Janzen, F. J., J. K. Tucker, G. L. Paukstis (2007) Experimental analysis of an early life-history stage: direct or indirect selection on body size of hatchling turtles? – Functional Ecology 21 (1): 162-170.

Experimentelle Analyse der frühen Lebensstadien: Direkte oder indirekte Selektion der Körpergröße von Schildkrötenschlüpflingen

  1. Es hat sich als schwierig erwiesen, den Zusammenhang zwischen Phänotyp, Beweglichkeit und Fitness zu dokumentieren, obwohl gerade dieser Zusammenhang als Konzept eine herausragende Bedeutung für die Mikroevolutionsforschung hat. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist dabei die Identifizierung des Ziels oder des Ansatzpunktes, auf das die Selektion gerichtet ist, wenn Phänotyp und Beweglichkeit (Performance) korreliert sind.
  2. In einem wiederholbaren manipulierten Feldexperiment untersuchten wir dieses Modell, indem wir die Hypothese testeten, die besagt, dass die Bejagung der Schildkrötenschlüpflinge während der kritischen Periode der Migration (Wanderung) vom terrestrischen Nest zum zukünftigen aquatischen Lebensraum in Bezug auf den Phänotyp zufällig erfolgt, wenn wir die Performance kontrollieren. Wir entkoppelten die Migrationsperformance von der Körpergröße, indem wir Schlüpflinge von Rotwangen-Schmuckschildkröten, Trachemys scripta elegans aller Körpergrößen den gleichen Umweltbedingungen und Prädatoren (Beutegreifern) für vier verschiedene Zeitspannen aussetzten.
  3. Die Körpergrößen (gemessen zum Zeitpunkt des Experiments bezogen sich einmal auf Carapaxlänge oder Masse) der Schildkröten, die das Experiment nicht überlebten, war immer ein wenig geringer, als die der Schildkröten, die das Experiment überlebten. Noch signifikanter war der Befund, dass die Anzahl der überlebenden Schildkröten mit Zunahme der Zeitspanne (Dauer) des Experiments abnahm, insbesondere nach 60 Stunden, und diese Daten waren nicht assoziiert mit den meteorologischen Konditionen (also unabhängig von der Wetterlage zum Zeitpunkt des Freilandexperiments).
  4. Unsere Experimente lassen vermuten, dass die selektive Bejagung während dieses wichtigen Lebensstadiums sich zum Großteil indirekt auf die Körpergröße von Schildkrötenschlüpflingen auswirkt, was in Einklang mit der Random Predation Hypothese (Zufalls-Bejagungs-Hypothese) steht. Weil eine verbesserte Migrationsperformance unter natürlichen Bedingungen die Expositionszeit in Bezug auf Beutegreifer bei größeren Schlüpflingen nach verlassen des Nests minimiert, liefern unsere Daten deutliche experimentelle Anhaltspunkte dafür, dass Modelle, die Phänotyp, Performance und Fitness mit einander verknüpfen, richtig sind.

 

Kommentar von H.-J. Bidmon

Dieses Experiment belegt klar, dass größere Schlüpflinge deutliche Überlebensvorteile haben und dass der natürliche Selektionsdruck indirekt größere Jungtiere herausselektiert (d. h., sie überleben und vererben ihr genetisches Material an die nächste Generation weiter). Auch hier wieder ein deutlicher Hinweis darauf, dass anscheinend Jungschildkröten aller Arten und aus allen Regionen diesem Selektionsdruck ausgesetzt sind (s. USA: Bouchard & Bjorndal (2006): Comparative Biochemistry and Physiology – Part B Biochemistry and Biology 144: 77-85 oder Abstract-Archiv; Madagaskar: O'Brien et al. (2005): Biological Conservation 126 (2): 141-145 oder Abstract-Archiv, Australien: Spencer et al. (2006): Ecology 87 (12): 3109-3118 oder Abstract-Archiv). Insbesondere Spencer et al. (2006) und Bouchard & Bjorndal (2006) zeigen auch, dass dieser Selektionsdruck sich nicht nur auf die Schlupfgröße bezieht, sondern sich auch auf ein initial sehr schnelles Wachstum auswirkt, das dazu beiträgt, dass die Jungtiere möglichst schnell eine Größe erreichen, die weniger anfällig gegenüber Jungtier-spezifischen Beutegreifern macht. Sicher mit ein Grund dafür, dass Gelege immer so abgelegt werden, dass die Jungtiere zu einer Zeit das Nest verlassen, zu der sie ausreichend energiereiches Futter finden können. An Orten, wo diese Optimalbedingungen nur sporadisch und unvorhersagbar auftreten, werden Reproduktionsstrategien realisiert, die zumindest sicher stellen, dass ein Teil der Schlüpflinge solche Bedingungen vorfinden (s. Leuteritz & Ravolanaivo (2005): African Zoology 40: 233-242 oder Abstract-Archiv; Leuteritz & Hofmeyr (2007): Journal of Arid Environments 68 (4): 546-563 oder Abstract-Archiv). Sollten uns diese Befunde nicht aufhorchen lassen und uns mal ernsthaft darüber nachdenken lassen, ob ein Großhungern von Jungtieren (s. Koelle et al. DATZ 51 (12), S. 796 und DATZ 52 (1) 1999, S. 38 ff) wirklich Sinn macht? Oder ist es nicht eher so, dass wir wie bei uns selbst auch mit zunehmendem Alter etwas auf nicht zu üppige Ernährung achten sollten. Sicher sollte man keine Jungtiere überfüttern und Schokolade, Käse, Weißbrot und Milch gehören weder zum Nahrungsspektrum von Schildkröten, noch zu dem von Katzen und Hunden. Aber machen wir nicht mehrheitlich einen gewaltigen Fehler, wenn wir die ganzen Ernährungsempfehlungen und Haltungsbedingungen danach ausrichten, dass es ein paar „Spinner“ – die es immer und überall gibt und die ihr Tun auch noch als Tierliebe kaschieren – übertrieben haben? Oder wäre es nicht doch besser, auch im Sinne der vielen wirklich interessierten Anfänger sich mal an den realen Daten zu orientieren und entsprechend danach zu handeln? Denn eines dürfte auch klar sein, wenn junge Schildkröten in den ersten Lebensphasen an ein möglichst schnelles Wachstum angepasst sind, weil es in ihren natürlichen Lebensräumen eine wichtige Voraussetzung zum Überleben darstellt, dann müssen wir uns vielmehr darauf konzentrieren, wie diese Wachstumsphasen im natürlichen Lebenszyklus aussehen und vor allem was die Jungtiere an ausgeglichener Nahrung dazu brauchen. Unterlassen wir das, tragen wir vielleicht auch dadurch dazu bei, dass sich Fehlentwicklungen einstellen, die den Tieren ein Leben lang nachhängen können. Sicher, Schildkröten sind in diesem Sinne keine Haustiere und den jeweiligen Pflegern wird je nach Herkunft und ursprünglichen Lebensraum nichts anderes übrig bleiben als das Nahrungsangebot und die Haltungsbedingungen entsprechend anzupassen. Nach all den hier angeführten Befunden sollte aber klar werden, dass es sehr wahrscheinlich darauf hinausläuft innerhalb der artspezifischen, physiologischen Grenzen dafür zu sorgen, dass es gerade bei sehr jungen, schnell wachsenden Schlüpflingen darum geht, keine unnatürlichen Mangelsituationen entstehen zu lassen.

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