Ritz, J., M. Clauss, W. J. Streich & M. Hatt (2012): Variation in Growth and Potentially Associated Health Status in Hermann’s and Spur-Thighed Tortoise (Testudo hermanni and Testudo graeca). – Zoo Biology doi: 10.1002/zoo.21002.

Unterschiede im Wachstum und dessen potenzielle Assoziation mit dem Gesundheitsstatus bei Griechischen- und Maurischen Landschildkröten (Testudo hermanni und Testudo graeca).

In menschlicher Obhut gehaltene Reptilien zeigen häufig höhere Wachstumsraten als in freier Wildbahn, was möglicherweise auf der höheren Nahrungsverfügbarkeit beruht. Obwohl Gesundheitsprobleme häufig mit einer falschen Ernährung einhergehen, wurde für Schildkröten schnelles Wachstum, selbst wenn es durch die Verfütterung eines optimalen Futters in größerer Menge hervorgerufen wird, fast schon traditionsgemäß als unvorteilhaft erachtet. Wir dokumentierten hier auf altersbezogenen Angaben basierende Wachstumsraten zur Körpermasse von Testudo hermanni und T. graeca bei privaten Züchtern, die allgemein höher liegen, als jene, die für wildlebende Exemplare angegeben werden. Allerdings zeigen diese Angaben eine sehr hohe Variabilität. Landschildkröten, die als Patienten in eine Exotenklink eingeliefert wurden, deckten ebenfalls das gesamte Spekrtum der bekannten Wachstumsraten ab. Um zu testen, ob schnelles Wachstum mit Krankheit assoziiert ist, wurde in Form einer retrospektiven Evaluierung eine auf das Alter bezogene Körpermassenbeziehung für diese Patienten getestet, und es wurden zusätzlich erfasste Faktoren mitberücksichtigt, wie z. B. die Ernährungsgeschichte, die Gabe ganz bestimmten Futters (z.B. Fleisch) oder wachstumsbedingte Erkrankungen (z. B. Höcker). Es konnten keine Anhaltspunkte dafür gefunden werden, dass für ihr Alter besonders schwere Individuen stärker von ernährungsbedingten bzw. wachstumsassoziierten Erkrankungen betroffen waren. Generell waren Schildkröten, deren Futter Fleisch und/oder Getreide enthielt, für ihr Alter schwerer als Landschildkröten, die vergleichsweise natürlicheres Futter erhalten hatten. Auch die Ernährungsgeschichte zeigte keine Beziehung zu bestimmten Erkrankungen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Untersuchung einer altersbasierten Körpermassebeziehung nicht geeignet ist, um die Auswirkungen eines schnellen Wachstums zu erfassen und dass eventuell eine altersbasierte Körperlängenbeziehung angebrachter wäre. Exemplare, die als Patienten mit ernährungsbedingten oder wachstumsbedingten Erkrankungen vorgestellt worden waren, waren in der Regel jünger als jene, die wegen anderer Erkrankungen eingeliefert wurden, und es ergab sich eine signifikant negative Korrelation zwischen dem Ausmaß der Pyramidenbildung und dem Alter, was vermuten lässt, dass wachstumsbezogene Erkrankungen die Lebenserwartung von Landschildkröten begrenzen könnten. Kontrollierte klinische Studien wären nötig, um diese Hypothese zu überprüfen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Grundsätzlich finde ich diesen Versuch, den Wachstumsstörungen bzw. den Wachstums- und ernährungsbedingten Erkrankungen auf die Spur zu kommen, sehr hilfreich und nützlich. Generell muss man zwar nach dem Lesen der ganzen Arbeit zugeben, dass es gewisse Anhaltspunkte gibt, aber wie im Abstract klar ausgedrückt, konnten keine stichhaltigen Nachweise, dass schnelles Wachstum per se mit Krankheiten einhergehen muss, geliefert werden. Auch die Hypothese, dass das Längenwachstum ein genauerer Indikator sein dürfte als eine altersbezogene Gewichtsangabe halte ich für nicht tragfähig, denn wir kennen alle das Phänomen, dass sich Schildkröten manchmal im Vergleich zur Größe sehr leicht anfühlen. Auch hier würden nur genau protokollierte Wachstumsdaten und Zuwachsdaten weiterhelfen, denn nicht selten ist auch dieser Gewichtsverlust oder das Ausbleiben von Zuwachs ein Mangel- oder Krankheitssymptom. Was auch bekannt ist, ist die Tatsache, dass erkrankte Schildkröten, die Blasensteine bilden und Probleme mit der Blasenentleerung haben, häufig aufgrund der übermäßigen Blasenfüllung sehr schwer sind. Gleiches gilt wohl für Tiere, deren Bauchhöhle mit Aszites angefüllt ist (sprich kranke Tiere sind aufgrund der Krankheit schwer und nicht unbedingt deshalb, weil sie vorher zu schnell gewachsen sind). Ebenso fehlen bei Schildköten aus der Tierhaltung die Herkunftsdaten und auch hier kann es Populations- bzw. Rasseunterschiede geben (z.B. Cogalniceanu et al. 2010). Auch die Pyramidenbildung, die ja weit mehr von der Luftfeuchte als von der Nahrung abhängt (Wiesner & Iben 2003, Wright 2005) ist kein Anzeichen für Krankheit, sondern für eine spezielle Wachstumsfunktion, solange es sich nicht um eine rachitisch verursachte, meist asymmetrische Deformation handelt. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass sich die Höcker, wie man sie für Sternschildkröten als normal ansieht und die somatolytisch, also gestaltsauflösend wirken und damit der Tarnung dienen sollen, auch einen weiteren physikalischen Effekt haben, sie vergrößern die Carapaxoberfläche, wobei eine vergrößerte Oberfläche naturgemäß beim Sonnenbaden auch einer verbesserten Wärmezufuhr dienlich sein könnten und Wärme, Verdauung und Stoffwechsel sind bei wechselwarmen Tieren ebenso aneinander gekoppelt wie Ernährung und Wachstum. Viele berichten ja auch, dass Nachzuchten aus menschlicher Obhut oft flacher und breiter wachsen, als man es von den Wildtieren im natürlichen Verbreitungsgebiet oder von den als Wildfängen importierten Tieren kennt. Auch hier kann man aus biophysikalischer Sicht anmerken, dass sich flache Körper bei Sonnenexposition schneller erwärmen als kugelförmig hochgewölbte, weil die Kugelform eben auch mit einer kleineren Fläche pro Volumeneinheit einhergeht. Daraus kann man auch schließen, dass Schildkröten in ihren heißeren Ursprungsbiotopen eher durch die Kugelform vor Überhitzung geschützt werden, während flachere Tiere durchaus in kühleren Lebensräumen von einer schnelleren Erwärmung profitieren könnten. Solche Überlegungen sind sicher nicht nur rein theoretischer Natur, denn wir wissen heute sehr wohl, dass Individuen ein plastisches Anpassungspotential an die Umweltbedingungen zeigen, die nicht nur die Form, sondern auch die Ernährung betreffen (Carreto et al. 2005, Germano & Bury 2009, Bidmon 2009). Dass Jungtiere allein deshalb von solchen Formveränderungen stärker betroffen sind als Adulti ist auch klar, denn selbst in der Natur wachsen Jungtiere schneller als Adulti (Kaddour et al. 2005, Rouag et al. 2007) und deshalb treten diese Veränderungen dann auch schneller hervor als bei einem Alttier, dessen Zuwachs sowieso unter einem Millimeter pro Jahr liegt. Allerdings möchte ich den Autoren durchaus zustimmen, dass schnelles Wachstum bei Landschildkröten negative Auswirkungen auf die Gesamtlebensdauer haben kann, weil das schnelle Wachstum in der Regel weit mehr durch das Weglassen oder starke Verkürzen der natürlichen Ruhephasen wie Hibernation und Ästivation bedingt sind und auch ich nach jahrelanger Beobachtung den Eindruck habe, dass zumindest adulte, so genannte tropische Landschildkröten, die ohne Ruhephasen gehalten werden, wesentlich schneller altern, als man das erwarten würde. Hier müsste man, wenn man wirklich gute Daten sammeln wollte, die belegen, wie Wachstum und mögliche Krankheiten assoziiert sind, auch Vergleiche zwischen Tieren mit normalen und veränderten Ruhephasen anstellen, zumal es ja schon erste Erkenntnisse gibt, dass sich auch das Immunsystem von Schildkröten den Ruhephasen und Aktivitätsphasen entsprechend verhält (Zimmermann et al. 2010) und natürlich in einer Zeit geschwächter Abwehr auch mit mehr Erkrankungen gerechnet werden muss (siehe auch Kommentar zu Ritz et al. 2010).

