Thompson, J. C. & C. S. Henshilwood (2014): Nutritional values of tortoises relative to ungulates from the Middle Stone Age levels at Blombos Cave, South Africa: Implications for foraging and social behaviour. – Journal of Human Evolution 67: 33–47.

Der Nährwert von Landschildkröten in Relation zu jenem von Unpaarhufern aus den mittleren Steinzeitablagerungen der Blombos-Höhle in Südafrika: Eindrücke zur Jagd und dem Sozialverhalten.

Die Blombos-Höhle (BBC) am Westkap Südafrikas ist seit jeher eine wichtige Informationsquelle und lieferte viele Aspekte für das Verständnis der Verhaltensentwicklung bei den modernen Menschen wie die Verwendung früher Symbole und die Entwicklung von komplexen technologischen Vorgehensweisen. Allerdings gilt es noch viele Beziehungen der Verhaltensweisen während der mittleren Steinzeit (MSA) und der Lebensweise dieser Menschen zu erforschen. Das Verständnis, welche Rolle die so genannte kleine Fauna wie die der Schildkröten für die menschliche Ernährung spielte, ist ein sehr wichtiger Bestandteil zur Untersuchung der Veränderungen in den allgemeinen Jagdtechniken, den Sammelaktivitäten und der Nahrungszubereitung bei jenen Individuen, die sich nicht aktiv an der Großwildjagd beteiligen konnten. Diese Studie verwendet publizierte Daten zur Abschätzung des Nährwerts (Kalorien), die aus Schildkröten wie auch aus Unpaarhufern (Großwild) der verschiedensten Größenklassen, die in Südafrika häufig sind, gewonnen werden können. Eine einzige Landschildkröte (Chersina angulata) liefert ungefähr 3332 kJ (796 kcal) an Kalorien in ihren essbaren Anteilen, was in etwa 20–30 % des täglichen Bedarfs eines aktiven adulten Menschen abdeckt (errechneter Gesamtbedarf zwischen 9360 kJ [3327 kcal] und 14,580 kJ [3485 kcal] pro Tag). Da Schildkröten sehr leicht zu bekommen und zuzubereiten sind, stellten Landschildkröten eine wichtige Ressource dar, wobei sie aber ihr langsames Wachstum und ihre Reproduktionsrate anfällig für eine Übernutzung (Ausrottung) macht. Zooarchäologische Häufigkeitsdaten zeigen dass Landschildkröten vor ca. 75.000 Jahren während der oberen Still Bay M1-Phase einen doppelt so hohen Kalorienanteil an der Nahrung hatten als die Unpaarhufer während der 100.000 Jahre dauernden unteren M3-Phase. Allerdings blieb trotz der Häufigkeit der Schildkrötenfossilien ihr absoluter Anteil an den Gesamtkalorien im Vergleich zu jenen der Unpaarhufer in beiden Phasen moderat. Am Ende der Besiedlung, während der mittleren Steinzeit veränderten sich die menschlichen Überlebensstrategien dahingehend, dass sie größere Säugetiere jagten, was sehr wahrscheinlich dazu führte, dass sich soziale Veränderungen zwischen den Jägern und den Sammlern der Still Bay einstellten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine schöne Arbeit, die uns zeigt, welche Rolle die Schildkröten sehr wahrscheinlich für die Evolution der Hominiden, und wie hier gezeigt für den frühen modernen Menschen, spielten. Sicher, auch hier besteht die Gefahr, dass man die Rolle der Schildkröten überbewertet, eben weil sich Schildkrötenfossilien vergleichsweise gut erhalten und man somit über ihre Verwendung als Nahrungsbestandteile mehr weiß als über die vielleicht unzähligen Kleintiere, deren Fossilien eben nicht mehr nachweisbar sind. Trotzdem, so muss man sagen, beeindrucken die Zahlen schon, denn hier hat man zum Teil in den Ablagerungen in der Höhle Überreste von bis zu 340 Schildkröten pro Quadratmeter gefunden. Sie stellten also schon einen wesentlichen Nahrungsbestandteil dar. Wie aus der Arbeit auch hervorgeht, sollte man Sammler und Jäger auch nicht als zwei völlig