Ritz, J., C. Hammer & M. Clauss (2009): Body size development of captive and free-ranging leopard tortoises (Geochelone pardalis). – Zoo Biology, DOI: 10.1002/zoo.20273.

Körpergrößenentwicklung von in Gefangenschaft gehaltenen und frei lebenden Pantherschildkröten (Geochelone pardalis)

Das Wachstum und die Gewichtszunahme von Pantherschildkröten-Schlüpflingen (Geochelone pardalis), die im Al Wabra Wildlife Preservation (AWWA), Katar gehalten wurden, wurde für mehr als vier Jahre beobachtet und mit Literaturdaten zum Wachstum (Carapaxmessungen) und der Gewichtsentwicklung von wild lebenden Exemplaren verglichen. Die Ergebnisse belegen ein signifikant schnelleres Wachstum in Gefangenschaftshaltung. Es gibt auch in der Literatur Anzeichen dafür, dass dieses Phänomen bei anderen Landschildkrötenarten auftritt (Galapagos-Riesenschildkröten, G. nigra, Maurischen Landschildkröten, Testudo graeca, Wüstenschildkröten, Gopherus agassizii). Die Ursache für die hohen Wachstumsraten ist wohl das kontinuierliche Anbieten von faserarmer gut verdaubarer Nahrung. Zu hohe Wachstumsraten sollen negative Auswirkungen haben wie Verfettung, hohe Sterberaten, Krankheiten des Verdauungstrakts, Nierenerkrankungen, Pyramidenbildung, fibröse Osteodystrophie oder stoffwechselbedingte Knochenerkrankungen. Das offensichtliche Vorkommen hoher Wachstumsraten bei intensiv gehaltenen Landschildkröten unterstreicht wie leicht wechselwarme Tiere mit Nahrung überversorgt werden können.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Arbeit liefert eine gute Zusammenstellung der Belege für zu schnelles Wachstum, zählt aber in altbekannter und unselektiver Weise alle Krankheiten auf, die man damit gerechtfertigter oder ungerechtfertigter Weise jemals in Zusammenhang gebracht hat. Obwohl die Arbeit eine durchaus gute Interpretation und Diskussion aufweist, bleiben meiner Meinung nach die eigentlichen Ursachen unberücksichtigt und das kann gravierende gesundheitliche Fehlentwicklungen verursachen. Wie bereits aus den Arbeiten von McMaster & Downs (2008) bekannt sind gerade Pantherschildkröten sehr anpassungsfähig in Bezug auf die Nahrung sollten also durchaus entsprechende Nahrungsangebote ohne krank zu werden nutzen können. Aber wie McMasters & Downs (2006) auch nachweisen, haben auch Pantherschildkröten saisonale Ruhephasen (Aestivation/Hibernation) und genau diese Ruhephasen fehlen meist in Gefangenschaft. Ja, manchen Zoos und Haltern ist das sogar lieber. Denn lieber hat man das ganze Jahr eine aktive Schildkröte zur Unterhaltung der Besucher und Gäste (zu Neudeutsch on Display) als versteckt ruhende Tiere, die niemanden ansprechen. Nun weiß auch jeder, dass Schildkröten während der Ruhephasen nichts – oder je nach Art kaum etwas – fressen. Wenn also eine wild lebende Pantherschildkröte fast sechs Monate ruht, nicht oder kaum frisst und trinkt und nicht wächst, während ihre Vettern, die in Zoos aufwachsen 9 Monate oder gar ganzjährig aktiv bleiben und fressen, ist es nur logisch, dass sie schneller wachsen, auch dann wenn tagtäglich wirklich nur soviel Futter aufnehmen würden, wie die wild lebenden es während ihrer Aktivitätszeit tun.
