Lenzen, M., D. Moran, K. Kanemoto, B. Foran, L. Lobefaro & A. Geschke (2012): International trade drives biodiversity threats in developing nations. – Nature 486: 109–112.

Der internationale Handel ist der Motor für den Biodiversitätsverlust in den Entwicklungsländern.

Menschliche Machenschaften sind der Grund für ein sechstes Massenaussterben auf der Erde, da ein sich beschleunigender Verlust an Lebewesen und biologischer Diversität stattfindet, der 100 bis 1.000 mal schneller abläuft als zu vormenschlicher Zeit. Geschichtlich gesehen gab es kleine begrenzte Einschnitte in die Habitate anderer Lebensformen, die darauf zurückgingen, dass man sich lokal mit Nahrung, Brennholz und Platz zum Leben versorgte. Allerdings sorgen in unserer heutigen, globalisierten Ökonomie internationale Handelsketten für eine Beschleunigung der Habitatzerstörung, sodass die Zerstörungen gar nicht dort stattfinden, wo die Ressourcen verbraucht werden (z. B. Kaffee- bzw. Bananenplantagen entstehen nicht in Europa oder Nordamerika). Obwohl die negativen Auswirkungen einer Ökonomieausweitung auf das Auftreten ökonomischer Ungleichgewichte nachgewiesen sind, wird die wesentliche Rolle des internationalen Handels als treibende Kraft bei der Gefährdung von Lebewesen nur unzureichend klar. Hier in dieser Arbeit zeigen wir, dass eine nicht zu vernachlässigende Anzahl an Spezies durch den internationalen Handel entlang komplexer Handelsrouten (Netze) gefährdet wird und dass insbesondere die Konsumenten in den hochentwickelten Nationen durch ihre Nachfrage nach solchen Produkten die Arten in den Entwicklungsländern bedrohen. Wir verlinkten 25.000 gefährdete Tierarten aus dem Gefährdungsbericht der Roten Liste der IUCN mit mehr als 15.000 Produkten die in 187 Ländern produziert werden, und analysierten mehr als 5 Millionen Zulieferketten auf ihre Einflussnahme auf die Biodiversität. Unter dem Ausschluss invasiver Spezies fanden wir, dass 30 % der weltweiten Gefährdungen für Spezies allein auf den internationalen Handel zurückzuführen sind. In vielen hochentwickelten Nationen hinterlässt die Nachfrage nach Kaffee, Tee, Zucker, Textilien und Fisch sowie anderer Produkte einen „Fußabdruck“ der Zerstörung, der in den fernen Ländern weitaus größer ist als zuhause (Zur Anlage einer Teeplantage auf Sri Lanka muss man eben großflächigere Biotope z. B. der Sternschildkröten roden als für die Lagerhalle in Hamburg oder den Regalplatz im Supermarkt, Anmerkung HJB). Unsere Ergebnisse zeigen, dass es wichtig ist, den Biodiversitätsverlust als ein globales, systemisches Phänomen zu erkennen, anstatt nur isoliert auf einzelne Produkte zu schauen und die damit assoziierten Verschlechterungen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse das Zustandekommen besserer Regulationsmechanismen beschleunigt, und es zu einer für den Endverbraucher besseren Zertifizierung für nachhaltig handelnde Handelsketten und solcher Produkte kommt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieser Artikel stammt aus einer ganzen Serie (siehe unten), aus der Ausgabe von Nature zum Anlass des zwanzigjährigen Jubiläums der ersten Konferenz von Rio, die gerade erst wieder stattgefunden hat. Wobei ich davon ausgehe, dass auch dieser Gipfel ebenso wie der letzte Klimagipfel in Durban keine politisch motivierten Veränderungen bringen wird. Eine der passendsten Aussagen dazu findet sich der Arbeit von Maslin & Austin (2012) mit dem Titel Klimamodelle an ihrer Grenze. Zitat: „The biggest obstacle is the unwillingness of polititians to act in the long-term intrest of society“(Die größte Hürde ist der Unwillen der Politiker entsprechend der Langzeitinteressen der Gesellschaft zu handeln).