getrennte Gruppen sehen. Nein, im Normalfall sollte man immer von der gleichen Gruppe ausgehen, denn es waren meist junge Männer, die jagten, während schwangere Frauen und ältere oder gar verletzte Clanmitglieder jene waren, die vor Ort sammelten und sich bis zur nächsten Großwildanlieferung durch die Jäger von dem lokal Verfügbaren ernährten. Schildkröten waren für diese frühen Menschen aber nicht nur als Nahrung wertvoll, die man leicht im eigenen Carapax garen konnte, nein, auch der Carapax fand als Gefäß Verwendung, und die Hornschilde konnten zur Zierde genutzt werden. Sicher mag es um Höhlen oder um Plätze, in denen sich Menschen immer oder häufiger aufhielten, zur starken Dezimierung der Schildkröten gekommen sein, aber letztendlich wie wir heute von dem noch ursprünglich lebenden San wissen, waren diese Gruppen auch recht mobil. Tja, und meiner Meinung nach macht man bei der Interpretation solcher Daten heutzutage aufgrund der in unserer Zeit gemachten Erfahrung auch einen Denkfehler, wenn man allzu schnell davon ausgeht, dass das Absammeln die Schildkrötenbestände so bedroht haben könnte wie heute. Der Fehler liegt oft darin, dass die heutigen Abnahmen in den Beständen auch durch weit reichende Landschaftsveränderungen mit bedingt sind wie Fragmentierung durch Straßen (siehe Loehr, 2012) oder anderweitige Nutzung und Grundwasserabsenkungen zur Trinkwassergewinnung. Damals nutzten die Menschen Schildkröten als Nahrung, ließen aber ihre Habitate und Mikrohabitate intakt, und wie wir auch aus einigen wenigen aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen, können sich sogar solche Bestände unter diesen Bedingungen relativ schnell wieder erholen (Fordham et al. 2007, Wolak 2010). Letzteres hebt auch wieder die Rolle des Habitatschutzes und der Konnektivität hervor (Lee 2011). Ja und zum Schluss sollten uns solche Erkenntnisse auch etwas ehrfürchtiger gegenüber der Natur und vielleicht insbesondere den Schildkröten gegenüber werden lassen, denn sie haben nicht nur ihren Beitrag zur Entwicklung der modernen Evolutionstheorie (s. Darwin 1859) geleistet, sondern sie haben vielmehr zur Evolution und dem Überleben unserer frühen Vorfahren beigetragen, wobei sie damals wohl auch schon die Eigenschaften hatten, die die späteren Seefahrer so schätzten, denn sie konnten sehr lange ohne Nahrung überleben und waren somit ein idealer, nicht verderblicher und – sofern nicht zu groß – auch im Handgepäck tragbarer Proviant. Was nicht zuletzt auch unseren sehr frühen Vorfahren schon geholfen haben dürfte, dürre bzw. magere Zeiten zu überdauern oder gar nahrungsarme Regionen zu durchqueren.

Literatur

Darwin, C. (1859): On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the struggle of life. – London (John Murray).

Fordham, D. A., A. Georges & B. W. Brook (2007): Demographic response of snake-necked turtles correlates with indigenous harvest and feral pig predation in tropical northern Australia. – Journal of Animal Ecology 76 (6): 1231–1243 oder Abstract-Archiv.

Lee, H. (2011): Climate change, connectivity, and conservation success. – Conservation Biology, 25: 1139–1142 oder Abstract-Archiv.

Loehr, V. J. T. (2012): Road Mortality in the Greater Padloper, Homopus femoralis (Testudinidae). – Chelonian Conservation and Biology 11 (2): 226–229 oder Abstract-Archiv.

Wolak, M. E., G. W. Gilchrist, V. A. Ruzicka, D. M. Nally & R. M. Chambers (2010): A Contemporary, Sex-Limited Change in Body Size of an Estuarine Turtle in Response to Commercial Fishing – Conservation Biology 24: 1268–1277 oder Abstract-Archiv.

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