Kuchling, G. (2006): An ecophysiological approach to captive breeding of the swamp turtle Pseudemydura umbrina. In: Artner, H., Farkas, B. & V. Loehr (Eds.); Turtles: Proceedings of the International Turtle & tortoise Symposium, Vienna 2002. – Edition Chimaira, Frankfurt, pp. 196–225.

Ein ökophysiologischer Ansatz zur Nachzucht der Falschen Spitzkopfschildkröte, Pseudemydura umbrina in menschlicher Obhut.

Teil 1/2

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese umfassende Arbeit hat kein Abstract und behandelt in mehreren Unterkapiteln die Taxonomie, das Aussehen, den Erhaltungsstatus, frühere Nachzuchtversuche, die Rettungsaktionen zur Arterhaltung, die Erfassung der weiblichen Reproduktionszyklen, Ökologie, ökophysiologische Zuchtvoraussetzungen, den Aufbau einer Nachzuchtstation, das Management der Zuchttiere, Klimatische Faktoren, Nahrung, Fütterungszyklen, Saisonale Zyklen, das Verpaarungsmanagement, das Genetisches Management, Inkubation, Schlupf, Schlupfraten, die Aufzucht der Jungschildkröten und Diskussion. Hier möchte ich nur kurz anfügen, dass es sich bei Pseudemydura umbrina um eine der seltensten Schildkröten der Welt handelt deren Bestand zur damaligen Zeit (1987) durch den Habitatverlust äußerst gefährdet war und weniger als 50 Individuen umfasste. Deshalb hatten auch schon vorher Zoofachleute versucht die Art nach zu züchten was aber so gut wie nicht gelang da es nur zu sporadischen Reproduktionsansätzen kam wobei kaum Schlupf- geschweige denn Aufzuchterfolge zu verzeichnen waren. Dabei sollte man beachten, dass diese Schildkröten nur unweit ihres natürlichen Vorkommen also klimatisch unter eigentlich optimalen Bedingungen aber anscheinend dennoch falsch gehalten wurden. Deshalb war es wie im Titel erwähnt eine Grundvoraussetzung die ökophysiologischen Ansprüche in Abhängigkeit zu den klimatischen Bedingungen zu etablieren die erst den Nachzuchterfolg ermöglichten. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Anpassung war auch die Einhaltung einer langen Ruhephase und die gezielte Fütterung während der Aktivitätszeit. All das will ich aber hier nicht weiter ausführen, da sie es im Orginal viel besser und anschaulicher nachlesen können. Sie werden sich also fragen warum ich gerade dieses „alte“ Proceedingskapitel als Weihnachts- und Neujahrsanfang des WiF-Online Teils gewählt habe? Der Grund ist ein Thema das in dieser Arbeit eigentlich die Nebensache spielt und die heute immer mehr zur ich möchte fast schon etwas zynisch sagen zur „Pseudohauptsache“ deklariert wird, nämlich der Tierschutz. Nun ist mir sicher klar, dass ich mit dieser Aussage etliche vor den Kopf stoße. Aber wir sollten schon einmal ernsthaft darüber nachdenken und genau hinschauen, denn auch ich möchte nicht das Lebewesen gequält werden und insofern bin ich mit dem Tierschutzgedanken und seinem Anliegen d‘accord. Allerdings beschreibt in dieser Arbeit Kuchling, dass er froh war, dass er dieses Nachzuchtprogramm damals noch so einfach ohne Tierschutz etablieren konnte und bedankt sich eigentlich noch bei den Administratoren des damaligen Tierschutzes dafür, dass er damals noch das Okay dazu bekommen hat. Wobei es Zweifel daran gibt ob das heute aktuell überhaupt noch möglich wäre. T’ja und da sind wir dann bei dem Punkt angekommen den ich eigentlich adressieren möchte. