Paterson, J. E., B. D. Steinberg & J. D. Litzgus (2012): Revealing a cryptic life-history stage: differences in habitat selection and survivorship between hatchlings of two turtle species at risk (Glyptemys insculpta and Emydoidea blandingii). – Wildlife Research 39: 408–418.

Untersuchungen zur verborgenen Lebensphase: Unterschiede bei der Habitatauswahl und der Überlebensrate zwischen den Schlüpflingen zweier bedrohter Sumpfschildkrötenarten (Glyptemys insculpta und Emydoidea blandingii).

Schildkröten gehören zu einer weltweit stark bedrohten taxonomischen Gruppe und Informationen über die Populationsökologie sind essentiell für die Arterhaltung und die Populationserholung. Obwohl die Raumnutzungsökologie und die Demographie für adulte Schildkröten vieler Spezies untersucht werden, ist immer noch sehr wenig über deren frühe Lebensstadien bekannt. Die geringe Größe, deren noch weiche Panzer sowie deren begrenzte Mobilität könnten bei Schlüpflingen im Vergleich zu Adulttieren zu Unterschieden in den Überlebensraten und bei der Habitatauswahl führen.
Ziele: Wir testeten die Hypothese, die besagt, dass Schlüpflinge ihr Habitat auswählen, während sie sich zunehmend vom Nest entfernen, und zwar so, dass sie dabei sowohl das Risko Beutegreifern zum Opfer zu fallen, als auch das Risiko der Austrocknung minimieren.
Methoden: Wir untersuchten in den Jahren 2009 und 2010 im Algonquin Provincial Park, Ontario, Kanada anhand von Radiotelemetrie die Überlebensrate, das Verhalten und die Habitatauswahl anhand zweier räumlicher Skalen bei Schlüpflingen der Amerikanischen Sumpfschildkröte (Emydoidea blandingii) und der Waldbachschildkröte (Glyptemys insculpta). Zusätzlich untersuchten wir die Temperaturen der Lokalitäten, die von den Schlüpflingen während des Winters aufgesucht wurden, und verglichen sie mit jenen, die an frei gewählten umliegenden Stellen im Habitat gemessen wurden.
Hauptergebnisse: Die Mortalitätsrate bis zur ersten Überwinterung lag hoch, da nur 42 % der E. blandingii und 11 % der G. insculpta Schlüpflinge überlebten, was hauptsächlich auf Beutegreifer zurückzuführen war. Die meisten Beobachtungen zum Verhalten bei beiden Spezies zeigten, dass die Schlüpflinge in Verstecken verborgen ruhten. Beide Spezies zeigten sowohl eine Makrohabitatselektion wie auch eine Mikrohabitatselektion, während sie sich vom Nest weg und zu den Überwinterungslokalitäten hin bewegten, wobei es wichtige Unterschiede zwischen beiden Arten gab. Diese waren ähnlich zu jenen Makrohabitatspezialisierungen, die für die Adultstadien beider Arten bekannt sind. Ebenso konnten wir Beweise dafür sammeln, dass die Schlüpflinge ihre Überwinterungsplätze gezielt aufgrund der Temperatur auswählen.
Schlussfolgerung: Obwohl es signifikante Unterschiede in Bezug auf die Überlebensrate zwischen Schlüpflingen und Adulttieren beider Arten gibt, war die Habitatauswahl für beide Demographiestadien gleich, was nahe legt, dass Erhaltungspläne, die aufgrund der Habitatansprüche der Adulttiere erstellt wurden, auch die Schlüpflinge schützen sollten.
Implikationen: Das Verständnis der Habitatselektion bei Jungtieren ist eine wichtige Voraussetzung zum Testen von Hypothesen zum so genannten ontogenetischen Habitatwechsel und der damit verbundenen Ressourcenauswahl als Voraussetzung eines artbezogenen Habitatschutzes.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Was besagen die Daten in Bezug auf das Verhalten der Schlüpflinge? Nun, für die Schlüpflinge wurde eine erstaunliche geringe Zeit, die sie mit Sonnenbaden verbrachten ermittelt, da die Schlüpflinge von G. insculpta 75 % und von E. blandingii 83 % der Zeit in Verstecken verbrachten, wobei erstere 12 % und letztere 3 % der Zeit für Sonnenbäder (Thermoregulation) nutzen, während der Rest mit Bewegungen assoziiert war. Waldbachschildkröten bevorzugten als Makrohabitate offene höher gelegene Areale, Überschwemmungsland und Bachläufe und mieden bewaldete höher gelegene Arealflächen. E. blandingii bevorzugten auch offene höher gelegene Areale, Marschland und Sümpfe. G. insculpta wählten als Mikrohabitate offene weitgehend laubfreie, kühlere Stellen innerhalb ihres Makrohabitats, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass sich dort ein Schlüpfling aufhielt, pro 1 % Zunahme der Laubstreu um 11 % abnahm. Ebenso sank pro 1 ºC Temperaturzunahme die Wahrscheinlichkeit dort einen Schlüpfling zu finden um 14 %. E. blandingii bevorzugten innerhalb des Makrohabitats verstärkt Bereiche mit Laubstreu, wobei 5 % Zunahme an Pflanzendeckung die Wahrscheinlichkeit, dass sich dort ein Schlüpfling aufhielt um 16 % zunahm, und mit jedem Prozent hölzener Pflanzendeckung nahm die Aufenthaltswahrscheinlichkeit um 17 % zu. E blandingii Schlüpflinge überwinterten in offenen, höher gelegenen Bereichen und im Marschland, während G. insculpta die Bachuferböschung wählten. Für E. blandingii lagen die Temperaturen in den Überwinterungslokalitäten signifikant niedriger als in den umliegenden Bereichen, mit Ausnahme jener, die im Marschland überwinterten. Die Überwinterungstemperaturen schwankten für E. blandingii zwischen +1 und +4 ºC und in den Regionen für G. insculpta zwischen –0,5 bis +3,0 ºC.
Da allerdings kaum Tiere den Winter überlebten, und es für
G. insculpta keine überlebenden gab, gehe ich einmal davon aus, dass die Bestückung der Schlüpflinge mit Telemetriesendern entweder den Tieren schon während der Wanderungen im Herbst zu viel Energie gekostet hat oder dass mit dem Sender nicht in der Lage waren, sich optimal oder tief genug einzugraben, oder dass sie einfach mit der Strömung verdriftet wurden. Siehe auch: Edge et al. (2009) und Castellano et al. (2008).

Literatur

Castellano, C. M., J. L. Behler & G. R. Ultsch (2008): Terrestrial movements of hatchling wood turtles (Glyptemys insculpta) in agricultural fields in New Jersey. – Chelonian Conservation and Biology 7 (1): 113–118 oder Abstract-Archiv.

Edge, C. B., B. D. Steinberg, R. J. Brooks & J. D. Litzgus (2009): Temperature and site selection by Blanding's Turtles (Emydoidea blandingii) during hibernation near the species' northern range limit. – Canadian Journal of Zoology – Revue Canadienne de Zoologie 87 (9): 825–834 oder Abstract-Archiv.

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