Walker, R.C.J. (2010): The decline of the critically endangered northern Madagascar spider tortoise (Pyxis arachnoides brygooi). – Herpetologica 66: 411–417.

Der Rückgang der stark gefährdeten nördlichen Spinnenschildkröte Madagaskars (Pyxis arachnoides brygooi).

Die nördlichste Unterart der madagassischen Spinnenschildkröten (Pyxis arachnoides brygooi) lebt endemisch im küstennahen Mikea-Waldgebiet des südwestlichen Madagaskars. Zur Ökologie von P. a. brygooi ist nur sehr wenig bekannt, aber es wird derzeit vermutet, dass ihr Verbreitungsgebiet sehr fragmentiert ist, und verbliebene Populationen durch Habitatzerstörung und Wilderei für den Heimtierhandel bedroht sind. Zur systematischen Populationserfassung wurde die Linien-Transect-Methode angewandt, wobei das aus der Vergangenheit bekannte Gesamtverbreitungsgebiet dieser Unterart bearbeitet wurde. Die Ergebnisse wurden in eine GIS-Datenbank (GIS = geographisches Informationssystem) aufgenommen. Die Auswertung zeigte, dass die Unterart nur noch auf 20,5 % ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes und nur noch in drei fragmentierten Populationen auf 499,6 km2 anzutreffen ist. Es ergab sich auch eine Zone mit einem stufen weisen Übergang zwischen dem südlichsten Vorkommen von P. a. brygooi und dem nördlichsten Verbreitungsgebiet der Nominatform P. a. arachnoides. Die Ergebnisse dieser Erfassung werden derzeit für die Etablierung von Managementplänen für neu geplante Schutzgebiete innerhalb der Region genutzt um diese relativ kleinen Reliktpopulationen zu erhalten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit beschreibt, neben einer detaillierten Datenerfassung während der Hauptaktivitätszeit der Art, den seit etwa 1981 erfolgten Habitatverlust und die Tatsache, dass Spinnenschildkröten im Gegensatz zur Strahlenschildkröte in landwirtschaftlich genutzten Gebieten nicht überleben und völlig verschwinden. Zudem wird auch im Methodenteil dieser Arbeit schon darauf verzichtet genaue Standortangaben für die drei verbliebenen kleinen Reliktpopulationen anzugeben, um es möglichen Sammlern und Händlern nicht noch leichter zu machen, die letzten Vorkommen zu plündern (siehe dazu Kommentar zu Siroky & Fritz, 2009 ; Hall et al., 2008; Rivalan et al., 2007; Kuchling et al., 2007). Zudem hat der Autor auch innerhalb dieser Unterart Populationsunterschiede beobachtet, die andeuten, dass sich diese fragmentierten Populationen in eigene Lokalformen differenzieren ließen. Insofern eine sehr interessante Arbeit die Einblicke in die Situation der Unterart liefert und die sehr deutlich auf das eigentliche Problem im Artenschutz verweist. Nämlich den Landschafts- oder Habitatschutz, denn ohne die entsprechende Erhaltung der Habitate sind manche Spezies einfach nicht zu erhalten. Die von international tätigen Schutzorganisationen propagierten, auf die jeweilige Art fokussierten Erhaltungsziele, lassen oft den Aspekt des Landschaftsschutz außen vor oder behandeln ihn eher zweitrangig ohne zu begreifen, dass er eigentlich den Vorrang haben sollte.
Der Autor arbeitet sehr gut heraus, dass schon andere in der Arbeit zitierte Wissenschaftler vor ca. 20 bis 30 Jahren auf die Schutzwürdigkeit der Unterart hingewiesen haben, dass aber trotz dieser Erkenntnisse die Habitate zerstört und agrarwirtschaftlich genutzt wurden.
Mit neu zu entwickelnden Managementplänen soll die Region in drei Kleinschutzgebiete unterteilet werden, in denen die Reliktpopulationen ohne Wiederherstellung der Möglichkeiten des Genflusses zwischen den Populationen, geschützt werden sollen.
Vorausschauendes Handeln sieht meines Erachtens anders aus als nur im Nachhinein eine „flächenangepasste“ Reliktverwaltung zu betreiben, wobei für die Arten gar nicht sicher ist wie lange sie überhaupt unter diesen Bedingungen existieren können. Hier darf aber in einer Gesamtbetrachtung und Situationsabwägung auch nicht fehlen mal auf die sozialökonomische Situation der betreffenden Regionen und Länder zu schauen. Es macht doch eigentlich für uns Europäer (diese Arbeit stammt aus England) wenig Sinn nur eine Verschlechterung der Artenschutzsituationen in der dritten Welt anzuprangern ohne diesen Menschen Alternativen zur Nutzung oder zum Raubbau an den natürlichen Ressourcen aufzuzeigen und sie zu unterstützen. Letztendlich sollten wir als Europäer auch mit gutem Beispiel voran gehen und uns fragen wie handeln wir eigentlich wenn es uns direkt vor Ort selbst betrifft? (siehe dazu auch Anmerkungen zu: Catry et al., 2009,). Oder mal zynisch gefragt – lohnen sich für die reichen Erstweltstaaten solche Erfassungs- und Schutzversuchsmaßnahmen nur, weil damit wieder einmal ein neuer Seltenheitswert festgestellt wird, der zum einen den Handelswert für die jeweilige Art steigen lässt (Hall et al. 2008) und zum anderen auf den Prioritätenlisten der Schutzorganisationen dazu dient werbewirksam zum Einwerben von Spenden für Erhaltungsmaßnahmen und Nachtzuchtprogramme zu fungieren?

Literatur

Catry, P., C. Barbosa, B. Paris, B. Indjai, A. Almeida, B. Limoges, C. Silva & H. Rio Pereira (2009): Status, Ecology, and Conservation of Sea Turtles in Guinea-Bissau. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 150-160 oder Abstract-Archiv.

Hall, R. J., E. J. Milner-Gulland & F. Courchamp (2008): Endangering the endangered: The effects of perceived rarity on species exploitation. – Conservation Letters 1 (2): 75-81 oder Abstract-Archiv.

Kuchling, G., A. G. J. Rhodin, B. R. Ibarrondo & C. R. Trainor (2007): A new subspecies of the Snakeneck Turtle Chelodina mccordi from Timor-Leste (East Timor) (Testudines:Chelidae). – Chelonian Conservation and Biology 6 (2): 213-222 oder Abstract-Archiv.

Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529-530 oder Abstract-Archiv.

Siroky, P. & U. Fritz (2007): Is Testudo werneri a distinct species? – Biologica Bratislava, 62: 1-4 oder Abstract-Archiv.

Seitenanfang