Vargas-Ramirez, M., C. del Valle, C. P. Ceballos & U. Fritz (2017): Trachemys medemi n. sp from northwestern Colombia turns the biogeography of South American slider turtles upside down. – Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 55: 326-339; DOI: 10.1111/jzs.12179.

Trachemys medemi n. sp aus dem nordwestlichen Kolumbien stellt die Biogeographie der südamerikanischen Schmuckschildkröten auf den Kopf.

Südamerika wurde von den Schmuckschildkröten (Trachemys spp.) zweimal besiedelt und zwar mit einer ersten Einwanderungswelle die nach den Abschätzungen Südamerika vor rund 8.6-7.1 Millionen Jahren erreichte und mit einer zweiten Welle vor etwa 2.5-2.2 Millionen Jahren. Die zwei weit getrennten südamerikanischen Unterarten von Trachemys dorbigni (nordwestliches-südliches Brasilien), Rio de la Plata Region von Argentinien und Uruguay) stammen noch aus der ersten Besiedlungswelle während die zwei südamerikanischen Unterarten von Trachemys venusta (Kolumbien, Venezuela) ihren Ursprung in der zweiten Besiedlungswelle hatten. Wir beschreiben hier auch eine neue Spezies der Schmuckschildkröten aus dem niederen Atrato-Flussbecken von Antioquia und dem Department Choco im nordwestlichen Kolumbien. Diese neue Art der Atratoschmuckschildkröte (Trachemys medemi n. sp.) ist der erste Vertreter aus der ersten Einwanderungswelle der noch im nördlichen Südamerika lebt. Unter der Anwendung von phylogenetischen Analysen mit 3,242bp der mitochondrialen und 3,396bp der Kern-DNS zeigen wir, dass T. medemi näher verwandt ist mit T. dorbigni als mit den geographisch benachbarten Unterarten Trachemys grayi und T. venusta aus Zentralamerika und dem Norden Südamerikas. Die beiden Unterarten von T. dorbigni sind von der Atrato-Schmuckschildkröte durch die Anden und das Amazonasbecken abgetrennt und kommen in einem ungefähren Abstand von 4,600km und 3,700km Entfernung zu T. medemi vor. Anhand der molekularen Zeitkalkulationen spaltete sich T. medemi von deren letzten gemeinsamen Vorfahren für die zwei Unterarten von T. dorbigni während des Pleistozäns (4.1-2.8 Millionen Jahre) ab, wobei sich T. dorbigni später vor rund (2.3-1.9 Millionen Jahren) im östlichen Südamerika unterhalb des Amazonasbeckens verbreitete und aufspaltete. Die Aufspaltung der T. dorbigni-Unterarten überlappt zeitlich mit dem Eintreffen von T. venusta in Südamerika vor 2.5-2.2 Millionen Jahren). Diese Zeit wird durch massive klimatische und Umweltveränderungen charakterisiert wobei es zu intermittierenden Ausbreitungskorridoren in Südamerika kam. Anhand der derzeitigen Verbreitung erscheint es sehr wahrscheinlich, dass die ausgestorbenen Vorfahren der Unterart T. dorbigni sich entlang des östlichen Korridors ausbreiteten wobei eine Reliktpopulation nordwestlich der Anden übrig blieb von der T. medemi abstammt. Das Verbreitungsgebiet von T. medemi ist nur umgeben von Taxa die erst mit der zweiten Einwanderungswelle der Schmuckschildkröten einwanderten, sodass man daraus schließen kann das T. venusta sich um die Habitate die von den Vorfahren der Atratoschmuckschildkröte besiedelt waren herum ausbreitete als sie Südamerika erreichte.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Einmal mehr eine schöne Geschichte zur Ausbreitung der Schmuckschildkröten in Südamerika. Auch hier haben Klimaverschiebungen dazu geführt, dass sich Schmuckschildkröten als Expansoren oder Invasoren in einem neuen Lebensraum breit machten. Heute beschreiben hier die Autoren neue Arten die aus diesen Ereignissen hervorgegangen sind. Letzteres legt nahe, dass Schmuckschildkröten wenn es ihnen das Klima erlaubt durchaus schon vor langer Zeit Invasionspotential an den Tag legten was wir als natürlich ansehen auch dann wenn sie damals vor unserer eigenen Zeit dadurch eventuell auch schon andere einheimische Arten bedrängten oder gar ausrotteten. Wir sollten also wenn wir von invasiven Arten reden, dann doch den Unterschied machen, dass wir damit Vertreter einer Art meinen die durch den Menschen verbreitet wurde. Denn es wäre wohl ein gravierender Fehler diesen negativen Stempel einer ganzen Art aufzudrücken wie wir das heute gern zu tun pflegen auch dann wenn diese Arten in ihrem eigentlichen Ursprungsgebiet auch als bedroht gilt. Wir sollten uns durchaus daran erinnern, dass die Evolution völlig wertfrei abläuft und es den betroffenen Arten somit völlig egal ist ob sie durch den Menschen oder durch klimatische, hydrologische oder tektonische Veränderungen neue Besiedlungskorridore geöffnet bekommen. Insofern denke ich ist es auch schon viel zu spät als dass wir das Rad zurückdrehen könnten – Ja unsere Nachfahren werden die von uns geschaffene Situation so akzeptieren müssen und vielleicht werden sie ja sogar mit Freude und Elan darangehen die Geschehnisse so aufzuarbeiten wie die Wissenschaftler hier. Indem sie nämlich die von ihnen genutzten und realisierten Ausbreitungswege für solche invasive Arten untersuchen und beschreiben. Wenn wir es bis dahin nicht geschafft haben sollten den Planeten für solche Taxa unbewohnbar gemacht zu haben, dann werden sie vielleicht sogar auch dabei neue Unterarten und Arten beschreiben. In diesem Sinne möchte ich nur mal wieder anmerken: Das Leben geht weiter!

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