Literatur

Bidmon, H.-J. (2009) Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3–26.

Carretero, M. A., M. Znari, D. J. Harris & M. C. Mace (2005): Morphological divergence among populations of Testudo graeca from west-central Morocco. – Animal Biology 55: 259–279 oder Abstract-Archiv.

Cogalniceanu, D., C. Samoila, M. Tudor & O. Tallowin (2010): An extremely large spur-thighed tortoise male (Testudo graeca) from Macin Mountains National Park, Romania. – Herpetology Notes (3): 045–048 oder Abstract-Archiv.

Germano, D. J. & R. B. Bury (2009): Variation in Body Size, Growth, and Population Structure of Actinemys marmorata from Lentic and Lotic Habitats in Southern Oregon. – Journal of Herpetology 43 (3): 510–520 oder Abstract-Archiv.

Kaddour K. B., E. H. El Mouden, T. Slimani, F. Lagarde & X. Bonnet (2005): Sexual dimorphism, growth and maturation patterns of Testudo g. graeca, in the Central Jbilets, Morocco. – Revue d‘Ecologie – La Terre et la Vie 60 (3): 265–278 oder Abstract-Archiv.

Ritz, J., E. M. Griebeler, R. Huber & M. Clauss (2010): Body size development of captive and free-ranging African spurred tortoises (Geochelone sulcata): high plasticity in reptilian growth rates. – Herpetological Journal 20 (3): 213–216 oder Abstract-Archiv.

Rouag, R., S. Benyacoub, L. Luiselli, E. H. El Mouden, G. Tiar & C. Ferrah (2007): Population structure and demography of an Algerian population of the Moorish tortoise, Testudo graeca. – Animal Biology 57 (3): 267–279 oder Abstract-Archiv.

Wiesner, C. S. & C. Iben (2003): Influence of environmental humidity and dietary protein on pyramidal growth of carapaces in African spurred tortoises. – Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 87: 66–74.

Wright, K. (2005): Beyond POTZ: Environmental influences on reptile healing. – Exotic DVM Veterinary Magazine, 7 (4): 11–15 oder SiF 3 (1) 2006.

Zimmerman, L. M., R. T. Paitz, L. A. Vogel & R. M. Bowden (2010): Variation in the seasonal patterns of innate and adaptive immunity in the red-eared slider (Trachemys scripta). – Journal of Experimental Biology 213: 1477–1483 oder SiF 8 (2) 2011.

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