Noch extremer wäre es bei Steppenschildkröten, die 8-9 Monate im Jahr in ihren Ursprungsbiotopen ruhen, während sie bei Gefangenschaftshaltung bestenfalls mit 4-5 Monaten Hibernation auszukommen haben. Auch die würden allein aufgrund der verlängerten Aktivitätszeit bei normaler täglicher Futteraufnahme doppelt so schnell wachsen wie Wildtiere. Nur wenn eine Schildkröte aktiv ist, braucht sie auch Energie, da sie als Jungtier über die Wachstumshormonproduktion einen Teil der Energie immer in Wachstum stecken muss. Da es in Bezug auf die Physiologie, Biochemie und Immunologie einen großen Unterschied zwischen Aktivitätsphase und Ruhephase wechselwarmer Tiere gibt, kann man aktive Tiere eigentlich nicht hungern lassen, denn das wäre erst recht unnatürlich und krankheitsfördernd. Insofern macht es eigentlich nur Sinn, Wachstum und Gewichtsentwicklung in Abhängigkeit zur Aktivitätsphasendauer der jeweiligen Schildkröten zu erfassen. Denn wenn wir beim Beispiel Vierzehenschildkröte bleiben, dann hat ein Jungtier das im ersten Lebensjahr in Deutschland 8 Monate aktiv gehalten wird und 4 Monate überwintert in einem Jahr genauso viele Aktivitätstage wie ein zwei Jahre altes Jungtier in Kasachstan maximal haben kann (wobei manche 4 Monate Überwinterung für einen Schlüpfling auch meist für zu lang empfinden). Landschildkröten aus ariden Gebieten sind insbesondere daran angepasst, während der saisonal begrenzten Aktivitätszeiten das Nahrungsangebot optimal und vielseitig zu nutzen, was gerade sehr gut durch die Arbeiten von McMaster & Downs (2008) belegt wird. Deshalb wäre es wohl für sie völlig unnatürlich, wenn man aufgrund der veränderten Klimabedingungen zum einen aktiv halten würde, ihnen aber im Gegenzug das Futter begrenzt. Viel natürlicher wäre es wohl, die Tiere saisonal begrenzt während der Aktivitätsphase optimal zu versorgen, ihnen aber danach auch die klimatischen Bedingungen anzubieten, die sie für ihre Ruhephasen brauchen, denn darauf ist ihre Physiologie eingestellt. Genau in diese Richtung deuten auch die Befunde von Wiesner & Iben (2003), die ja auch schon darauf verweisen, dass die Pyramidenbildung eher von der Feuchtigkeit abhängt als von zu viel und zu proteinreicher Nahrung, und auch diese Autoren verweisen schon darauf, dass, wenn die Tiere aktiv sind beziehungsweise durch die klimatischen Bedingungen bei der Haltung aktiv gehalten werden, es grundverkehrt wäre und zu immunologischen Problemen führen würde, wenn man ihnen dann auch noch eine optimale Ernährung (nach dem Motto: Großhungern) verweigert. Man kann noch soviel spekulieren, man wird aus einer wechselwarmen Schildkröte aus einem saisonal ariden Gebiet keine menschenähnliches Wesen machen können, für das man einen Diätplan auf Tagesbasis erstellen könnte und bei dem man Sportlern mehr Kalorien zuteilen kann als im Vergleich zu „Couchpotatoes“, um beiden eine Verfettung zu ersparen. Solche Tiere haben eine Jahresenergiebilanz, deren Realisierung in engem Einklang zu den saisonalen Aktivitätszeiten erfolgt. Siehe dazu Bidmon (2009) und vor allem die dort zitierte Literatur.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3-26.

McMaster, M. K. & C. T. Downs (2006): Do seasonal and behavioral differences in the use of refuges by the leopard tortoise (Geochelone pardalis) favor passive thermoregulation? – Herpetologica 62: 37-46 oder Abstract-Archiv.

McMaster, M. K. & C. T. Downs (2008): Digestive parameters and water turnover of the leopard tortoise. – Comparative Biochemistry and Physiology – Part A Molecular and Integrative Physiology 151 (1): 114-125 oder Abstract-Archiv.

Wiesner, C. S. & C. Iben (2003): Influence of environmental humidity and dietary protein on pyramidal growth of carapaces in African spurred tortoises (Geochelone sulcata). – Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 87 (1-2): 66-74.

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