Iglesias, R., J. M. García-Estévez, C. Ayres, A. Acuña & A. Cordero-Rivera (2015): First reported outbreak of severe spirorchiidiasis in Emys orbicularis, probably resulting from a parasite spillover event. – Diseases of Aquatic Organisms 113 (1): 75–80.

Erster Ausbruch einer ernsten Spirorchiidiasis (Blutparasiteninfektion) bei Emys orbicularis, vermutlich als Folge von Übertragung.

Die Bedeutung von durch Krankheiten beeinflusster Invasionen und die Rolle, die dabei die Übertragung von Parasiten als eine bedeutende Gefahr für den globalen Biodiversitätserhalt spielt, ist gut bekannt. Obwohl die Konkurrenz zwischen invasiven Schmuckschildkröten (Trachemys scripta elegans) und einheimischen Europäischen Sumpfschildkröten schon intensiv untersucht wurde, so ist der Einfluss, den die invasive Art in Bezug auf die Übertragung von Krankheiten auf die einheimischen Populationen haben kann kaum bekannt. Während der Wintermonate zwischen 2012–2013 beobachteten wir ein ungewöhnliches Ereignis bei einer Population von Emys orbicularis (Linnaeus, 1758), die ein Teichsystem in Galizien (NW Spanien) besiedelt. Die meisten Schildkröten waren lethargisch und einige konnten Beine und Schwanz nicht mehr bewegen. Eine Nekropsie wurde bei 11 sterbenden oder schon toten Schildkröten vor Ort durchgeführt. Bluttrematoden, die als Spirorchis elegans identifiziert werden konnten, fanden sich in den Blutgefäßen von drei Schildkröten während zahlreiche Trematodeneier in Gehirn, Lunge, Herz, Leber, Nieren, Milz und im Magendarmtrakt aller untersuchten Schildkröten vorhanden waren. Charakteristische Läsionen bestanden aus von Granulozyten eingekapselten Eipaketen, die sich hauptsächlich in den serösen Bindegewebsoberflächen anreicherten, wovon insbesondere der Dünndarm betroffen war, ebenso wurden eine Endokarditis, Arteritis und Thrombosen vorgefunden. Die wahrscheinlichste Todesursache, die bei den 3 komplett histologisch untersuchten Schildkröten festgestellt wurde, war eine nekrotisierende Enteritis (Darmentzündung) mit sekundärer bakterieller Infektion, die mit massiven Embolien einherging. Die nordamerikanische Herkunft von T. s. elegans sowie das Fehlen früherer Befunde für solche seuchenartige Krankheitsausbrüche in der Region und die Präsenz der natürlichen Wirtsspezies der invasiven Rotwangen-Schmuckschildkröte im Untersuchungsgebiet legen nahe, dass es sich hierbei um einen Fall von Parasitenübertragung gefolgt von schweren Erkrankungen handelt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine Arbeit, die aufhorchen lässt, denn hier wird für Schildkröten erstmals ein wirklich überdenkenswerter Befund beschrieben, der andeutet, dass eingeschleppte, invasive exotische Schildkröten als so genannte „Disruptive Species“ (Evolutionslinien abbrechende Spezies, s. Simberloff, 2013) in Europa auftreten könnten. Das würde bedeuten, dass sie durch Parasiten- oder Krankheitserregerübertragung ähnliche Auswirkungen zeitigen können wie zum Beispiel die Einschleppung amerikanischer Krebse, die einen als Krebspest bezeichneten Pilz, einschleppten, der heute die gesamte europäische Edelkrebspopulation fast ausgerottet hat. Insofern ist das schon eine ernstzunehmende Bedrohung, denn wenn auch entsprechende Zwischenwirtsspezies hier in Europa vorhanden sind, und davon gehen diese spanischen Kollegen aus, kann das sehr schnell zu massiven Populationseinbrüchen führen. Hier könnten dann nicht nur die einheimischen Emys orbicularis Bestände (Schildkröte des Jahres 2015), sondern auch deren Wiederansiedlungsprogramme betroffen sein. Es ist also Vorsicht geboten und wie schon bei Jennemann & Bidmon (2009) erwähnt, sollte man durchaus die Bestände überprüfen und mittels DNS-Analysen nach entsprechenden Zwischenwirten suchen. Dass sich solche Ereignisse nicht nur in freier Wildbahn ereignen, sondern auch Tierhaltungen betreffen können, sollte auch klar sein.
Dies wirft aber auch wie etliche negative Ereignisse dieser Art aus der jüngeren Zeit Fragen auf in Bezug auf die immer noch gängige Paraxis der Amphibien- und Reptilienimporte (siehe dazu auch den Kommentar zu Halla et al. 2014), denn auch die neue unsere einheimischen Salamander und Molche bedrohende Seuche durch
Batrachochytrium salamandrivorans ist laut Martel et al. (2014) durch entsprechende nach Europa eingeführte Spezies ausgelöst worden (siehe dazu auch Stuart et al. 2014) . Wir sollten, wenn wir den Naturschutz hierzulande ernstnehmen wollen, wirklich drüber nachdenken, denn wie schon des Öfteren diskutiert bräuchten wir diese Importe nicht, da vieles schon nachgezogen wird, und wenn Sie sich mal in den Zoohandlungen umschauen, können Sie doch Kanarienvogel, Wellensittich und diverse andere exotische Spezies auch erwerben, ohne dass dafür Wildfänge importiert werden müssten. Warum also nicht umsteuern, ehe es zu spät ist?

Literatur

Halla, U., R. Korbel, F. Mutschmann & M. Rinder (2014): Blood parasites in reptiles imported to Germany. – Parasitology Research 113 (12): 4587–4599 oder Abstract-Archiv.

Jennemann, G. & Bidmon, H.-J. (2009) Infektionen mit Blutparasiten aus der Familie der Spirorchiidae bei Emys orbicularis in Deutschland – auch eine potentielle Bedrohung für die letzten einheimischen Vorkommen der Art? Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (2) 2009: 3–18.

Martel, A., M. Blooi, C. Adriaensen, P. Van Rooij, W. Beukema, M. C. Fisher, R. A. Farrer, B. R. Schmidt, U. Tobler, K. Goka, K. R Lips, C. Muletz, K. R. Zamudio, J. Bosch, S. Lötters, E. Wombwell, T. W. Garner, A. A. Cunningham, A. Spitzen-van der Sluijs, S. Salvidio, R. Ducatelle, K. Nishikawa, T. T. Nguyen, J. E. Kolby, I. Van Bocxlaer, F. Bossuyt & F. Pasmans (2014): Wildlife disease. Recent introduction of a chytrid fungus endangers Western Palearctic salamanders. – Science 346 (6209): 630–631.

Stuart, B.L., Rowley, J.J.L., Phimmachak, S., Aowphol, A. & N. Sivongxay (2014) Salamander protection starts with the newt. – Nature, 346: 1067.