Rawski, M., B. Kieronczyk, S. Swiatkiewicz & D. Jozefiak (2018): Long-term study on single and multiple species probiotic preparations for Florida softshell turtle (Apalone ferox) nutrition. – Animal science papers and reports 36: 87-98.

Eine Langzeitstudie über einzelne oder eine Multispezieszusammensetzung von Probiotika zur Ernährung der Floridaweichschildkröte (Apalone ferox).

Das Ziel dieser Studie war es die Auswirkungen von zwei Probiotikaformulierungen zu testen um festzustellen wie sie das Wachstum und die Ökologie der Darmmikroflora bei der Floridaweichschildkröte (Apalone ferox) beeinflussen. In diesen über 52 Wochen laufenden Experiment wurden 36 junge Tiere nach dem Zufallsprinzip in experimentelle Gruppen aufgeteilt: Kontrolle (CON) die ohne Nahrungsergänzung versorgt wurde, Einzellspeziesprobitikum (SSP) die eine Nahrungsergänzung mit Bacillus subtilis PB6 erhielt und die Multispeziesnahrungsergänzung (MSP)-Gruppe die ein Probiotikum bekam das mehre Bakterienstämme enthielt. Die Studie zeigte, dass die SSP-Anreicherung zu einer Zunahme beim Körpergewicht und der Länge und Breite von Carapax und Plastron führte. Ebenso kam es zu einer verbesserten Mineralisierung des Panzers, da der Gehalt an Kalzium das Kalzium:Phosphat-Verhältnis und den Gehalt an Rohasche zunahm. Die Fluoreszenz-In situ-Hybridisierung (FISH) zeigte, dass die SSP-Zugabe eine Bakterienunterdrückung bewirkte da die Gesamtzahl der Bakterien im Kot einschließlich von Clostridium perfringens und Salmonella ssp. abnahm. Im Gegensatz dazu steigerte sich bei Zugabe des MSP die Anzahl der Bakterien im Dünndarm. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Nahrungsergänzungen mit Probiotika sehr spezifisch wirken und eine effektive Maßnahme zur Verbesserung der Schildkrötenernährung darstellen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun fragt man sich natürlich welches Interesse daran besteht gerade in Polen solche Nahrungsergänzungen nur bei Weichschildkröten zu testen, denn man wird ja wohl hier keinen Schildkrötenfleischmarkt aufmachen wollen wie er etwa in China für Pelodiscus sinensis besteht. Insofern denke ich wäre es wohl angebrachter in Europa solche Tests mit wirklich bedrohten Arten durchzuführen um deren Gesunderhaltung und Nachzucht zu fördern. Sicher wird man, wenn es letztendlich darum geht Tiere töten zu müssen um Gewebe biochemisch analysieren zu können keine entsprechenden Tierversuchsgenehmigungen bekommen und man müsste hier dann auf z.B. invasive ungeschützte Arten ausweichen. Allerdings könnte man auch bei seltenen stark bedrohten Arten durchaus die Wachstumsdaten und die Kotanalyseergebnisse auswerten und die heute hier auch schon in Veterinärmedizin verfügbaren modernen Imagingverfahren nutzen um die Paramater zur Skelettmineralisierung zu erfassen. Insofern denke ich, dass hier zwar wie schon früher angesprochen (siehe Kommentar zu Rawski et al., 2018, 2016) eine durchaus sinnvolle Grundlagenarbeit zur Schildkrötenernährung geleistet wird, es aber noch sehr daran fehlt dies unter dem Einbezug sinnvoller Fragestellungen zu tun. Denn gerade auch für stark gefährdete Arten die schwer nachzuzüchten sind könnte es sein, dass eben nicht nur klimatische Haltungsfaktoren eine Rolle für die Nachzuchtdepression spielen, sondern auch durchaus jetzt schon Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Ernährung in menschlicher Obhut auch einen Anteil daran haben könnte. Denn eines sollten wir nicht vergessen, einer der Hauptbestandteile der aufgenommenen Nahrung sind die so genannten kurzkettigen Fettsäuren und diese werden zum Größtenteil durch den Stoffwechsel der Darmflora erst im Darm gebildet (Ausnahme: Blütenfresser oder ölhaltige Früchte). Abgekürzt gesagt Lebewesen einschließlich unserer eigenen Spezies ernähren mit der aktiv aufgenommen Nahrung zu einem wesentlichen Anteil die Darmflora die dann erst daraus spezifisch nutzbare höherwertige Nahrungsbestandteile bereitstellt. Gerade hier ist es wichtig die entsprechende „positiv-wirkende Darmflora“ zu erhalten, denn mit der Nahrung kann sich das Artenspektrum der Darmflora so verschieben, dass Bakterien die ungünstig wirkende Bestandteile bilden drastisch vermehren. In Bezug auf die menschliche Ernährung wissen wir darüber schon recht viel, wie zum Beispiel die Tatsache das die übermäßige Nutzung von rotem Fleisch in der Diät zwar nicht per se schädlich ist, dass das aber dazu führt das im Darm eine Bakterienspezies ansteigt die eine Fettsäure bildet die unser Herzkreislaufsystem schädigt und zudem das Darmkrebsrisiko erhöht (Mendelsohn & Larrick, 2013; Van Hecke et al., 2015).

Literatur

Mendelsohn, A. R. & J. W. Larrick (2013): Dietary modification of the microbiome affects risk for cardiovascular disease. – Rejuvenation Research 16(3): 241-244; DOI: 10.1089/rej.2013.1447.

Rawski, M., B. Kieronczyk, J. Dlugosz, S. Swiatkiewicz & D. Jozefiak (2016): Dietary Probiotics Affect Gastrointestinal Micro­biota, Histological Structure and Shell Mineralization in Turtles. – PLOS ONE 11(2): e0147859; DOI: 10.1371/journal.pone.0147859 – Schildkröten im Fokus 13(3): 22-23, 2016.

Rawski, M., C. Mans, B. Kieronczyk, J. Dlugosz, S. Swiatkiewicz, A. Bark & D. Jozefiak (2018): Freshwater turtle nutrition - A review of scientific and practical knowledge. – Annals of Animal Science 18(1): 17-37; DOI: 10.1515/aoas-2017-0025 – Schildkröten im Fokus 15(2): 20-22, 2018.

Van Hecke, T., E. Vossen, L. Y. Hemeryck, J. Vanden Bussche, L. Vanhaecke & S. De Smet (2015): Increased oxidative and nitrosative reactions during digestion could contribute to the association between well-done red meat consumption and colorectal cancer. – Food Chemistry 187: 29-36; DOI: 10.1016/j.foodchem.2015.04.029.

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