Jones, J. P. G., J. Ratsimbazafy, A. N. Ratsifandrihamanana, J. E. M. Watson, H. T. Andrianandrasana, M. Cabeza, J. E. Cinner, S. M. Goodman, F. Hawkins, R. A. Mittermeier, A. L. Rabearisoa, O. S. Rakotonarivo, J. H. Razafimanahaka, A. R. Razafimpahanana, L. Wilmé & P. C. Wright (2019): Madagascar: Crime threatens biodiversity. – Science 363 (6429): 825.

Madagaskar: Kriminalität bedroht die Biodiversität.

DOI: 10.1126/science.aaw6402

Dieser Aufruf hat kein Abstract stellt aber einen der aus meiner Sicht für den Naturschutz wichtigsten Faktor in den Vordergrund, nämlich die politischen Verhältnisse.
Die Autoren adressieren ihren Aufruf an den neu gewählten Präsidenten Madagaskars der laut Ankündigung den Lebensstandard der armen Bevölkerungsschichten verbessern will. Man fordert dazu auf, dass es eine essentielle Notwendigkeit sein müsste die zunehmende Missachtung der Gesetze zu beenden, denn Madagaskar ist auf der Liste der korruptesten Staaten zwischen 2016 und 2018 um acht Plätze abgesunken. Diese schwache politische Einflussnahme verlangsamt die Landesentwicklung dadurch, dass sowohl die eigenen Bürger wie auch ausländische Firmen vor Investitionen zurückschrecken. Seit seiner Wahl wollte er Madagaskar zu einem Beispielmodell für Arterhaltung und Ökotourismus machen. Die Lösung des Armutsproblems bestünde aber darin Madagakars Regierung zu stärken und die Kriminalitätsrate zu senken – was dazu notwendig wäre den rapiden Biodiversitätsverlust des Landes zu beenden. Die Gefahren für Madagaskars Schutzgebiete und Arten gehen zunehmend im Einklang mit der Korruption auf das Konto krimineller Netzwerke. Die illegale Entnahme und Ausfuhr von Edelholz aus den Schutzgebieten hat seit einem Jahrzehnt erheblich zugenommen. Edelsteinminen und Goldminen beuten die natürlichen Landesressourcen und den Wohlstand aus und die stark zunehmende Ausbeutung der Schutzgebiete und die Entnahme von Arten unter Missachtung der nationalen Gesetze helfen dem Land in keinster Weise. Diese illegalen Machenschaften wie das Anlegen von Minen gehen oft einher mit lokalen Auseinandersetzungen und Kämpfen und einer Verunsicherung die legitime Investitionen verhindert. Wenn es jetzt dafür keine schnellen Gegenmaßnahmen gibt werden einige von Madagakars besten „Habitatikonen“ und Arten (wie z. B. die abgebildete Schnabelbrustschildkröte) für immer verschwinden. Indem er endlich die Führung übernehmen und das Gesetz in die Hand nehmen würde könne Präsident Rajoelina Madagaskar wirklich in zweierlei Hinsicht helfen, nämlich durch ökonomisches Wachstum und durch effektive Biodiversitätserhaltung.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die für einen solchen Aufruf relativ umfangreich, gelistete Literatur ist wirklich gut gewählt um die vorgebrachten Argumente zu stützen und zu untermauern. Auch dieses aktuelle Beispiel zeigt deutlich wie sehr Arterhaltung und Naturschutz eben von der Politik abhängig sind und die kann sich ja bekanntlich sehr schnell ändern. Sehen sie dazu nach Brasilien oder Amerika und die Kommentare zu Symes et al., (2018) sowie Van Dyke et al., (2019).

Andererseits verwundert es mich aber auch immer wieder aufs Neue wie schnell und dreist immer noch und trotz aller Aufrufe und Maßnahmen Gier und Wucher zur direkten Vermarktung und Bedrohung beitragen (siehe dazu auch Vinke & Vinke, 2012; 2015 und die dort zitierte Literatur).

