Masin, S., A. Bonardi, E. Padoa-Schioppa, L. Bottoni & G. F. Ficetola (2014): Risk of invasion by frequently traded freshwater turtles. – Biological Invasions 16: 217–231.

Das Invasionsrisiko der häufig gehandelten Wasserschildkröten.

Risikobewertungen erlauben es, die nicht einheimischen Arten zu identifizieren, die sehr wahrscheinlich ein sehr hohes Potential für eine invasive Ausbreitung und Gefährdung mit sich bringen, und sie helfen, von vornherein präventive Maßnahmen zu ergreifen und regulierend in den Handel einzugreifen. Wasserschildkröten gehören zu den am häufigsten gehandelten Haustieren und eine zunehmende Anzahl an Arten sind leicht zu erwerben, und sie werden auch häufig von ihren Besitzern in natürliche Feuchtgebiete ausgesetzt. Diese Studie identifizierte eine ganze Reihe von Wasserschildkröten, die häufig und billig im Handel angeboten werden, und wir unternahmen für sie eine mehrstufige Risikobewertung in Bezug auf die Prozesse, die zu ihrer Invasivität beitragen. Das Risiko der permanenten Ansiedlung wurde anhand von Artverbreitungsmodellen (MaxEnt und Boosted Regression Trees), basierend auf ihrem globalen Vorkommensnachweisen und den dort vorherrschenden Klimabedingungen analysiert. Wir analysierten ebenso die Ökologie und die bekannten Parameter zur Lebensweise der Arten, die zu deren Aussetzen führen und die sowohl zur Ansiedlung als auch zum Populationswachstum beitragen können. Neben der jetzt schon invasiven Trachemys scripta machten wir leicht mindestens 14 weitere Spezies im Tierhandel ausfindig. Für die meisten dieser Arten zeigten die Verbreitungsmodelle Regionen mit günstigen klimatischen Bedingungen, die außerhalb ihrer natürlichen Vorkommensgebiete liegen. Eine Überprüfung mit unabhängigen Daten bestätigte die Richtigkeit unseres Modellierungsansatzes. Pelodiscus sinensis und Pelomedusa subrufa gehörten zu jenen Arten, die die größten Areale mit für sie günstigen Klimabedingungen außerhalb ihrer natürlichen Verbreitungsgebiete aufwiesen. Für alle Spezies ergab sich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie in vom Menschen genutzten Landschaften koexistieren können, und ihre Reproduktionsstrategien lassen vermuten, dass sie ein hohes Invasionsrisiko mit sich bringen, wenn sie in diesen für sie günstigen Habitaten ausgesetzt werden. Die Verfügbarkeit geografischer räumlicher Karten, in denen die für die jeweiligen Arten mit einem Invasionsrisiko behafteten Regionen eingetragen sind, ermöglicht es, die Regionen aufzuzeigen, in denen vorbeugende Maßnahmen möglichst schnell realisiert werden sollten. Für Europa ist eine Ausweitung der den Handel regulierenden Maßnahmen (Vorschriften) dringend notwendig, um zu verhindern, dass sich etliche weitere Wasserschildkröten als invasive Arten ausbreiten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun in dieser Arbeit wurde neben den im Abstract namentlich erwähnten Arten noch A. ferox, A. spinifera, G. kohnii, P. concinna, P. floridana, P. nelsoni, K. baurii, K. subrubrum, S. carinatus, S. odoratus, M. reevesii, M. sinensis als Arten mit moderatem bis hohem Invasionsrisiko identifiziert. Insofern zeigt diese Arbeit wieder einmal anhand einer wissenschaftlichen Potentialanalyse, dass es neben T. scripta auch andere invasive Arten gibt, und sie warnt jetzt schon davor, dass zumindest in Südeuropa entsprechende vorbeugende Maßnahmen getroffen werden sollten. Solche Arbeiten sind sicher nicht unberechtigt, aber sie warnen wiederholter Maßen, genauso wie die Arbeiten über die Reptilien-assoziierten