Tavares-Dias, M., A. A. Oliveira-Junior, M. G. Silva, J. L. Marcon & J. R. M. Barcellos (2009): Comparative hematological and biochemical analysis of giant turtles from the Amazon farmed in poor and normal nutritional conditions – Veterinarski Arhiv 79 (6): 601–610.

Vergleichende hämatologische und biochemische Analysen bei gefarmten Riesenschildkröten des Amazonas bei einer gehaltlosen und normalen Ernährung.

Neben der Erfassung der Normalwerte für eine Spezies können Untersuchungen der Blutparameter bei Schildkröten auch als schnelle Methode zur Erfassung des Gesundheitsstatus der Schildkröten herangezogen werden. Es wurde hier eine Untersuchung durchgeführt, die zum Ziel hatte, die Blutwerte für rote Blutzellen (Erythrozyten), weiße Blutzellen und Thrombozyten und zusätzliche biochemische Blutparameter für Wasserschildkröten Podocnemis expansa Schweigger, 1812 (Pelomedusidae) zu erfassen, die normal ernährt (Kontrollgruppe) und unterernährt (Versuchsgruppe) wurden. Für die mangelernährten Schildkröten zeigte sich eine signifikante Abnahme (P<0,05) der Anzahl der roten Blutzellen, beim Hämatokrit, der Plasmaglukosekonzentration und dem Gesamtgehalt an Plasmaprotein, Cholesterol und Harnstoffspiegel sowie für die Anzahl der weißen Blutzellen, den Azurophilen und Heterophilen. Unterernährung veränderte nicht die Hämostase (das Gleichgewicht), verursachte aber eine schwere normozytische-hypochromatische Anämie und eine deutliche Immunsuppression, die wir hier klar diagnostizieren konnten. Diese Studie ist eine der ersten, die den physiologischen Status und den Immunstatus bei Arrauschildkröten beschreibt, die bei ungenügenden Ernährungsbedingungen gehalten werden.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine schöne Arbeit, die eine Menge Daten in ausführlichen Tabellen für die Blutparameter bei dieser Arrauschildkröte listet und klar belegt, wie sich Unterernährung und zu einseitige proteinarme Ernährung auswirken. Hier wird auch klar gezeigt, dass neben der Abnahme bestimmter Blutzellen, deren Bildung ja proteinabhängig ist, auch die Proteingesamtmenge im Blut abnimmt, wodurch zwangsweise der onkotische (oder kolloidosmotische) Druck sinkt, was zu Ödemen und Wassereinlagerung in die Gewebe führt (siehe Kommentar zu Roark et al. 2009). Zudem zeigt diese Arbeit klar, dass unter diesem Mangel auch die Immunabwehr geschwächt ist, was auch schon in der Diskussion der Arbeit von Wiesner & Iben (2003) angedeutet wurde: Hier ist es klar belegt! Insofern halte ich diese Arbeit für durchaus hilfreich, auch unsere Veterinäre, die zum Teil absolute Proteinrestriktion empfehlen, etwas zu belehren. (siehe auch Bidmon 2009, 2010). Sicher jetzt mögen viele wieder anmerken, bei der Arbeit von Roark et al. (2009) handelt es sich um Meeresschildkröten und bei dieser Arbeit um Flussschildkröten und nicht unbedingt um Landschildkröten. Dennoch möchte ich hier mal ganz einfach die Frage in den Raum stellen – wenn diese Tiere schon etwas Ähnliches zeigen wie für die terrestrischen Spornschildkröten von Wiesner & Iben (2003), (siehe auch Loehr et al. 2007, Hazard et al. 2009) diskutiert wurde, sollte man doch anerkennen, dass diese Schildkröten untereinander näher verwandt sind als Säugetiere und Schildkröten und da machen unsere Veterinäre ja kurzen Prozess, indem sie Medikamente für Säugetiere und deren Wirkung einfach auf Reptilien übertragen, weil die sich ja angeblich so ähnlich sind. Wenn man diese Ähnlichkeiten auf der einen Seite für zweckmäßig hält, dann sollte man auf der anderen Seite aber auch langsam anfangen, die Ähnlichkeiten physiologischer Prozesse zu sehen, zu verstehen und mit in die Diagnosen einzubeziehen. Denn was diese aktuelle Studie zeigt ist ja gerade die Erkenntnis, dass die grundsätzlichen Reaktionen auf Nahrungsmangel sich sehr ähneln. Oder könnte es sein, dass manche auch schon vergessen haben, wie es sich bei Säugetieren verhält?

Literatur

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3-26.

Bidmon, H.-J. (2010): Karnivore Schildkröten: Was ist ihr handelsübliches Futter eigentlich wert? Oder: Die Bedeutung des Darminhalts der Futtertiere. – Schildkröten im Fokus 7 (1): 3-18.

Hazard, L. C., D. R. Shemanski & K. A. Nagy (2009): Nutritional Quality of Natural Foods of juvenile Desert Tortoises (Gopherus agassizii): Energy, Nitrogen, and Fiber Digestibility. – Journal of Herpetology 43 (1): 38-48 oder Abstract-Archiv.

Loehr, V. J., M. D. Hofmeyr & B. T. Henen (2007): Growing and shrinking in the smallest tortoise, Homopus signatus signatus: the importance of rain. – Oecologia. 153 (2): 479-488 oder SiF 3/2007.

Roark, A. M., K. A. Bjorndal, A. B. Bolten & C. Leeuwenburgh (2009): Biochemical indices as correlates of recent growth in juvenile green turtles (Chelonia mydas). – Journal of Experimental Marine Biology and Ecology 376 (2): 59-97 oder Abstract-Archiv.

Wiesner, C. S. & C. Iben (2003): Influence of environmental humidity and dietary protein on pyramidal growth of carapaces in African spurred tortoises (Geochelone sulcata). – Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 87 (1-2): 66-74.

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