Hermanson, Guilherme & Serjoscha W. Evers (2026): Ecological selectivity of diet on turtle K/Pg survivorship. – Biology Letters 22(3): 20250790.
Die ökologische Nahrungsselektivität und deren Auswirkung auf das Überleben der Schildkröten während der Kreide-Paläogengrenze.

Macrochelys temminckii, © Brad M. Glorioso
Das Massenaussterben an der Kreide-Paläogen-Grenze (K/Pg) war katastrophal und löschte einen Großteil des terrestrischen Lebens sowie ganze ikonische Wirbeltiergruppen aus, wie nicht-fliegende Dinosaurier und viele große Meeresreptilien. Schildkröten gehörten jedoch zu den weniger betroffenen Reptiliengruppen und überlebten bis ins Känozoikum (Neuzeit) mit minimalem Verlust an Artenvielfalt. Es wurde vermutet, dass die Ernährung die hohe Überlebensrate der Schildkröten erklärt, da mehrere K/Pg-Überlebende Anpassungen an eine durophage Ernährung aufweisen, doch dies wurde nie ordnungsgemäß überprüft. Wir verwenden phylogenetische Vergleichsmethoden, um die Durophagie im Verlauf der Schildkrötenevolution abzubilden und den Zusammenhang zwischen dem Überleben der Schildkröten und der Durophagie statistisch zu testen. Schildkröten entwickelten im Laufe ihrer Geschichte mehrfach Durophagie, und unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Anzahl der durophagen Abstammungslinien während des K/Pg-Übergangs stabiler war als die der nicht-durophagen. Darüber hinaus zeigen unsere Ergebnisse, dass Durophagie positiv mit dem Überleben der Schildkröten während des K/Pg-Übergangs korreliert, wobei durophage Arten höhere prognostizierte Überlebenswahrscheinlichkeiten aufweisen. Da auch nicht-durophage Schildkrötenlinien überleben, wenn auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit, könnten auch andere Faktoren das Überleben der Schildkröten beeinflussen. Insgesamt liefert diese Studie numerische Belege für eine ökologische Selektivität in der Ernährung unter den überlebenden Schildkröten am Ende der Kreidezeit. Zukünftige taxonomische Auswertungen des Fossilienbestands von Schildkröten um die K/Pg-Grenze werden entscheidend sein, um diese Ergebnisse zu verfeinern.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Hier einmal mehr eine Arbeit, die andeutet, dass je nach Umweltkontext auch die Ernährung oder auch Anpassung an eine andere Ernährungsweise zum Überleben entscheidend sein kann. Wie die Fossilfunde belegen, scheinen also die Schildkrötenspezies die sich von hartschaligen Tieren, wie Schnecken, Muscheln und Krebstieren ernähren Überlebensvorteile gehabt zu haben. Da es sich hier um ein Zeitfenster handelt zu dem die großen Dinosaurier aufgrund eines Meteoriteneinschlags gefolgt von einer Abkühlung ausstarben. Zu dieser Zeit war also wahrscheinlich eine proteinreiche Ernährung, die für wechselwarme Organismen bei niedrigerer Temperatur leichter zu verdauen ist ein Vorteil. Ob dazu auch die Durophagie gehörte muss wohl noch zeigen, denn dieser Befund könnte auch sekundär sein, weil eben viele der aquatischen Schildkrötenspezies mit omnivorer bis karnivorer Lebensweise sich wohl damals, wie auch heute noch von solchen hartschaligen Lebewesen ernähren. Solche Entwicklungen könnten auch zukünftig für das Überleben mit entscheidend sein, denn wie einige Physiker prognostizieren könnten auch mit dem Klimawandel einhergehende Meeresspiegelanstiege mit entsprechenden Druckverschiebungen auf den Erdmantel zu vermehrten Vulkanausbrüchen führen (z. B. Aubry et al., 2022) die häufig auch mit einer Klimaabkühlung einhergehen solche Szenarien erneut verursachen. Letzteres könnte dafürsprechen, dass auch hier Meeresschildkröten und die Flussdeltas bewohnenden mehr karnivoren Spezies den Stammbaum der Chelonier verlängern, und zwar nicht nur jene mit einer genetisch vererbten Geschlechtsbestimmung sondern auch für jene mit TSD. Auch daran sehen wir wieder komplex sich solche Umweltveränderungen auswirken können. Siehe dazu auch die Kommentare zu Barnosky et al. (2017) und Bodensteiner et al. (2023).
Literatur
Aubry, T. J., J. I. Farquharson, C. R. Rowell, S. F. L. Watt, V. Pinel, F. Beckett, J. Fasullo, P. O. Hopcroft, D. M. Pyle, A. Schmidt & J. Staunton-Sykes (2022): Impact of climate change on volcanic processes: current understanding and future challenges. – Bulletin of Volcanology 84(58): 2-11; DOI: 10.1007/s00445-022-01562-8 ➚.
Barnosky, A. D., E. A. Hadly, P. Gonzalez, J. Head, P. D. Polly, A. M. Lawing, J. T. Eronen, D. D. Ackerly, K. Alex, E. Biber, J. Blois, J. Brashares, G. Ceballos, E. Davis, G. P. Dietl, R. Dirzo, H. Doremus, M. Fortelius, H. W. Greene, J. Hellmann, T. Hickler, S. T. Jackson, M. Kemp, P. L. Koch, C. Kremen, E. L. Lindsey, C. Looy, C. R. Marshall, C. Mendenhall, A. Mulch, A. M. Mychajliw, C. Nowak, U. Ramakrishnan, J. Schnitzler, K. Das Shrestha, K. Solari, L. Stegner, M. A. Stegner, N. C. Stenseth, M. H. Wake & Z. Zhang (2017): Merging paleobiology with conservation biology to guide the future of terrestrial ecosystems. – Science; 355(6325): DOI: 10.1126/science.aah4787 ➚.
Bodensteiner, B. L., J. B. Iverson, C. A. Lea, C. L. Milne-Zelman, T. S. Mitchell, J. F. Refsnider, K. Voves, D. A. Warner & F. J. Janzen (2023): Mother knows best: nest-site choice homogenizes embryo thermal environments among populations in a widespread ectotherm. – Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological sciences 378(1884) oder Abstract-Archiv.
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Macrochelys temminckii – Geierschildkröte
