Pille, F., S. Caron, X. Bonnet, S. Deleuze, D. Busson, T. Etien, F. Girard & J.-M. Ballouard (2018): Settlement pattern of tortoises translocated into the wild: a key to evaluate population reinforcement success. – Biodiversity and Conservation 27: 437-457.

Das Muster der Neubesiedlung von umgesiedelten Landschildkröten in ein natürliches Habitat: Ein Schlüssel zur Evaluierung von Bestandsaufstockungen.

DOI: 10.1007/s10531-017-1445-2

Das Fehlen einer Langzeitüberwachung macht es häufig schwierig den Erfolg von Umsiedlungsmaßnahmen zur Bestandsaufstockung von Populationen zu überprüfen. Essentielle Fragen zur exakten Zeit und dem Ort einer möglichen Neuansiedlung bleiben daher meist unbeantwortet. Um diese Fragen zu untersuchen überwachten wir 24 Landschildkröten (Testudo hermanni hermanni) mit der Radiotelemetrie für ganze drei Jahre die in das Areal einer durch einen Brand stark Individuen-geschwächte ortsansässige Population umgesiedelt worden waren. Individuen der ortsansässigen Population (n=20) und Individuen einer entfernter gelegenen Kontrollpopulation (n=11) wurden ebenfalls radioüberwacht. Es wurden mehr als 11.000 Aufenthaltsbestimmungen durchgeführt die es uns erlaubten die Bewegungsmuster der Schildkröten präzise zu beschreiben. Die meisten der umgesiedelten Landschildkröten verteilten sich erstmal (> 500 m bis zu > 3000 m weit weg vom Auswilderungsort) in einer zufällig gewählten Richtung wobei sie sogar Areale mit für sie unvorteilhaften Bedingungen durchquerten. Später erfolgte dann eine deutliche Veränderung im Bewegungsmuster weg von einer meist relativ unidirektionalen Wanderung hin zu einer multidirektionalen Verteilung die anzeigte, dass sie sich ansiedelten. Die Bewegungsmuster der umgesiedelten Tiere und die der ortsansässigen Schildkröten unterschieden sich nach dieser Ansiedlungsphase nicht mehr. Die meisten Schildkröten siedelten sich schon während des ersten Jahres an, aber einige auch erst im zweiten Jahr nach der Umsiedlung. Die durchschnittliche Überlebensrate (> 85%) lag im Bereich der normalen Spannbreite für diese Art war aber dennoch niedriger als für die ortsansässigen Schildkröten (93%) und im Vergleich zur Kontrollpopulation (100%). Insgesamt lässt sich feststellen, dass die meisten umgesiedelten Individuen (etwa 63%) sich gut ansiedelten und sich gut an die neue Umgebung angepasst hatten. Diese Ergebnisse sind wichtig im Hinblick auf die kontroverse, unbegründete Diskussion die solche Erhaltungsumsiedlungen sehr kritisch sieht. Trotzdem sollten die Habitate in die umgesiedelt wird groß genug sein und sie sollten zumindest von sekundären Habitaten umgeben sein um die mit der Ausbreitungswanderung der Tiere einhergehende Mortalitätsrate gering zu halten und um eine Abwanderung in gefährliche Areale zu minimieren. Große Anzahlen an Individuen die im Rahmen von Bebauungsprojekten abgesammelt und gerettet werden müssen können somit sehr einfach zur Aufstockung geschwächter Populationen umgesiedelt werden.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun dieses Thema in Bezug auf die Umsiedlung von Schildkröten wird wie ich meine auf einer allgemeinen Basis durchaus zu Recht kritisch gesehen, denn wir können nicht jede Schildkrötenart über einen Kamm scheren und wir können auch nicht jedes Gebiet in das Umgesiedelt werden soll als gleichwertig ansehen. Zum einen mag das was die Autoren hier beschreiben für diese Art und nahe verwandte Arten zutreffen, wenn sie in ein zuvor ausgedünntes Habitat umgesiedelt werden. Denn ein neues Habitat muss auch für die Neuankömmlinge genug vorteilhafte Mikrohabitate und Nahrung bieten damit die Umsiedlung erfolgreich verlaufen kann. Ansonsten kommt es zu einem Konkurrenzkampf mit den ortsansässigen Individuen um die Ressourcen. Auch hier sollte man sehen, dass nur 63% der umgesiedelten Tiere sich erfolgreich ansiedelten und dass eventuell einige ortsansässige Individuen unter dem Konkurrenzdruck zu leiden hatten, denn auch bei ihnen lag die Sterberate etwas erhöht im Vergleich zur völlig unberührten Kontrollpopulation (siehe auch Kommentar zu Bertolero et al.,2007). Zum zweiten können wir im Einzelfall auch verschiedene Populationen und Arten nicht direkt miteinander vergleichen, denn wie Roth und Krochmal (2015) beschreiben sind solche Umsiedlungsaktionen dann zwecklos wenn die Spezies oder Population eine sehr ausgeprägte und nur erlernbare Habitatanpassung zeigt und ein Umlernen zumindest für die adulten Exemplare unmöglich geworden ist. Insofern zeigen sich hier sehr schön zwei Aspekte nämlich, dass eventuell für bestimmte Landschildkrötenarten etwas anders gilt als für Sumpf- und Wasserschildkröten und dass man eben eigentlich immer den Einzelfall vor Augen haben sollte ehe man sich allgemeinen Diskussionen verzettelt.

Literatur

Bertolero, A., D. Oro & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360–368 oder Abstract-Archiv.

Lepeigneul, O., J. M. Ballouard, X. Bonnet, E. Beck, M. Barbier, A. Ekori, E. Buisson & S. Caron (2014): Immediate response to translocation without acclimation from captivity to the wild in Hermann’s tortoise. – European Journal of Wildlife Research 60: 897–907368 oder Abstract-Archiv.

Roth, T.C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2014.11.048 oder Abstract-Archiv.

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