Potier, R., E. Monge, T. Loucachevsky, R. Hermes, F. Göritz, D. Rochel & E. Risi (2017): Effects of deslorelin acetate on plasma testosterone concentrations in captive yellow-bellied sliders (Trachemys scripta sp.). – Acta Veterinaria Hungarica 65(3): 440-445.; DOI: 10.1556/004.2017.041.

Die Auswirkungen von Deslorelinacetat auf die Plasmatestosteronkonzentrationen bei in Gefangenschaft gehaltenen Gelbbauchschmuckschildkröten (Trachemys scripta sp.).

In Europa ist die Gelbbauchschmuckschildkröte (Trachemys scripta sp.) eine nicht heimische Art die in Konkurrenz zu einheimischen Süßwasserschildkröten lebt. Untersuchungungen zur Empfängnisverhütung können daher nützlich sein um damit die in Gefangenschaft gehaltenen Populationen zu kontrollieren. Die Identifizierung von Methoden zur Empfängnisverhütung bei Schildkröten könnte auch helfen das Aggressionsverhalten bei anderen Schildkrötenarten zu kontrollieren. Das Ziel dieser Studie war es herauszufinden wie sich ein Einzeldosisimplantat von 4.7-mg Deslorelinacetat auf die Plasmatestosteronkonzentrationen bei Trachemys scripta sp. auswirkt. Elf adulte Männchen der Eleven adult Männchen der Gelbbauchschmuckschildkröte wurden hier verwendet. Die Männchen der Behandlungsgruppe (n = 6) erhielten ein 4.7-mg Deslorelinacetatiplantat wohingegen die Männchen der Kontrollgruppe (n = 5) unbehandelt blieben. Alle Individuen wurden unter den gleichen Umweltbedingungengehalten. Die Testosteronplasmakonzentrationen der Kontrollgruppe und der Behandlungsgruppe wurden zu sechs Zeitpunkten (T0-T6) zwischen April und September bestimmt. Es wurden keine Unterschiede zwischen der Kontrollgruppe und der behandelten Gruppe zu den Zeitpunkten T0, T2, T3, T4, T5 oder T6. Beobachtet. Allerdings lag die durchschnittliche Plasmatestosteronkonzentration bei der behandelten Gruppe zum Meßzeitpunkt T1 signifikant höher als bei der Kontrollgruppe. Das lässt vermuten, dass eine Einzelbehandlung mit 4.7-mg Deslorelinacetat nur einen transienten stimulierenden Effekt auf den Hypophysenvorderlappen der Gelbbauchschildkröten hat ohne das es dabei zu einem negativen Feedback auf die Testoteronproduktion kommt. Weitere Studien mit höheren Dosen von Deslorelinacetat sind nötig um Schussfolgerungen über dessen kontrazeptive Wirkung zu erhalten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit die wie ich finde äußerst kurz gedacht ist. Sicher wäre es vielleicht hilfreich die Vermehrung invasiver Arten zu unterbinden. Allerdings sollten auch Veterinäre etwas weiterdenken und die umweltökologischen Konsequenzen mit bedenken. Hormon-ähnliche Substanzen sind schwer aus der Umwelt zu entfernen und heutige Klär- und Wasseraufbereitungsanlagenanlagen bieten keinen Schutz. Etwas das in den letzten Jahren hauptsächlich in den USA aber auch in Europa zu Umweltproblemen führt und auch einheimische Arten bedroht. Sicher bislang standen hier Substanzen mit östrogener Wirkung (Antibabypillenrückstände oder Kohlenwasserstoffverbindungen aus der Chemie mit östrogener Wirkung) im Vordergrund der Untersuchungen. Jetzt also mit Hormonpräparaten mit antiandrogener Wirkung in die Umwelt zu gehen halte ich für äußerst unüberlegt. Hier hilft es auch nicht, dass die Autoren auf Tiere in Gefangenschaftshaltung verweisen, denn auch dort fließt bei jedem Wasserwechsel das verunreinigte Wasser in die Umwelt und auch dann wenn es über die Toilettenspülung Richtung Kläranlage abfließt gelangen diese Substanzen in die Umwelt. Falls diese Substanzen dann ihre eigentliche Wirkung dort entfalten brauchen wir uns z. B. bei einheimischen Amphibien- und Reptilienarten auch nicht mehr wundern wenn ihr geschlechtsspezifisches Verhaltensrepertoire und Vermehrungspotential dadurch gestört wird und es zu Ausfällen kommt. Was mich hier zudem noch wundert ist, dass die Autoren gar keinen klaren Einfluss auf die Befruchtungsfähigkeit oder die Spermaqualität untersucht haben. Vielleicht weil sie es nicht konnten? Immerhin ist für etliche Schildkröten mittlerweile bekannt, dass die Spermiogenese häufiger mit den Ruhephasen wie Aestivation oder Hibernation einhergehen als vom aktuellen Geschlechtshormonspiegel abhängig sind. Für mein Dafürhalten ist die Durchführung solcher Studien derzeit kaum zu befürworten, da sollte man eher sinnvolle physiologische Grundlagenforschung zur Reproduktionsbiologie voranstellen ehe man mit solchen zurzeit schon als umweltunverträglichen Methoden Zeit und Geld zu verschwenden.

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