Converse, P. E., S. R. Kuchta, J. S. Hauswaldt & W. M. Roosenburg (2017): Turtle soup, Prohibition, and the population genetic structure of Diamondback Terrapins (Malaclemys terrapin). – PLoS One 12(8): e0181898.

Schildkrötensuppe, Prohibition und die populationsgenetische Struktur der Diamantschildkröten (Malaclemys terrapin).

DOI: 10.1371/journal.pone.0181898

Malaclemys terrapin Hans Juergen Bidmon Aquaterrarium02Eine Diamantschildkröte, Malaclemys terrapin, im Aquaterrarium
© Hans-Jürgen Bidmon
Diamantschildkröten (Malaclemys terrapin) waren im frühen zwanzigsten Jahrhundert ein populäres Nahrungsmittel in Amerika und wurden als Suppe mit Sherry serviert. Die wirklich hohe Nachfrage auf den Märkten nach Schildkrötenfleisch führte zu Populationseinbrüchen entlang der Atlantikküste. Die Bemühungen die Märkte zu versorgen führte zur Verfrachtung von Schildkröten aus allen Herkunftsgebieten um damit die diversen Farmen aufzustocken. Allerdings kam es dann 1920 mit der 18. Änderung in der Verfassung der Vereinigten Staaten und dem Inkrafttreten der Prohibition von Alkohol zum Einbruch des Schildkrötensuppenmarktes. Letzteres führte dazu, dass viele der Schildkrötenfarmen ihre Tiere einfach in den lokalen Gewässern entsorgten. Wir benutzten hier Mikrosatellitendaten um das genetische Muster entlang der Küste zu entschlüsseln und wie diese Muster mit den historischen Berichten über die Verfrachtungen und den Farmaktivitäten übereinstimmen. Wir identifizierten mögliche Verbreitungsmuster durch den Menschen indem wir eine Abschätzung des historischen Genflusses bis heute durchführten und diese durch Anwendung von Tests nach dem Bayesian-Modell ergänzten, wobei wir auch Flaschenhalstests einbezogen. Wir erfassten so sechs genotypische Cluster entlang der Golf- und Atlantikküste mit unterschiedlichen Graden der Durchmischung einschließlich dem Nachweis von geschichtlichen Genflüssen von Texas nach South Carolina, von North Carolina hinein nach Maryland und von North Carolina in Richtung New York. Zudem zeigte sich, dass die Bayesian-Modelle unter Einbezug der Verfrachtungsereignisse bessere Daten lieferten als die Schritt-für-Schritt (Stepping stone) Modelle. Zu guter Letzt konnten wir in allen Analysen keine Populationsflaschenhälse nachweisen was sehr wahrscheinlich durch die Umsiedlungen und das Aussetzen dazu führte, dass neues genetisches Material in die Flaschenhalspopulationen eingebracht worden war und diesen Sachverhalt damit erklärt. Unsere Daten lassen den Schluss zu, dass der derzeitige Status des genetischen Musters und der genetischen Diversität bei dieser Schildkröte durch die Nachfrage nach Schildkrötensuppe gefolgt von der Alkoholprohibition geformt wurde. Zudem zeigt die Studie, dass populationsgenetische Techniken die Dynamiken innerhalb von Metapopulationen bei Taxa mit komplexer genetischer Geschichte und menschlicher Einflussnahme aufklären können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Malaclemys terrapin Hans Juergen Bidmon Aquaterrarium01Eine Diamantschildkröte, Malaclemys terrapin, im Aquaterrarium
© Hans-Jürgen Bidmon
Ein schönes Beispiel dafür wie der Mensch als Teil der Natur, letztere nachhaltig beeinflusst, wobei auch früher schon immer wirtschaftliche Interessen im Vordergrund standen. Allerdings zeigt dieses Beispiel auch, dass es in Bezug auf den Genfluss den Populationen nicht geschadet hat und man könnte sich sogar retrospektiv fragen ob nicht so manche ausgedünnte von einem genetischen Flaschenhals betroffene Population bis heute hätte überleben können, wenn nicht neues („fremdes Blut“) Genmaterial eingebracht worden wäre. Jedenfalls mag man zwar heute wieder anfangen Unterarten etc. von M. terrapin, wie M. t. centrata centrata usw. zu postulieren, aber allen sollte wohl durch solche Arbeiten klarwerden, dass es reine Unterarten von Malaclemys terrapin seit dieser Zeit nicht mehr gibt und die lokalen Unterschiede in deren Morphologie oder Zeichnung eher den Anpassungen an die derzeitigen Veränderungen und Anpassungen (Plastizität) in den jeweiligen Habitaten entsprechen dürften (siehe gerade dazu auch Wolak et al., 2010 und den dortigen Kommentar). Insofern eigentlich ein gutes Beispiel dafür, dass zumindest solche Unterarthybridisierungsereignisse den Tieren nicht schaden und eher dazu beitragen deren Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Was letztendlich überlebenssichernd sein kann! Insofern zeigt dieses Beispiel auch, dass es eben der Mensch ist der diese abstrakten taxonomischen Einteilungen vornimmt. Letztere haben zwar eine evolutive Basis, die ist aber meist nur ein temporäres Phänomen das dem Wandel der Zeit und dem Verlauf der Erdgeschichte folgt. Siehe auch Gong et al., (2018) und den dortigen Kommentar.

Literatur

Gong, S., M. Vamberger, M. Auer, P. Praschag & U. Fritz (2018): Millennium-old farm breeding of Chinese softshell turtles (Pelodiscus spp.) results in massive erosion of biodiversity. – Naturwissenschaften 105(5-6): 34 oder Abstract-Archiv.

Wolak, M. E., G. W. Gilchrist, V. A. Ruzicka, D. M. Nally & R. M. Chambers (2010): A Contemporary, Sex-Limited Change in Body Size of an Estuarine Turtle in Response to Commercial Fishing – Conservation Biology 24: 1268–1277 oder Abstract-Archiv.>.

 

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