Sacchi, R., D. Pellitteri-Rosa, M. Marchesi, P. Galeotti & M. Fasola (2013): A Comparison among Sexual Signals in Courtship of European Tortoises. – Journal of Herpetology 47: 215–221.

Ein Vergleich der geschlechtsspezifischen Signale während der Balz bei Europäischen Landschildkröten.

Komplexe ritualisierte Zurschaustellung erfordert eine Ansammlung struktureller, neuronaler und muskulärer Anpassungen (Adaptationen), wobei die Lebensraumstruktur die Effektivität dieser Signale bezüglich der Übertragung dieser wichtigen Informationen beeinflussen kann. Deshalb kann die übersteigerte Ornamentausprägung durch sexuelle Selektion deutlich durch den damit verbundenen Aufwand begrenzt werden. Wir untersuchten diese Kompromisse beim Balzverhalten der mediterranen Landschildkröten, indem wir Unterschiede in ihren akustischen Signalen und dem entsprechenden Verhalten zwischen den Arten analysierten, wobei wir besonders die Beziehung zwischen Balzverhalten und der artspezifischen Körpergröße adressierten. Bei Breitrand-, Maurischen -, und Griechischen Landschildkröten basiert das Balzverhalten auf den gleichen Signaltypen und die Unterschiede zwischen den Arten drücken sich meist darin aus, wie aggressiv das Verhaltenssignal in Bezug zu den akustischen Signalen benutzt wird. Wir fanden heraus, dass die Unterschiede bei den Balzverhaltensmustern zwischen den Arten in Relation zu ihrer Körpergröße standen. Griechische Landschildkröten, deren Größe zwischen der der anderen beiden Arten angesiedelt war, zeigten auch eine intermediäre Aggressionsintensität während der Balz. Die Körpergröße bei mediterranen Landschildkröten steht oft in einem Zusammenhang mit der Vegetationsstruktur in deren bevorzugten Habitat, wobei kleinere Arten Vorteile in einer dichteren Vegetation haben. Deshalb könnten sich die Unterschiede im artspezifischen Balzverhalten bei den drei Arten der Europäischen Landschildkröte dadurch erklären, dass es sich um progressive Anpassungen an die Habitate und ihre Vegetationsstrukturen handelt. Da das Balzverhalten eine zentrale Rolle bei der Artabgrenzung spielt, gibt es ein besonderes Interesse die Beziehungen die zwischen der Morphologie und dem Balzverhalten bestehen zu verstehen, da sie einen zentralen Mechanismus für die Landschildkrötendiversität darstellen könnten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dem letzten Satz der Autoren kann man wohl zustimmen. Allerdings wundert es mich schon, dass es wissenschaftliche Journale gibt, die derartig unausgegorene Arbeiten heute noch zur Publikation annehmen. Denn um die Kerninterpretation dieser Studie wirklich zu beweisen, müsste man doch untersuchen, wie sich die Aggressionsintensität beim Balzverhalten innerhalb einer Landschildkrötenart bei verschiedenen Populationen verhält, die unterschiedlich groß werden. Hier wäre zumindest ein Vergleich zwischen Testudo marginata und T. marginata var. „weissingeri“ angebracht, ebenso wie zwischen verschieden groß werdenden Populationen von Testudo graeca und wahrscheinlich auch Testudo hermanni. Es ist wohl unbestritten, dass jede artspezifische Verhaltensweise zwangsläufig im Sinne des Überlebens in einem bestimmten Lebensraum an diesen so angepasst sein muss, dass diese Verhaltensweise nicht zum Aussterben führt. Hier könnte man genauso argumentieren, dass das friedlichste Balzverhalten bei den Populationen zu finden sein könnte, die die steilsten und absturzgefährdeten Steilküsten besiedeln. Was allerdings auch nur eine Annahme ist, denn es könnte auch so sein, dass an diesen steilen Habitaten die wenigen guten besiedelbaren Vorsprünge besonders aggressiv verteidigt werden müssen, um das Überleben der Population zu gewährleisten. Siehe dazu auch Golubovic et al. (2013 und Kommentar), und zur Beurteilung der wahren Komplexität solcher Verhaltensweisen auch die Diskussion bei Akre et al. (2011).

Literatur

Akre, K. L., H. E. Farris, A. M. Lea, R. A. Page & M. J. Ryan (2011): Signal perception in frogs and bats and the evolution of mating signals. – Science 333 (6043): 751–752.

Golubovic, A., D. Arsovski, R. Ajtic, L. Tomovic & X. Bonnet (2013): Moving in the real world: tortoises take the plunge to cross steep steps. – Biological Journal of the Linnean Society 108: 719–726 oder SiF 2014/1: 28.

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