Moeller, Christin, Scott E. Henke, Sandra Rideout-Hanzak & Cord B. Eversole (2026): Behavioral Selection of Coprophagy in an Arid-Adapted Herbivore: Does a Compatibility-Risk Gradient Shape Selective Coprophagy?. – Ecology and Evolution 16(4): e73444.
Verhaltensselektion bei der Koprophagie eines an Trockengebiete angepassten Pflanzenfressers: Bestimmt ein Kompatibilitäts-Risiko-Gradient die selektive Koprophagie?
DOI: 10.1002/ece3.73444 ➚

Gopherus berlandieri,
© Daniel A. Guerra
Koprophagie ist unter Pflanzenfressern weit verbreitet, bei Reptilien jedoch nach wie vor kaum erforscht, da ihre ökologische Funktion selten untersucht wurde. Wir führten kontrollierte Auswahlversuche mit 25 erwachsenen Texas-Gopherschildkröten (Gopherus berlandieri) durch, einer an Trockengebiete angepassten Art mit Dickdarmfermentation, um festzustellen, ob der Verzehr von Kot eine zufällige Aufnahme oder eine selektive Verhaltensstrategie darstellt. Jeder Schildkröte wurden sechs Kotarten präsentiert, die eigener, artgleicher und artfremder Herkunft waren wie Wildschwein (Sus scrofa), Waschbär (Procyon lotor), Kojote (Canis latrans) und asiatische Nilgaiantilope (Boselaphus tragocamelus). Koprophagie trat bei 96 % der Individuen auf, und sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die relative Menge des Verzehrs unterschieden sich signifikant zwischen den Kotarten. Die Landschildkröten zeigten eine konsistente Präferenzhierarchie (z. B. für eigenen Kot und dem von Artgenossen, Wildschwein, Waschbär, Kojote, Nilgaiantilope), was Hinweise auf einen Kompatibilitäts-Risiko-Gradienten liefert, bei dem die Individuen den Kot bevorzugten, der in seiner Nahrungszusammensetzung und seinem mikrobiellen Ursprung am ähnlichsten war, während sie jenen mieden, der wahrscheinlich ein Verdauungs- oder pathogenes Risiko darstellte. Diese Muster deuten darauf hin, dass Koprophagie als Verhaltensmechanismus zur Nährstoffrückgewinnung und mikrobiellen Erhaltung dient und die Fermentationseffizienz in Umgebungen aufrechterhält, in denen mikrobielle Reservoirs nur vorübergehend vorhanden sind. Durch die selektive Regulierung der mikrobiellen Exposition mildern Landschildkröten ökologische Einschränkungen, die durch Trockenheit und geringe Nährstoffverfügbarkeit entstehen. Unsere Ergebnisse identifizieren selektive Koprophagie als ein adaptives Verhalten, das die individuelle Physiologie mit dem Nährstoff- und Mikrobiologiekreislauf in ariden Ökosystemen verknüpft und veranschaulicht, wie Verhaltensflexibilität das Überleben langlebiger Wirbeltiere in ressourcenarmen Umgebungen fördert.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hierbei handelt es sich um eine interessante Arbeit, da man Koprophagie bei vielen Landschildkrötenspezies beobachten kann. Allerdings scheint es auch Unterschiede bezüglich der Präferenzen bei den verschiedenen Arten zu geben oder diese Präferenzen verändern sich kontextabhängig z. B. um bestimmte Vitamin- oder Nährstoffmangelsituationen auszugleichen, denn Europäische Landschildkröten scheinen Katzen- bzw. Hundkot klar gegenüber dem Kot ihrer eigenen Artgenossen vorzuziehen. Allerdings bestätigen die hier bei der Gopherus berlandieri gemachten Beobachtungen auch die Beobachtung, dass Individuen im gleichen Lebensraum oder verwandte Individuen ähnliche Darmmikrobiome aufweisen. Zudem scheinen die Tiere etwas zu tun was ihnen durchaus helfen kann ihr Darmmikrobiom stabil zuhalten, was für Schlüpflinge sogar essentiell sein kann damit sie sich einem lokalspezifischen Nahrungsspekturm anpassen können. Siehe dazu auch die Arbeit von Hetterich & Pees (2025) sowie die Beobachtung von Abraham et al. (2024).
Literatur
Abraham, A. J., M. L. H. Louw, L. M. van Dijk & A. B. Webster (2024): Consumption of hyaena faeces and artificial mineral licks by leopard tortoises (Stigmochelys pardalis) in a low-nutrient environment. – African Journal of Ecology 62(3): e13308 oder im Abstract-Archiv.
Hetterich, J. & M. Pees (2025): Case Report: Oral fecal microbiota transplantation in a Mediterranean spur-thighed tortoise (Testudo graeca) suffering from chronic gastrointestinal disease-procedure, clinical outcome and follow-up. – Frontiers in Veterinary Science 12: 1560689 oder im Abstract-Archiv.
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Gopherus berlandieri – Texas-Gopherschildkröte