Znari, M., D. J. Germano & J. C. Mace (2005): Growth and population structure of the Moorish Tortoise (Testudo graeca graeca) in Westcentral Morocco: possible effects of over-collecting for the tourist trade. – Journal of Arid Environments 62 (1): 55-74.

Wachstum und Populationsstruktur der maurischen Landschildkröte (Testudo graeca graeca) in Westzentral-Marokko: Mögliche Einflüsse durch das übermäßige Sammeln für den Handel mit Touristen

Im Jahr 2001 untersuchten wir 284 maurische Landschildkröten (Testudo graeca graeca) im Jbiletgebirge, den Admine-Wäldern und einer Gegend nahe Essaouria in Westzentral-Marokko. Die Körpergrößenzusammensetzung, aber nicht die Alterstruktur, unterschieden sich zwischen den Populationen signifikant. Sehr alte Schildkröten wurden in keiner der drei Populationen gefunden. Die meisten Schildkrötenpopulationen waren durch das in der Vergangenheit häufig erfolgte Absammeln für den Schildkrötenhandel mit Touristen stark beeinträchtigt, wobei auch noch heute an einigen Stellen weiter gesammelt wird. Letzteres mag das Fehlen älterer Exemplare erklären. Die in den drei Populationen verbliebenen Schildkröten, die wir untersuchten, zeigten sowohl für die Weibchen als auch für die Männchen ein relativ schnelles Wachstum bis zum Alter von 10-12 Jahren, danach reduzierte sich der Zuwachs drastisch. Die Weibchen zeigten in allen Populationen ein größeres asymptotisches Wachstum als die Männchen und die Carapaxlänge sowie die Masse (logarithmisch) unterschied sich in einem Alter von 9 Jahren signifikant zwischen den Geschlechtern. Es gab allerdings eine Ausnahme, die die Masse der Schildkrötenpopulation in Essaouria betraf, wobei sich hier die Geschlechter schon im Alter von nur 6 Jahren signifikant unterschieden. Im Vergleich zwischen den Populationen zeigten die Tiere aus den Admine-Wäldern und Essaouria durchschnittlich wesentlich größere Carapaxlängen und Masse im Vergleich zu jenen aus den Jbiletgebirge. Das durchschnittliche Alter bis zur Geschlechtsreife variierte bei Männchen zwischen 5,8-7,6 Jahren und bei Weibchen zwischen 7,7-10,5 Jahren. Obwohl die Abundanz (Häufigkeit, Anzahl der Individuen) in allen drei Populationen durch das Absammeln beeinträchtigt war, so dass keine alten Tiere mehr gefunden werden konnten so zeigte sich doch, dass die derzeit zwischen den Populationen festgestellten Unterschiede in Bezug auf Größe, Wachstum und Populationsstruktur auf die geographische Variation (Lokale Umweltunterschiede) zurückzuführen sind. Dies lässt vermuten, dass bei allen drei Standorten verschiedene Selektionsmechanismen auf die Tiere einwirken.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Für mich ist erstaunlich, dass gerade die alten Tiere in den Populationen fehlen, denn bislang war ich immer davon ausgegangen, dass den Touristen die kleinen handlichen Schmuggelexemplare angeboten werden. Vielleicht hat sich aber auch die Entnahmestrategie längst geändert, da ja so viele angebliche Nachzuchtfarmen ins Leben gerufen werden, brauchen die natürlich möglichst alte Schildkröten. Diese Arbeit enthält als für die Haltung wesentliche Punkte, dass das Wachstum der Tiere und der Beginn der Geschlechtsreife doch auch unter natürlichen Bedingungen recht früh liegen kann, zumindest früher als oft behauptet oder vermutet. Zudem wird deutlich, dass die Tiere, die im Gebirge aufgrund der anderen Umweltbedingungen kleiner bleiben, nicht gleich eine neue Art bzw. Unterart darstellen müssen, sodass der so genannte große Testudo-graeca-Komplex eigentlich kleiner ist als er uns von der konventionellen Systematik dargestellt wird, was nicht heißen soll, dass es Unterschiede zwischen den Lokalpopulationen gibt (siehe dazu auch van der Kuyl, A. C., D. L. Ballasina & F. Zorgdrager (2005): Mitochondrial haplotype diversity in the tortoise species Testudo graeca from North Africa and the Middle East. BMC Evol Biol. 2005,5 (1): 29 [online verfügbar], die gerade mal zwei Gruppen, nämlich T. graeca ibera der Türkei und Süd-Ost Europas und T. graeca graeca aus Nordafrika abgrenzen können und ausdrücklich darauf verweisen, dass die Anhaltspunkte für die Existenz von insgesamt 15 vorgeschlagenen Arten auf sehr wackeligen Annahmen beruhen). Hier würde ich eher für Pragmatismus plädieren, der durchaus bei der Haltung und Zucht nach Möglichkeit die Herkunft der Tiere berücksichtigen sollte, aber dennoch nicht systematisch ausufern sollte, denn Asiaten und Europäer unterscheiden sich sowohl im Aussehen als auch in Bezug auf bestimmte physiologische Aspekte fast deutlicher als T. graeca untereinander und trotzdem beschreibt derzeit niemand ernsthaft Homo sapiens asiaticus, und den Anthropologen, die dies noch bis zum Anfang des frühen 20. Jahrhunderts getan haben, unterstellt man heute in neueren Publikationen eine naive Betrachtungsweise.

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