Ibáñez, A. & R. C. Vogt (2015) Chemosensory discrimination of conspecifics in the juvenile yellow-spotted river turtle Podocnemis unifilis. – Behaviour, 152: 219–230.

Die chemosensorische Unterscheidung von Artangehörigen bei juvenilen Gelbgefleckten Arrauschildkröten, Podocnemis unifilis.

Schildkröten sind sehr vielversprechende Studientiermodelle zur Untersuchung der chemischen Kommunikation im Rahmen eines sozialen Kontexts. Allerdings ist es bis jetzt bei vielen Schildkröten unbekannt wie die chemischen Signale die Verhaltensmuster beeinflussen. Bei dieser Studie untersuchten wir ob juvenile, gelbgefleckte Arrauflussschildkröten (Podocnemis unifilis) ins Wasser abgegebene chemische Signale von Artgenossen zur Orientierung nutzen. Um diese Hypothese zu testen verglichen wir die Verhaltensveränderungen (z.B., Aktivitätsveränderung und die Zeitspanne bis zur Änderung, Latenz) von juvenilen Schildkröten die chemischen Signalen von Artgenossen ausgesetzt waren (z.B., von andern Juvenilen oder von adulten Weibchen) im Vergleich zu reinem Wasser (Kontrolle oder Grundaktivität). Die Ergebnisse die in dieser Studie erzielt wurden zeigen klar, dass juvenile P. unifilis ihre Aktivität erhöhen wenn sie chemische Signale von adulten weiblichen Artgenossinnen wahrnehmen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass sich junge Schildkröten anhand der chemischen Signale auf die adulten Weibchen zubewegen. Die effektive Wahrnehmung von chemischen Signalen von bestimmten Artgenossen durch die Jungen ist wichtig für deren Aggregation (Zusammenkunft) bevor sie die Wanderung zu neuen Habitaten mit mehr Nahrung antreten. Unsere Studie liefert den Rahmen für zukünftige Untersuchungen die darauf abzielen die Mechanismen aufzuklären die chemische Signale bei der Massenwanderung von Süßwasserschildkröten spielen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Wenn ich mich noch an die vor wenigen Jahren heftig und kontrovers geführten Forendiskussionen über Orientierungsverhalten und über ein mögliches Sozialverhalten von Schildkröten zurückerinnere, dann muss ich schon feststellen, dass sich diesbezüglich etliches in den letzten 10 Jahren verändert hat. Wer hätte gedacht, dass manche Schildkrötenspezies heute tatsächlich von Wissenschaftlern als Modelltiere zum Studium der chemischen Orientierung und des damit einhergehenden Sozialverhaltens angesehen werden. Ja sogar so manche Freilandbeobachtung ist wahrscheinlich ohne die Annahme einer Sozialverhaltenskomponente gar nicht einzuordnen oder zu verstehen (siehe RothII & Krochmal, 2015). Tja und ich würde mal vermuten, dass das erst der Anfang ist wobei ich sogar davon ausgehe, dass selbst bei Spezies die durchaus zu Recht als „Einzelgänger“ im Adultstadium zu bezeichnen sind sich Sozialverhalten während der frühen Juvenilphase nachweisen lässt (siehe Bidmon, 2015). Etwas wozu es ja bislang noch gar keine Untersuchungen gibt. Allerdings sollten wir nicht die Dummheiten der Vergangenheit immer wieder wiederholen in dem wir die Aussage „Es ist noch nicht bekannt“ mit „Gibt’s gar nicht“ oder „Ist unmöglich“ gleichsetzen. Letzteres hat uns im Hinblick auf den Naturschutz und bei der Arterhaltung schon in der Vergangenheit nachweislich mehr geschadet als genützt, insbesondere dann wenn solche Fehlbeurteilungen von Verbänden oder gar „demokratischen“ Parteien als alleingültige Mehrheitsmeinungen propagiert wurden. Ich verstehe zwar, dass sich in einer Demokratie mit freier Meinungsäußerung als Grundrecht sowohl Verbände als auch Parteien nur pseudodemokratisch verhalten können um überhaupt zu mehrheitsfähigen Entscheidungen zu kommen, aber wir sollten daraus wenn es um die Natur und ihre natürlichen Abläufe geht kein Dogma machen. Den Preis für die faulen Kompromisse auf diesem Sachgebiet müssen wir ja auch alle tragen und der ist offensichtlich in vielen Fällen zu hoch.
Siehe auch Poschadel et al., (2006).

Kommentar von H.-J. Bidmon

Bidmon, H.-J. (2015) Kommentar zu: Ballen, C., Shine, R., Olsson, M. (2014) Effects of early social isolation on the behaviour and performance of juvenile lizards, Chamaeleo calyptratus. Animal Behaviour 88: 1–6; Schildkröten im Fokus 12(2): 23–26.

Poschadel, J. R., Y. Meyer-Lucht & M. Plath (2006): Response to chemical cues from conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis. – Behaviour 143: 569–587 oder Abstract-Archiv.

Roth, T.C. II & A. R. Krochmal (2015): The Role of Age-Specific Learning and Experience for Turtles Navigating a Changing Landscape. – Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2014.11.048 oder Abstract-Archiv.