Vamberger, M., H. Stuckas, D. A. Petros Lymberakis, P Široký & U. Fritz (2014): Massive transoceanic gene flow in a freshwater turtle (Testudines: Geoemydidae: Mauremys rivulata). – Zoologica Scripta, 2014; DOI: 10.1111/zsc.12055.

Massiver transozeanischer Genfluss bei einer Süßwasserschildkröte (Testudines: Geoemydidae: Mauremys rivulata).

Die Süßwasserschildkröte Mauremys rivulata hat ein Verbreitungsgebiet, das von der Adriaküste der Balkanhalbinsel über die ägäische Region die westliche Küste und südliche Türkei nach Süden bis Israel reicht. Zusätzlich findet sich die Art auf einigen ägäischen Inseln, Kreta und Zypern. Frühere Untersuchungen zeigten anhand der mtDNS-Sequenzen nahezu keinerlei genetische Differenzierung innerhalb des Verbreitungsgebiets, obwohl es größere biogeographische Barrieren zwischen den terrestrischen und Süßwasser-Vorkommensgebieten gibt, sodass das Fehlen von jeglicher phylogenetischer Differenzierung völlig unerwartet war. Um die genetische Differenzierung für M. rivulata zu überprüfen, nutzten wir hier eine umfassende gebietsübergreifende Probensammlung und die Informationen von 13 unabhängigen polymorphen Mikrosatellitenloci. Wir verglichen diese mit den Daten für die mtDNS-Variationen. Unsere Mikrosatellitenanalyse zeigt eine schwach ausgeprägte Populationsstruktur mit einigen Widersprüchen, allerdings folgt sie den meisten der biogeographischen Barrieren. Wir schließen daraus, dass die genetische Struktur innerhalb des größten Teils des Verbreitungsgebiets der Art durch häufigere transozeanische Genflüsse geprägt wird. Diese Erklärung ist lediglich für die nördlichsten Populationen unwahrscheinlich, so dass diese wohl eher durch ausgesetzte, fremde Exemplare genetisch beeinflusst sind.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit die zeigt, dass sich wenigstens bei M. caspica rivulata die Landschaftsfragmentierung noch nicht so negativ ausgewirkt, dass man sie heute schon an einem reduzierten Genfluss zwischen den Populationen erkennen könnte. Selbst wenn man nun feststellt, dass es in den nördlichen Populationen zu Aussetzungsereignissen kam, die zur Durchmischung genetischen Materials sorgte, so muss man doch auch zur Kenntnis nehmen, dass selbst solche Ereignisse zur Aufrechterhaltung der innerartlichen Genflusses beitragen und den Populationen helfen können nicht einer genetischen Verarmung anheim zu fallen. Hier erleben wir doch an einem praktischen Beispiel wie wir – abstrakt bewertend – auf das Evolutionsgeschehen blicken: Auf der einen Seite ist ein hoher Genfluss durch transozeanische Translokation (Verfrachtung) etwas Natürliches. Auf der anderen Seite ist die Genflusssteigerung durch Aussetzungsereignisse des Menschen etwas Fragwürdiges. Dabei tragen beide Ereignisse zur Genflusssteigerung zwischen Populationen ein und derselben Unterart bei. Im Grunde genommen könnten uns solche Erkenntnisse auch deutlich darauf aufmerksam machen, warum wir und wie wir die viel häufiger durch den Menschen verursachte Populationsisolation durch Landschaftsfragmentierung und Konnektivitätsverlust wieder ausgleichen könnten und sogar müssten (siehe auch Kommentar zu Hall & Steidl 2007).

Literatur

Hall, D. H. & R. J. Steidl (2007): Movements, activity, and spacing of Sonoran mud turtles (Kinosternon sonoriense) in interrupted mountain streams. – Copeia 2007 (2): 403-412 oder Abstract-Archiv.

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