Raemy, M., U. Fritz, M. Cheylan & S. Ursenbacher (2017): Hybridisation between turtle subspecies: a case study with the European pond turtle (Emys orbicularis) - Conservation Genetics 18: 287-296; DOI: 10.1007/s10592-016-0901-y.

Hybridisierung zwischen Wasserschildkrötenunterarten: Eine Fall Studie für die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis).

Die Genetische-Introgression rückte jüngst als wichtiger Bestandteil ins Bewusstsein der Erhaltungsgenetik, da sie sowohl zwischen seltenen und verwandten noch häufigeren Arten wie auch zwischen verschiedenen genetischen Gruppen und auch zwischen Individuen unterschiedlicher Herkunft vorkommen kann. Unsere Ziele waren 1. Festzustellen ob es zwischen Emys orbicularis-Unterarten zur Hybridisierung und Introgression innerhalb einer natürlichen Kontaktzone in Frankreich kommt; 2. zu bestimmen wie ausgedehnt diese geographische Kontaktzone zwischen den distinkten Unterarten in Frankreich ist; 3. Das Ausmaß der Introgression zu erfassen und 4. Zu bestimmen ob eine Kombination aus mitochondrialen und nukleären genetischen Markern die gleichen Ergebnisse bezüglich der Kontaktzone liefern wie die Verwendung eines einzelnen Markers. Die Introgression wurde durch die Genotypisierung von Mikrosatelliten die von beiden Elternteilen vererbt werden und durch nur mütterlicherseits vererbte mitochondriale Cytochrom b-Gen der französischen Population untersucht. Wir konnten eine ausgeprägte Introgression zwischen den Unterarten unter natürlichen Bedingungen in der alten Kontaktzone im südlichen und östlichen Frankreich nachweisen. Unsere Ergebnisse bestätigten, dass die Introgression ein lange zurückreichendes natürliches Ereignis ist aber es zeigte sich auch dass der menschliche Einfluss dieses Introgressionsmuster veränderte. Letztendlich konnten wir auch zeigen, dass die Kombination mitochondrialer und nukleärer Marker eine bessere Möglichkeit zum Nachwweis der Introgression liefert als die Verwendung nur eines genetischen Markers.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch hier wieder ein klares Beispiel dafür, dass auch Hybridisierung und Introgression bei Emys orbicularis-Unterarten natürlicherweise vorkommen und sehr wahrscheinlich sogar die Speziation dieser Gattung und Art mitgeprägt hat. Wie die Arbeit gut belegt haben sich hier seit langer Zeit E. o. orbicularis zuerst wohl mit E. o. galloitalica vermischt und in jüngerer Zeit verstärkt E. o. galloitalica mit E. o. orbicularis und an einigen wenigen wahrscheinlich von Menschen verursacht mit E. o. hellenica.Letztendlich wurden auch weder die einheimischen noch die mediterranen Populationen von E. orbicularis jemals dadurch wirklich bedroht. Nein, die Bedrohung kam erst durch den Menschen und die diversen Landnutzungspraktiken und Gewässerumgestaltungen sowie durch die Gewässerbelastungen mit Schadstoffen zum Tragen. Ja und so wurde so manche der bekannten Unterarten oder Populationen bedroht und im Bestand gefährdet, so dass man anfing sich um deren Erhaltung zu sorgen und es meist als negativ ansah wenn selten gewordene Bestände plötzlich auch noch durch Hybridisierung angeblich bedroht werden. Vielleicht war es ja gerade die Hybridisierung und Introgression also der gesteigerte Genfluss, der ihnen noch ein Überleben bis in die heutige Zeit unter widriger werdenden Umständen ermöglichte, denn wenn zu alle den widrigen menschengemachten Gefährdungen noch die eine Gefährdung durch Inzuchtdepression dazu gekommen wäre könnte es vielleicht für manche dieser Populationen das Aus bedeutet haben. Allerdings denke ich mal, dass man für diese Unterarten das Ausmaß des Hybridisierungspotentials auch schon längst aus der Tierhaltung kannte. Sicher bedeutet Artenreichtum (sprich Diversität) auch Ökosystemstabilität und es kommt nicht von ungefähr, dass energiearme Standort oft artenreicher sind als fette satte Kulturstandorte und zwar sowohl was die pflanzliche wie tierische Vielfalt anbelangt. Allerdings sollten wir auch durchaus mal darüber nachdenken welche Vorteile unsere eigene Spezies durch Hybridisierung erfahren hat und wahrscheinlich auch noch erfahren wird. Solange es solche Möglichkeiten zur Genflusssteigerung gibt kann das auch von Vorteil bleiben, denn es gibt auch einige wenige Beispiele dafür wie trotz riesiger Individuenmenge Variabilität verloren gehen kann was dann in bedrohlichen Situationen sehr schnell zum Ende einer Art beitragen kann (siehe Murray et al., 2017; Hendrik, 2018 und Kommentar zu Dresser et al. 2017, Bidmon, 2016).

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Literatur

Bidmon, H.-J. (2016): Kommentar zu: Renner, S. S. (2016): A Return to Linnaeus's Focus on Diagnosis, Not Description: The Use of DNA Characters in the Formal Naming of Species. – Systematic Biology, 65: 1085–1095 oder Abstract-Archiv.

Dresser, C. M., Ogle, R. M. & B. M. Fitzpatrick (2017) Genome scale assessment of a species translocation program. – Conservation Genetics 18: 1191-1199 oder Abstract-Archiv.

Hedrick, P. W. (2018): Passenger pigeon genomic diversity and extinction. – Heredity 120: 383–385.

Murray, G. G. R., A. E. R. Soares, B. J. Novak, N. K. Schaefer, J. A. Cahill, A. J. Baker, J. R. Demboski, A. Doll, R. R. Da Fonseca, T. L. Fulton, M. T. P. Gilbert, P. D. Heintzman, B. Letts, G. McIntosh, B. L. O’Connel, M. Peck, M.-L. Pipes, E. S. Rice, K. M. Santos, A. G. Sohrweide, S. H. Vohr, R. B. Corbett-Detig, R. E. Green & B. Shapiro (2017): Natural selection shaped the rise and fall of passenger pigeon genomic diversity – Science 358(6365): 951-954; DOI: 10.1126/science.aao0960.

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