Salmonelleninfektionen bei Kindern vor bestimmten Risiken des Exotenhandels. Solche Appelle werden auch in Zukunft nicht verstummen, und sie werden auch in Brüssel bei der EU wahrgenommen. Ja, solche Arbeiten werden ja letztendlich auch mit Steuermitteln finanziert und gefördert und das sicherlich nicht ohne Grund. Selbst wenn ich persönlich aus etlichen Gründen einen weniger negativen Blick auf die so genannten invasiven Arten habe, und lieber den Begriff Neozooen verwendet wissen wollte, so muss ich doch sagen, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen und sicher auch viele unserer in den herpetologischen Verbänden eingebundene Wissenschaftler und Naturschützer beunruhigen. Deshalb ist auch davon auszugehen, dass solche Argumente durchaus in Zukunft ernster genommen und langfristig dazu führen werden, dass sich auch die Gesetzgebung der EU daran orientieren wird. Hier sehe ich unweigerlich, dass sich die entsprechenden herpetologischen Verbände heute schon im Sinne einer verantwortungsvollen, langfristig ausgerichteten Exotenhaltung entsprechen orientieren sollten, und in diesem Zusammenhang ist es völlig sinnlos und zu kurzfristig gedacht, wenn man wie heute schon von einigen angedacht, dieselben – falls sie denn kommen sollten – als übertrieben empfundene nationale Beschränkungen durch Berufung auf das EU-Recht kippen zu wollen. Das geht vielleicht heute noch, aber ganz sicher nicht mehr in 15–20 Jahren. Gehen denn wirklich jene, die heute in den entsprechenden Verbänden für die Weichenstellung verantwortlich sind, davon aus, dass das was nach Ablauf ihrer Zeit kommen wird, egal ist? Wo bleiben da die verantwortungsvollen Zukunftsperspektiven für die zahlenmäßige Mehrheit der Mitglieder und Halter? Ich kann nur daran appellieren – verzichten Sie auf Wildfänge und distanzieren Sie sich vom Handel, wenn er nicht darauf verzichten will. Deklarieren Sie Börsen wirklich als reine Nachzuchtbörsen, wenn Sie sie langfristig im Sinne der Mitglieder erhalten wollen, damit diese ihre Nachzuchten auch innerhalb Deutschlands und auf EU-Ebene austauschen können und regeln Sie die verantwortungsvolle legale Haltung verbandsintern. Wer heute diese Weichenstellung nur der Kommerzialisierung und des persönlichen Vorteils wegen unterlässt, braucht sich auch nicht wundern, wenn die Glaubwürdigkeit zu leiden beginnt. Tja und was passiert, wenn man dann auch noch zu viel Einflussnahme kommerzieller Verlagsinteressen zu akzeptieren beginnt, dann braucht man sich auch irgendwann nicht wundern, wenn ihm genau die gleiche Krise droht, in der sich derzeit ein anderer und viel gewichtigerer Verein, wie der ADAC befindet. Langfristig könnte es sich weit mehr auszahlen, sich wirklich der Mehrheit entsprechend gemeinnütziger zu orientieren, als sich dem meist unsachlicheren und einseitigeren Lobbyistentum zu verdingen. Übrigens in der aktuellsten Ausgabe von Nature wird gerade ein ernstgemeintes Spiel vorgestellt, dass zum Ziel hat den „nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen“ aufzuzeigen, das klar zeigt, dass einseitige Individualinteressen schneller zur Ausbeutung führen, wohingegen demokratische Ressourcennutzungsentscheidungen der Nachhaltigkeit dienen. Wenn Sie heute in Deutschland oder gar Europa demokratisch über Wildfangimporte abstimmen ließen, wäre so glaube ich, das Abstimmungsergebnis klar (Hauser et al. 2014)!

Literatur

Hauser, O.P., D. G. Rand, A. Peysakhovich & M. A. Nowak (2014): Cooperating with the future. – Nature 511: 220–223.

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