Terebiznik, Mariel, Patrick D. Moldowan, Jessica A. Leivesley, Melanie D. Massey, Claudia Lacroix, Jared W. H. Connoy & Njal Rollinson (2020): Hatchling turtles ingest natural and artificial incubation substrates at high frequency. – Behavioral Ecology and Sociobiology 74(130).
Schlüpfende Schildkröten nehmen häufig natürliche und künstliche Brutsubstrate auf.
DOI: 10.1007/s00265-020-02913-1 ➚

© Hans-Jürgen-Bidmon
Geophagie ist der Verzehr von harten Objekten ohne Brennwert (z. B. Erde, Sand, Sediment), die als Gastrolithen bezeichnet werden. Dieses Verhalten ist bei Tieren weit verbreitet, und unter den Reptilien wurde Geophagie bei Krokodilen und Eidechsen und gelegentlich bei Schildkröten beobachtet. In dieser Studie berechneten wir die Geophagierate von Jungtieren der Schnappschildkröte (Chelydra serpentina) und der Zierschildkröte (Chrysemys picta) unter verschiedenen Inkubationsprotokollen, die von hochgradig künstlichen bis zu halbnatürlichen Bedingungen reichten. Bei mehreren Experimenten, bei denen die Eier auf dem Nistplatzsubstrat bebrütet wurden, zeigten 66 % der Jungtiere der Zierschildkröte und 58-93 % der Jungtiere der Schnappschildkröte innerhalb von 24 Stunden nach dem Schlüpfen eine Geophagie. Bei Schnappschildkröten, die ein simuliertes natürliches Verlassen des Nests erlebten, lag die Rate der Gastrolithenaufnahme bei 85-100 %. Schnappschildkröten aus flachen simulierten Nestern schlüpften früher und wiesen höhere Geophagieraten auf als solche aus tieferen Nestern. Angesichts der hohen Häufigkeit, des kurzen Zeitraums (24 bis 72 Stunden) und der Vielfalt der Inkubationsprotokolle, bei denen Geophagie auftrat, vermuten wir, dass dieses Verhalten beabsichtigt ist. Wir erörtern mehrere Hypothesen zur adaptiven und funktionalen Bedeutung des geophagischen Verhaltens bei Cheloniden, fassen die vorhandene Literatur zur Geophagie bei Cheloniden zusammen und beleuchten die möglichen Auswirkungen der Geophagie von Schlüpflingen auf Ex-situ-Zucht- und Aufzuchtprogramme in Gefangenschaft. Angesichts der Tatsache, dass die Jungtiere ihr Inkubationsmedium leicht verzehren, sollten die Pfleger das Substrat, dem ihre Tiere ausgesetzt sind, sorgfältig auswählen. Künftige Forschungsarbeiten sollten sich mit der Frage befassen, wie weit die Geophagie bei jungen Schildkröten verbreitet ist und welche Rolle dieses Verhalten möglicherweise für die Ökologie und Gesundheit der Jungtiere spielt, einschließlich der Auswirkungen auf das Darmmikrobiom.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Auch hier bleibt bislang unklar warum die Schlüpflinge zur Geophagie neigen. Was man bei ihnen sicher ausschließen kann, ist, dass sie Geophagie dazu nutzen um ihre Schwimmbalance zu optimieren wie das früher mal behauptet wurde (Sachsse, 1971). Die Arbeit endet aber mit einer sehr ausführlichen Diskussion und Literaturübersicht über dieses Thema, wobei auch klar wird, dass sowohl Landschildkrötenschlüpflinge wie auch Wasserschildkrötenschlüpflinge Geophagie zeigen. Dazu werden auch mögliche Zusammenhänge zwischen Nesttiefe, Inkubationstemperatur, Überwinterung im Nest und Frostschutz diskutiert. Was allerdings noch nie untersucht wurde ist wohl, ob es einen Zusammenhang zwischen Restdottermenge und Geophagie nach dem Schupf gibt. Es wird aber eine interessante Hypothese angeführt, die darauf abzielt, dass Urin, der von den Müttern während des Nistvorgangs abgegeben wird, eventuell eine Bedeutung für die Überwinterung oder gar bei Dürren haben könnte, denn Harnstoff sowie im Harn enthaltene urolytische Mikroorganismen könnten für die Schlüpflinge wichtig sein, da die Bildung von Harnstoff im Darm auch einen guten Gefrierschutz bietet, wie das auch von einigen beim Überwintern einfrierenden Fröschen bekannt ist. Letzteres könnte auch für Landschildkröten zutreffen, die noch kurz vor Einsetzen des Winters schlüpfen.
Literatur
Sachsse, W. (1971): Was ist Ballast in der Nahrung von Schildkröten? – Salamandra 7(3/4): 143-148; PDF: Salamandra Journal ➚.
Galerien
Chelydra serpentina – Schnappschildkröte
Chrysemys picta – Zierschildkröte