Gerade wurde dazu in der Zeitschrift Science wieder ein krasses Beispiel für eine neu entdeckte Tarantelart (Birupes simoroxigorum) geschildert. Diese blaubeinige Art wurde erst im Herbst letzten Jahres (2018) entdeckt und im Februar 2019 als neue Art beschrieben.  Die Sammler dieser Spezies hatten ihre mit nach Europa gebrachten verstorbenen Exemplare zur Bestimmung weitergeleitet. Es wurden aber schon jüngst Spinnen dieser Art als Nachzuchten auf Börsen für 300,- EURO gehandelt, obwohl die Entdecker beteuerten, dass diese nicht von ihnen stammen können, weil die mit nach Europa gebrachten Exemplare ohne Nachkommen verstorben waren. Somit kann es sich bei den im Handel befindlichen Tieren nur um illegale Importe handeln (bislang hat Malaysia keine Sammelgenehmigung erteilt, siehe dazu Law, (2019) und man geht jetzt schon davon aus, dass diese Art zumindest am Fundort schon bedroht ist, falls es nicht noch irgendwo anders Populationen geben sollte. Zynisch könnte man fast davon ausgehen, dass Sammler vielleicht sogar Neuentdeckungen auch noch möglichst schnell zur Artbestimmung und Beschreibung weiterleiten, denn dann kann man wahrscheinlich erst recht damit etwas verdienen. Kein Wunder also wenn auch heute noch von Seiten der Wissenschaft der Druck auf Politiker und Gesellschaft hochgehalten werden wie wieder im jüngsten Editorial von Lopes et al. (2019) in der internationalen Zeitschrift, Conservation Biology; Band 33, Heft 1 -2019. Schade ist dabei nur, dass eben damit auch seriöse Halter/innen immer stärker beeinträchtigt werden worunter dann auch gut gemeinte Arterhaltungsinitiativen wie Citizen Conservation und andere zu leiden haben (siehe Werning, 2019). Sicher muss man auch hier im Hinterkopf behalten, dass etliche die heute für Erhaltungszucht plädieren früher auch zu jenen gehörten die als Interessenten den Handel mit solchen Tieren und Pflanzen mit gefördert haben und insofern muss man sich auch selbstkritisch eingestehen, dass auch hier der Spruch von F.W. Bernstein zutrifft: Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche – Aber wir müssen auch sehen, dass ohne dieses Interesse heute kaum ausreichend Wissen und Erfahrung zur Verfügung stehen würde um Arterhaltung auf breiter Basis zu realisieren (siehe Kuchling 2006). Letztendlich akzeptieren wir auch den Deutschen Jagdverband als Naturschutzorganisation.

 

Literatur

Kuchling, G. (2006): An ecophysiological approach to captive breeding of the swamp turtle Pseudemydura umbrina. In: Artner, H., Farkas, B. & V. Loehr (Eds.); Turtles: Proceedings of the International Turtle & tortoise Symposium, Vienna 2002. – Edition Chimaira, Frankfurt, pp. 196–225 oder Abstract-Archiv.

Law, Y.-H. (2019) New tarantula highlights illegal trade in spiders Arachnologists named species based on poached specimens. – Science; 363 (6430): 914-915.

Lopes, R.J., J. M. Ferreira & N. Moraes-Barros (2019): Bolder steps to fight global wildlife illegal trade. – Conservation Biology; 33: 7-8.

Symes, W. S., F. L. McGrath, M. Rao & L. R. Carrasco (2018): The gravity of wildlife trade. – Biological Conservation 218: 268-276 oder Abstract-Archiv.

Van Dyke, J. U., R. Spencer, M. B. Thompson, B. Chessman, K. Howard & A. Georges (2019): Conservation implications of turtle declines in Australia's Murray River system. – Scientific Reports 9 oder Abstract-Archiv.

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