Ich habe diesen Nature-Artikel gewählt, weil er gleich in seiner Einleitung zeigt, wie sehr wir hier in Deutschland direkt angesprochen sind. Denn wir sind bei fast allen Produkten mit unter den ersten 3 der Importstaaten, was auch für den Tierhandel gilt (siehe Kommentar zu Siroky & Fritz 2007, Türkozan et al. 2008, Lyons & Natusch 2011, Ljubisavljevic et al. 2011). Zusätzlich zeigt diese Arbeit auch, dass es dabei nicht nur um den Tierhandel geht, sondern es im Wesentlichen die Landwirtschaft ist sowie andere Rohstoffe wie Erze, die den größten Teil einer Gefährdung durch den Verlust an Habitaten verursachen. Manche Produkte zerstören den Lebensraum gar nicht einmal direkt, sondern nur indirekt z. B. durch Luft- bzw. Gewässerverschmutzung, die Spezies weit weg vom eigentlichen Ort des Geschehens bedrohen. Hier zeigt sich eigentlich ein Problem, dass für Deutschland schon sehr klar bei Reichholf (2010) beschrieben wird. Denn auch bei uns sind in erster Linie Landwirtschaft und Großindustrie von Naturschutzauflagen befreit oder nur bedingt betroffen, was man auch an der Unterscheidung eines Landschaftsschutzgebiets im Vergleich zu einem Naturschutzgebiet sehen kann. Auch zu dem Thema hat Reichholf (2010) sehr eindrucksvoll beschrieben, wie allein schon die Überdüngung in der Landwirtschaft zur Artenverarmung führt.
In diesem Zusammenhang möchte ich aber wiederholtermaßen auf ein anderes Thema zurückkommen, nämlich dass der Hybridenbildung bei Arten, denn auch dazu ist 2012 in Nature (Vonlanthen et al. 2012) ein schönes Beispiel für Fische in Schweizer Hochgebirgsseen beschrieben worden, das uns die Sachlage der Überlebenssicherung deutlich macht. Wie die Autoren beschreiben, haben sich in diesen isolierten Seen eigene endemische Arten entwickelt, die spezielle Tiefenzonen der Seen besiedeln und sich dort auch vermehren. Nun führte hier die Überdüngung und Eutrophierung der Gewässer dazu, dass in den tiefsten Gewässerzonen der Sauerstoffgehalt so stark abgesunken ist, dass die Fischarten, die diese Tiefenzone besiedeln, in die mittlere Zone aufsteigen und weil durch die Eutrophierung verbunden mit Algenwuchs die mittlere Zone so warm und nährstoffreich wird, dass die Oberflächenarten auch in die Mittelzone einwandern, begegnen sich die Fischarten und bilden zunehmend eine Hybridspezies aus. Auch argumentieren die Autoren nach alter Manier fast ausschließlich negativ und bedauern den Artenverlust. Aber sie bieten ebenso wie diese aktuelle Artikelserie in Nature für das Überleben der einzelnen betroffenen Arten keine Überlebensalternative, denn da sich der Mensch weiter ernähren muss, wird er auch weiterhin Dünger einsetzen, der mit dem Staub in der Luft und mit dem erhöhten Schmelzwasseraufkommen durch die globale Erwärmung selbst diese sehr sensiblen Bergseen erreichen wird. Betrachtet man es aus Sicht der Fische, gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder stirbt die Tiefenzonenart aus, weil sie dort keinen Sauerstoff mehr hat oder die Mittelzone für sie zu warm wird, oder sie hybridisiert mit der Wärme adaptierten Oberflächenspezies, um ihr Anpassungspotential zu steigern. Solange das Futter und der Sauerstoff reichen können sie als Hybridarten hoffentlich lange genug überdauern, bis sich die Situation dahingehend ändert, dass sich die Hybridart wieder in einzelne Unterarten und Arten spezifizieren kann. Die Potenz dazu hat sie, denn die genetische Information aus den Ursprungsarten ist noch vorhanden. Man könnte sogar spekulieren, ob in diesem Fall eines isolierten Sees die Hybridart vielleicht sogar der Art ähnlicher ist, die ursprünglich den See einmal besiedelt hat und aus der heraus sich die anderen im Laufe der Evolution differenziert hatten. Solange wir also keine praktikable Lösung für das Überleben solcher Arten anbieten können, sollten wir mit dem Verteufeln der Hybriden aufhören, denn hier zeigt uns die Natur einen Weg, wie sie sehr wahrscheinlich die fünf früheren Massenaussterben belebter Materie überstanden hat, so dass wir heute wieder über eine reiche Biodiversität und deren Verlust diskutieren können. Spezifizierung und Diversifikation gehören zu den Grundprinzipien biologischer Materie (siehe Cardinale et al. 2012), und ihre Anpassungsfähigkeit und die Aufrechterhaltung der Möglichkeit dazu, wird in besonderen Situationen auch durch an Extreme angepasste Hybriden aufrechterhalten. Wie uns die molekulargenetischen Daten zeigen, haben sich solche Phänomene häufig und insbesondere während der Übergänge von Warm- und Kaltzeiten und umgekehrt ereignet. Dass Hybridarten nicht nur Nachteile haben, sondern viele sogar enorme Vorteile, wird nicht bestritten, und Letzteres ist gar nicht so selten, was heute schon bei Wikipedia nachzulesen ist (siehe auch Poulakakis et al. 2012).