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war die zur Zucht zur Verfügung stehenden ursprünglichen 50 Spitzkopfschildkröten auf 17 Individuen zusammengeschrumpft wobei einige der Tiere noch der Natur entnommen worden waren, da sie wohl in ihren zwei zusammengeschrumpften natürlichen Lebensräumen sich auch nicht mehr fortpflanzten. Hier war es so, dass der Autor feststellte, dass die Schildkröten wenn der Sumpf während des späten Frühjahrs austrocknete in höher gelegene Gebiete abwandernden und eine Aestivationsphase einlegten während dieser Ruhephase begann bei den Weibchen die Eientwicklung. Die Paarung findet im Winter im Wasser statt, denn diese Schildkröte ist im kühlen australischen Winter aktiv. Zudem setzten die Weibchen nur reife Eier an wenn sie zur richtigen Zeit eine gute Körperkondition hatten ansonsten brachen sie die Eireifung ab. Um diese Kondition zu haben brauchten sie stressfreie Bedingungen und vergleichsweise sehr viel Nahrung in kurzer Zeit (also keine Einheitsfütterung übers ganze Jahr) weil die Schildkröten daran angepasst sind in der kurzen Regenzeit das reichliche Angebot an Kaulquappen und Wasserinsekten, Schnecken etc. abzuschöpfen. Kurz gesagt die erfolgreiche Rettung der Art durch Nachzucht in Gefangenschaft im Zoo von Perth und am Wildlife Forschungszentrum für Arterhaltung und Landmanagement gelang nach der Umstellung der Haltungsbedingungen und unter Verwendung eines Kunstfutters (Schildkrötenpudding ala Prof. Sachsse publiziert von Pauler, 1981).
Diese Rettung erfolgte in letzter Sekunde. In der Diskussion verweist Prof. Kuchling darauf, dass Australien damals schon eines der strengsten Gesetze zur Wildtierhaltung hatte was dazu geführte hatte, dass es im Gegensatz zu z. B. Europa kaum Privatleute gab die Erfahrung darin hatten und Grundlagen erarbeiteten. Die offiziellen Stellen wie der Zoo von Perth hatten nicht die entsprechenden Ressourcen und vor allem es fehlten die Personen die sich wirklich engagiert in die Schildkrötenhaltung eingearbeitet hatten. Etwas das oft fehlt, denn wer sollte einen Tierpfleger oder Tierarzt in etwas ausbilden wofür es keinen Ausbildungs- oder Lehrberuf gibt. Hier haben Privatpersonen, die sich aus persönlichen Eigeninteresse mit etwas engagiert beschäftigen klare Vorteile und meist auch den Willen sich Erfahrung anzueignen. Selbst Kuchling beschreibt in der Diskussion, dass er selbst trotz Biologiestudium und Ausbildung als Zoologe bei der Realisation dieses Nachzuchtprogramms allein auf seine persönliche Erfahrung als privater Schildkrötenhalter in Wien angewiesen war, denn es gab und gibt bis heute dafür keine Ausbildung. Selbst nach der Einführung der neuen Haltungsbedingungen am Zoo von Perth begann das Projekt erst zu florieren als ein speziell persönlich an Schildkröten interessierter Tierpfleger mit der Umsetzung der Maßnahmen betraut wurde. Das zeigt uns doch klar und deutlich, dass das Vorgehen von Institutionen die oft Personal nach Ausbildungszeugnissen einstellen und davon ausgehen, dass diese Personen dann per bescheinigter Ausbildungsnote alles gleich gut können sollten als unrealistischer Blödsinn einzustufen ist! Zudem ist es schwierig in solchen großen Organisationen alte Praktiken zu ändern und durch neue zu ersetzen, wobei das Schwierigste war, sowohl die Tierpfleger wie auch die zuständigen Veterinäre (Tierschutz) davon zu überzeugen die Schildkröten wirklich über 6 Monate trocken und ohne Futter zu halten, denn diese für die Populationserhaltung unabdingbare „Grausamkeit“ war nur schwer zu vermitteln. Ja und der Autor beschreibt, dass er dankbar war, dass zu dieser Zeit die Tierschutzkommitees innerhalb dieser Organisationen wie Zoos und Forschungszentrum noch nicht so etabliert waren wie heute, denn er geht davon aus, dass solche Rettungsprogramme kaum mehr so durchzusetzen wären.

 

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