Tetzlaff, S. J., J.-H. Sperry & B.-A. DeGregorio (2018): Captive-reared juvenile box turtles innately prefer naturalistic habitat: Implications for translocation. – Applied Animal Behaviour Science 204: 128-133.

In Gefangenschaft aufgezogene Dosenschildkröten bevorzugen instinktiv naturnahe Habitate: Konsequenzen für Umsiedlungsmaßnahmen.

DOI: 10.1016/j.applanim.2018.03.007

Die Habitatwahl hat weitreichende Auswirkungen für Tiere, aber die Mechanismen die diese Auswahl beeinflussen sind im Allgemeinen kaum verstanden. Bei Arterhaltungsmaßnahmen bei denen in Gefangenschaft aufgezogene Tiere ausgewildert werden sollen ist es von Bedeutung die Habitatpräferenzen vor der Freisetzung zu ermitteln, denn sie liefern Informationen für die Aufzuchtmethoden und in Bezug auf das Verhalten nach der Auswilderung. Wir zogen 32 in Gefangenschaft geborene östliche Dosenschildkröten (Terrapene carolina) für acht Monate in der Natur nachempfundenen so genannten (enriched) Gehegen (n=16) auf und im Vergleich dazu 16 in Standardgehegen. Um herauszufinden wie sich die Schildkröten verhielten und um die Hypothese zu überprüfen die besagt, dass die Aufzuchtbedingungen die Habitatauswahl prägen setzten wir die Schildkröten in ein neues Gehege welches beide Aufzuchtvarianten enthielt wobei sie frei wählen konnten. Sowohl die Schildkröten die im naturnahen Gehege aufgewachsen waren (Auswahlwahrscheinlichkeit = 0.81, 95% CI: 0.54-0.96) wie auch jene aus dem Standardgehege (Auswahlwahrscheinlichkeit = 0.88, 95% CI: 0.62-0.98) bevorzugten den natürlich eingerichteten Gehegeteil. Jene die den natürlichen Bereich auswählten (n = 27) taten dies in der Hälfte der Zeit (7 = 504.8 s, 95% CI: 266.49-743.04) als jene die den Standardbereich aufsuchten (n = 5, X = 1339.0 s, 95% CI: 783.84-1894.07, P = 0.009). Die Auswahllatenz schwankte nicht zwischen den beiden Aufzuchtbedingungen (P = 0.871). Zudem führten wir ein zweites Experiment durch um abzuklären ob die Auswahlpräferenz auf der Bekanntheit der Einrichtung oder durch den Faktor Neu (oder noch unbekannt: Novelty) beeinflusst wird indem wir den Individuen im gleichen Auswahlgehege ihre Aufzuchtbedingungen anboten, wobei zusätzlich ein neues Objekt (eine leere Tücherbox) angeboten wurde. Die Präferenz für das jeweilige Aufzuchthabitat lag dabei für die naturnahe Einrichtungsgruppe bei einer Auswahlwahrscheinlichkeit von = 0.87, 95% CI: 0.59-0.98) und für die Standardgehegegruppe bei einer Auswahlwahrscheinlichkeit von = 0.81, 95% CI: 0.54-0.96). Auch erwies sich die Auswahllatenz als für beide Bedingungen gleich bezügl. der Seitenwahl (P = 0.439) oder bezgl der Aufzuchtbedingungen (P = 0.764). Diese Auswahllatenz erwies sich für die einzelnen Individuen als reproduzierbar (R = 0.47, 90% CI = 0.24-0.71, P = 0.003), und diese „Persönlichkeitseigenschaft“ könnte ererbt sein, da sie für Gelegegeschwister reproduzierbare identische Werte lieferte (R = 0.36, 90% CI = 0.03-0.62, P = 0.001). Die Präferenz für die Auswahl einer natürlichen Umgebung (Habitat) scheint bei in Gefangenschaft geborenen Dosenschildkröten einem angeborenen Mechanismus zu folgen und unabhängig von den künstlichen Aufzuchterfahrungen zu sein. Deshalb sollte man diese Art in gut und natürlich eingerichteten Gehegen pflegen um ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Zudem zeigen unsere gesammelten Erkenntnisse die Wichtigkeit zur Erarbeitung der intrinsischen Effekte die sich auf Umsiedlungsmaßnahmen auswirken können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Siehe dazu Bidmon (2019) und Case et al., (2005).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2019) Kommentar zu: Roth, T. C. 2nd & A. R. Krochmal (2018): Of molecules, memories and migration: M1 acetylcholine receptors facilitate spatial memory formation and recall during migratory navigation. – Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 285 (1891) oder Abstract-Archiv.

Case et al. (2005): The physiological and behavioural impacts of and preference for an enriched environment in the eastern box turtle (Terrapene carolina carolina). – Applied Animal Behaviour Science 92: 353-365 oder SiF 2 (4) 2005.

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