt. Ja, und da möchte ich auch gleich anfügen, dass es die auch nie gab, und sehr wahrscheinlich auch nicht geben wird (siehe Kommentar zu Broero 2010). Ich mag der konservativen Einschätzung der Artenzahl (unter Ausschluss der Einzeller, Bakterien und Viren) durchaus zustimmen und meines Erachtens könnte die Artenzahl sogar noch niedriger liegen, denn was eine Art im eigentlichen Sinn ist, ist immer noch Definitionssache, und ich denke vieles, was früher nur als Unterart gelistet war, ist es auch heute noch, denn die neuen Kriterien für eine Art stehen auch auf sehr wackeligen Beinen, wie des Öfteren schon angesprochen. Das – ich nenne es mal – Zeitgeist-Risiko, welches daraus resultiert, dass es, wie die Autoren richtig analysiert haben, immer mehr Taxonomen als Neubeschreibungen von Arten gibt, erzeugt ja gerade dieses ungesunde Karriereklima. Denn auch die Karriere und berufliche Existenz der Taxonomen hängen ja von einem gewissen Erfolgsdruck ab, neue Arten zur Beschreibung zu entdecken. Das dabei trotz der besten Vorsätze oft aus Zeitmangel dann doch nur Altbekanntes neu eingeordnet und beschrieben wird, bleibt hier sogar noch unangesprochen. Erhöht sich damit dann aber wirklich die Anzahl der neu entdeckten Arten? Außerdem wird hier auch noch ein Fehler begangen. Denn die Entdeckung und Beschreibung einer neuen Art sagt noch lange nichts über deren Ökologie und Lebensraumeinnischung aus, beides Grundvoraussetzungen für eine Erfolg versprechende Erhaltungsbiologie. Insofern kann man davon ausgehen, dass der rein taxonomische Erkenntnisgewinn erst einmal gar nichts über die Erhaltung und die Möglichkeiten bzw. Maßnahmen dazu aussagt. Ja und dann verändern sich sowohl rezente Arten im Lauf der Evolution notgedrungen mit ihrer Umwelt, und gewisse Veränderungen können ungeahnte Potenzierungseffekte haben, die letztendlich zu Massenaussterben in relativ kurzen Zeiträumen führen können, von denen es in der Vergangenheit auch schon fünf gab und zwar zu Zeiten, zu denen der moderne Mensch noch nichts dazu beitragen konnte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele liefert ja die Evolution der Photosynthese bei den frühen Algen und Pflanzen, die dazu führte, dass der Sauerstoffgehalt in unserer Atmosphäre so stark zunahm, dass viele der anaerob lebenden Organismen auf der Erdoberfläche aussterben mussten. Ob nun der Mensch durch ungebremstes Verheizen fossiler Energieträger und Klimaerwärmung gefolgt von Methanfreisetzung etc. dazu beiträgt, dass sich dieses Szenario in umgekehrter Weise wiederholen könnte, bleibt Spekulation. Insofern schadet es zwar nicht auf die oben angeführten manchmal missverstandenen Sachverhalte zu verweisen, aber andererseits helfen uns solche, wenn auch in exzellenten Journalen publizierten Artikel in Bezug auf die Problematik wenig, denn die zeigt ganz klar, dass es eigentlich gar nicht um die Arten im einzelnen geht, sondern im Wesentlichen nur darum, wie lassen sich Lebensräume (Habitate, Biotope) und deren Konnektivität erhalten! Wobei letzteres eine mit dem unabdingbaren Wandel verbundene Konsequenz sein muss, um den Arten in einer sich verändernden Umwelt Ausweichmöglichkeiten zu erhalten (s. Kommentar zu Lovich & Ennen (2013) und der dort angeführten Literatur).

Literatur

Boero, F. (2010): The Study of Species in the Era of Biodiversity – A Tale of Stupidity. – Diversity (2): 115-126 oder Abstract-Archiv.

Lovich, J. E. & J. R. Ennen (2013): A quantitative analysis of the state of knowledge of turtles of the United States and Canada. – Amphibia-Reptilia: 34 (2013): 11–23 oder Abstract-Archiv
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