Jensen, E. L., P. Govindarajulu, J. Madsen & M. A. Russello (2014): Extirpation by introgression?: Genetic evidence reveals hybridization between introduced Chrysemys picta and endangered western painted turtles (C. p. bellii) in British Columbia. – Herpetological Conservation and Biology, 9: 342–353.

Ausrottung durch Introgression? Genetische Nachweise zeigen die Hybridisierung zwischen eingeführten Chrysemys picta und den gefährdeten Westlichen Zierschildkröten (C. p. belli) in British Columbia.

Die Westliche Zierschildkröte (Chrysemys picta bellii) ist die einzige natürlich vorkommende Wasserschildkröte im Westen Kanadas und sie gehört zu den im Bestand gefährdeten Arten in British Columbia (BC). Individuen mit morphologischen Merkmalen mit nicht-einheimischen nordamerikanischen Unterarten wurden vor kurzem im Burnaby See entdeckt, der eine wichtige Population dieser Spezies in BC beherbergt. Hier benutzten wir mitochondriale und nukleäre DNS-Sequenzen (CR und c-mos) sowie genotypische Daten (neun Mikrosatelliten), die von den Zierschildkröten im Burnaby See (n=39) gesammelt worden waren und die von Vergleichsproben aus dem Gesamtverbreitungsgebiet (n=73) von C. picta kamen, um zu überprüfen, ob die Schildkröten des Burnaby Sees mit atypischer C. p. belli Morphologie nicht-einheimische Exemplare darstellen. Ebenso versuchten wir deren Herkunft zu rekonstruieren und zu bestimmen, um wie viele Einkreuzungsereignisse es sich wohl handelte. Wir fanden 14 morphologisch untypische Individuen, die sehr wahrscheinlich aufgrund der genetischen Befunde von nicht-einheimischen Arten abstammen, da sie sowohl CR-Haplotypen als auch c-mos und andere Mikrosatellitenallele trugen, die üblicherweise für die westlichen Verbreitungsgebiete von C. p. belli unbekannt sind. Es war uns aber aufgrund der genetischen Daten nicht möglich, die geographische Herkunft oder die Unterart zu identifizieren, von der diese untypischen genetischen Signaturen abstammen. Allerdings lassen die Daten, die eine nur niedrige Verwandtschaft der atypischen Exemplare untereinander anzeigen, vermuten, dass es zu mehreren unabhängigen Einbringungen von nicht einheimischen Zierschildkrötenindividuen unterschiedlichster Herkunft gekommen sein muss. Wir fanden auch Anzeichen für die Introgression, da wir 9 juvenile und 2 adulte Exemplare mit klaren morphologischen Merkmalen der einheimischen C. p. belli fanden, die unterschiedliche Kombinationen von nicht-einheimischen CR-Haplotypen und nicht-belli nukleären Allelen aufwiesen. Da der Ursprung dieser nicht-einheimischen Individuen nicht geklärt werden konnte, bleibt nur die Empfehlung, die Gewässer von BC einschließlich des Burnaby Sees besser zu überwachen, um schneller solche Einbringungsereignisse aufzuspüren, damit die zukünftige Zerstörung der genetischen Integrität der einheimischen Populationen mit hoher Erhaltungspriorität zu verhindern.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier sieht man eigentlich das gleiche Phänomen wie ich es schon bei Suzuki et al. (2014) und Godwin et al. (2014) kommentiert habe. Wir erleben hier insofern nichts anderes als die Fusion von Arten oder Unterarten der Zierschildkröten, auch wenn es im Abstract nicht angesprochen ist, so gibt es also auch hier schon Anzeichen dafür, dass diese Fusion fertile Nachkommen zeugte und dass es schon zu Rückkreuzungen gekommen sein muss. Sicher kann man hier auch von der Invasion invasiver Arten und Unterarten reden, allerdings ist das nun wiederum im Fall des Burnaby Sees nicht die Schuld der daran beteiligten Schildkröten, sondern sicher ein Umstand, den wir auf unser Tun zurückzuführen haben. Ja und in solchen Fällen macht es schon Sinn, darüber nachzudenken, wie wir damit umgehen wollen. Sprich sollten wir über Importverbote solche als negativ eingestufte Szenarien verhindern oder nicht? Für mein Dafürhalten ist das eine sekundäre eher abstrakte, oder wenn Sie so wollen auch ethisch-moralische Frage, denn nach der schon mal ausführlicher diskutierten Arbeit von Hennessy (2013) kann man das für eine vom Menschen allgegenwärtigen, gemanagte Umwelt auch durchaus anders sehen.
Man kann solchen Arbeiten auch etwas Gutes abgewinnen, denn sie zeigen uns die Potenz der Tiere im Überlebenskampf bestehen zu wollen, indem sie alle Möglichkeiten zur Steigerung der genetischen Diversität nutzen und sich dadurch auch sicher ihr Umweltanpassungspotential optimieren. Allerdings sollten wir uns hier an der Nordgrenze des Verbreitungsgebiets der Zierschildkröten fragen, ob hier die Introgression Nachteile mit sich bringt? Rein theoretisch könnte es dabei dazu kommen, dass die aus südlicheren wärmeren Regionen eingebrachten Arten zwar durch die Kreuzung mit C. p. belli kälteresistenter werden, was ihnen bessere Überlebenschancen im Norden einräumen mag, dass aber die Gesamtpopulation insgesamt weniger kälteresistent wird, was nachteilig sein kann, zumindest in extrem kalten Jahren. In einem solchen Fall müsste man dann laut Simberloff (2013) nicht von invasiven sondern von einer „disruptive“ (Evolutionslinien abbrechenden) Introgression reden, da die Population dabei auf lange Sicht aussterben würde. Es sei denn die Klimaerwärmung würde dies verhindern. Letzteres ist aber derzeit reine Spekulation, und die von den Autoren vorgefundene Realität zeigt eigentlich, dass auch die Hybriden die derzeitigen Winter bis jetzt gut überstanden hatten.

Literatur

Godwin, J. C., J. E. Lovich, J. R. Ennen, B. R. Kreiser, B. Folt & C. Lechowicz (2014): Hybridization of Two Megacephalic Map Turtles (Testudines: Emydidae: Graptemys) in the Choctawhatchee River Drainage of Alabama and Florida. – COPEIA 2014(4): 725–742 oder Abstract-Archiv.

Hennessy, E. (2013): Producing ‘prehistoric’ life: Conservation breeding and the remaking of wildlife genealogies. – Geoforum 49: 71–80 oder Abstract-Archiv.

Simberloff, D. (2013) Invasive Species: What Everyone Needs to Know. – Oxford (Oxford University Press), 329 S.

Suzuki, D., T. Yabe & T. Hikida (2014): Hybridization between Mauremys japonica and Mauremys reevesii Inferred by Nuclear and Mitochondrial DNA Analyses. – Journal of Herpetology 48(4): 445–454 oder Abstract-Archiv.

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