Literatur

Cardinale, B. J., J. E. Duffy, A. Gonzalez, D. A. Hooper, C. Perrings, P. Venail, A. Narwani, G. M. Mace, D. Tilman, D.A. Wardle, A. P. Kinzig, G. C. Daily, M. Loreau, J. B. Grace, A. Larigauderie, D. S. Srivastava, & S. Naeem (2012): Biodiversity loss and its impact on humanity. – Nature 486: 59–67 oder Abstract-Archiv.

Hooper, D. U., E. C. Adair, B. J. Cardinale, J. E. K. Byrnes, B. A. Hungate, K. L. Matulich, A. Gonzalez, J. E. Duffy, L. Gamfeld & M. I. O’Connor (2012): A global synthesis reveals biodiversity loss as a major driver of ecosystem change. – Nature 486: 105–108.

Ljubisavljevic, K., G. Dzukic & M. L. Kalezic (2011): The commercial export of the land tortoises (Testudo spp.) from the territory of the former Yugoslavia: a historical review and the impact of overharvesting on wild populations. – North-Western Journal of Zoology 7: 250–260 oder Abstract-Archiv.

Lyons, J. A. & D. J. D. Natusch (2011): Wildlife laundering through breeding farms: Illegal harvest, population declines and a means of regulating the trade of green pythons (Morelia viridis) from Indonesia. – Biological Conservation, (Vorabversion) doi:10.1016/j.biocon.2011.10.002 oder Abstract-Archiv.

Poulakakis, N., M. Russello, D. Geist & A. Caccone (2012): Unravelling the peculiarities of island life: vicariance, dispersal and the diversification of the extinct and extant giant Galapagos tortoises. – Molecular Ecology 21: 160–173 oder Abstract-Archiv.

Reichholf, J. H. (2010): Naturschutz. Krise und Zukunft. – Berlin (Suhrkamp Verlag), 170 S.

Siroky, P. & U. Fritz (2007): Is Testudo werneri a distinct species? – Biologica Bratislava, 62: 1–4 oder Abstract-Archiv.

Türkozan, O., A. Özdemir & F. Kiremit (2008): International Testudo Trade. – Chelonian Conservation and Biology 8 (2): 269–274 oder SiF 2009 (6) 3.

Vonlanthen, P., D. Bittner, A. G. Hudson, K. A. Young, R. Müller, B. Lundsgaard-Hansen, D. Roy, S. Di Piazza, R. Largiader & O. Seehausen (2012): Eutrophication causes speciation reversal in whitefish adaptive radiations. – Nature 482: 357–362.

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