Hunter, Christina, Deborah S. Bower, Richard A. Peters & James U. Van Dyke (2025): Reversing global causes of juvenile recruitment loss as a means to recover endangered freshwater turtles. – Biological Reviews 101(2): 926-943.
Die Bekämpfung der globalen Ursachen für den Verlust junger Tiere als Mittel zur Erholung der Bestände gefährdeter Süßwasserschildkröten.
DOI: 10.1002/brv.70110 (externer Link)

Emys orbicularis,
© Hans-Jürgen-Bidmon
Schildkröten gehören zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltiergruppen; über 50 % der weltweiten Schildkrötenarten sind aufgrund einer Reihe von ökologischen und anthropogenen Herausforderungen vom Aussterben bedroht. Trotz der scheinbaren Beständigkeit vieler Schildkrötenarten aufgrund ihrer langen Lebensdauer im Erwachsenenalter kann eine hohe Sterblichkeit in der frühen Lebensphase zum Rückgang der Populationen beitragen, indem sie den Nachwuchsnachschub stört und den Ersatz alternder Erwachsener verhindert. Bei langlebigen Arten, die sich ohnehin nur langsam von Bestandsrückgängen erholen, kann ein verminderter Nachwuchs die Erholung der Populationen weiter verzögern, was die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich unterstreicht. Um das Aussterben weiterer Schildkrötenarten zu verhindern, sind gezielte Schutzmaßnahmen in allen Lebensphasen erforderlich; diese Bemühungen werden jedoch durch Wissenslücken hinsichtlich der Ursachen für das Versagen der Nachwuchsproduktion und der wirksamsten Managementstrategien behindert. Zu den häufigen Bedrohungen für den Nachwuchs gehören Prädation und die Auswirkungen des Klimawandels; jedoch können auch seltener genannte Faktoren wie Umweltverschmutzung und die Verfügbarkeit von Nahrung eine bedeutende Rolle spielen. Damit Strategien zur Förderung des Nachwuchses wie Nestschutz, Wiederherstellung von Lebensräumen und Prädatorenmanagement wirksam sind, müssen sie auf die dringendsten Bedrohungen für die betreffende Schildkrötenpopulation zugeschnitten und so konzipiert sein, dass sie mit den verfügbaren Ressourcen in Einklang stehen. Strategien sollten sowohl umsetzbar als auch angemessen skaliert sein, um dem Schweregrad und dem Ausmaß der Bedrohungen, denen sie entgegenwirken sollen, gerecht zu werden. Die Integration gezielter Maßnahmen zur Minderung von Rekrutierungsverlusten in umfassendere Artenschutzbemühungen – wie die Verbesserung der Nahrungsverfügbarkeit und die Verringerung menschlicher Eingriffe – ist entscheidend, um den Bestandsrückgang umzukehren und den langfristigen Fortbestand der Art zu sichern. Hier fassen wir den aktuellen Wissensstand zu den Hindernissen für die Rekrutierung von Jungtieren zusammen, bewerten die Wirksamkeit und Grenzen bestehender Schutzmaßnahmen und identifizieren wichtige Prioritäten für zukünftige Forschung und Management.
Kommentar von H.-J. Bidmon
Diese Übersichtsarbeit liefert eine Liste von Faktoren wie Nahrungsverfügbarkeit, Umweltverschmutzung, Beutegreifer, die Entnahme von Tieren, Klimawandel sowie weitere menschliche Einflussnahmen, die den meisten bekannt sein dürften, obwohl sie hier wiederholtermaßen nochmals ausführlich angesprochen werden. Dennoch vermisse ich auch hier einen wesentlichen Aspekt, den man zwar immer leicht mit dem Argument „wir haben“ doch den Habitatverlust angemerkt zurückweisen kann, aber wirklich einmal ausführlich abgehandelt wird er meist nicht. Lebensraumverlust ist aber eine der schwerwiegendsten Einflussnahmen auf den Biodiversitätserhalt. Gerade jetzt, wo viele wieder in den Urlaub fliegen, sollte uns das bewusst werden, denn wenn man beim Überflug mal aus dem Fenster schaut, wird einem sehr schnell klar, wie viel die Urbanisierung und Agrarwirtschaft an natürlichen Lebensraum übriglassen. Ja, und wenn man die Gegenden mal direkt aufsucht, stellt man betrübt fest, dass so manche als Wald erschienene Fläche eigentlich nichts anderes ist als ein bewirtschafteter Olivenhain, der ja auch mit Herbiziden und Pestiziden behandelt wird. Mit großen Hinweisschildern ausgewiesene Naturschutzzonen findet man meist dort, wo die Böden viel zu unergiebig für Ackerbau und selbst Schafhaltung sind und wo man höchstens mal eine wilde Bergziege beobachten kann. In solchen kargen Regionen mag zwar noch so manches seltene Reptil sowie manche Vogelpopulation überleben, aber auf größere Bestandszunahmen kann man dort wohl auch unter strengen Schutzmaßnahmen nicht hoffen. Vergleiche mit früheren guten Beständen gehören meist Erzählungen an, denn in den agrarwirtschaftlich ausgeräumten und landschaftlich homogenisierten Gebieten kann man ja keine echten Bestandsvergleiche mehr anstellen. Siehe dazu auch Biaggini & Corti (2018) und den dortigen Kommentar.
Literatur
Biaggini, M. & C. Corti (2018): Facing Habitat Reduction in Your Own Shell: Patterns of Non-lethal Injuries in the Endangered Tortoise Testudo hermanni in Italy. – Herpetological Conservation and Biology 13(3): 539-550 oder im Abstract-Archiv.
Galerien
Emys orbicularis – Europäische Sumpfschildkröte