Halla, U., R. Korbel, F. Mutschmann & M. Rinder (2014): Blood parasites in reptiles imported to Germany. – Parasitology Research 113 (12): 4587–4599.

Blutparasiten bei nach Deutschland importierten Reptilien.

Da der internationale Handel stetig zunimmt, ist die Bedeutung von importierten Reptilien als Träger von Krankheitserregern, die sowohl andere Tierarten als auch den Menschen schaden könnten, nicht zu vernachlässigen, aber bislang gibt es dazu kaum Erkenntnisse. Deshalb untersuchten wir bei nach Deutschland importierten Reptilien das Vorhandensein von Blutparasiten mittels der Lichtmikroskopie, und wir charakterisierten die gefundenen Parasiten nach ihrer Morphologie. Es wurden 410 Reptilien aus 17 Arten untersucht, die aus 11 asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Ländern stammten. Parasiten wurden in 117 (29 %) der Individuen nachgewiesen und setzten sich aus 12 Arten zusammen. Haemococcidea (Haemogregarina, Hepatozoon, Schellackia) wurden in 84 % der Schlangen (Python regius, Corallus caninus), 20 % der Echsen (Acanthocercus atricollis, Agama agama, Kinyongia fischeri, Gekko gecko) und bei 50 % Schildkröten (Pelusios castaneus) nachgewiesen. Infektionen mit Hematozoea (Plasmodium, Sauroplasma) wurden bei 14 % der Echsen (Acanthocercus atricollis, Agama agama, Agama mwanzae, K. fischeri, Furcifer pardalis, Xenagama batillifera, Acanthosaura capra, Physignathus cocincinus) entdeckt, wohingegen Infektionen mit Kinetoplastea (Trypanosoma) bei 9 % der Schlangen (Python regius, Corallus caninus) und bei 25 % der Echsen (K. fischeri, Acanthosaura capra, G. gecko) entdeckt wurden. Nematoden einschließlich der Larven von Filarien parasitierten in 10 % der Echsen (Agama agama, Agama mwanzae, K. fischeri, F. pardalis, Physignathus cocincinus). Die Lichtmikroskopie erlaubte die Diagnose der Parasitengattungen, wohingegen die Artidentifikation nicht möglich war, da es für viele der parasitischen Entwicklungsstadien nur unzureichende morphologische Charakteristika gab. Die Untersuchung zeigte, dass ein hoher Prozentsatz an importierten Reptilien Parasiten in sich trägt, für die deren Pathogenität und das Vorhandensein hiesiger Vektoren (Zwischenwirte) größtenteils bislang unbekannt ist. Die unkontrollierte Verbreitung von Blutparasiten stellt somit ein unkalkulierbares Risiko sowohl für die Bestände an Haustierreptilien als auch für die einheimische Herpetofauna und sogar für den Menschen dar.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch hier möchte ich den Teufel nicht an die Wand gemalt sehen, denn gerade wir Reptilien- oder Schildkrötenhalter sind bislang trotz dieser Vorkommnisse relativ gut damit zurechtgekommen, auch wenn die Problematik einer angemessenen Quarantäne nicht hoch genug eingeschätzt werden sollte. Dennoch, was die Arbeit in ihren Ergebnissen liefert und sowohl in der Einleitung als auch in der Diskussion deutlich macht und sehr gut mit Referenzliteratur belegt, sind die Fakten, dass es anderen Orts schon zu massiven Bedrohungen durch die Verschleppung und weltweiten Verbreitung von Blutparasiten gekommen ist. Wir sind wahrscheinlich noch aus klimatischen Gründen relativ gut geschützt, weil etliche der Zwischenwirte, die zur Übertragung notwendig sind, noch nicht so massiv hier in Deutschland vorhanden sind. Allerdings hat wahrscheinlich die Klimaerwärmung auch schon dazu beigetragen, dass durchaus in klimatisch begünstigten Regionen wie dem Rhein-Maingebiet oder in Großstädten Insekten heimisch geworden sind, die potentielle Zwischenwirte und Überträger darstellen. Zudem ist es wirklich für viele der neuen, vielleicht sogar noch nicht identifizierten Blutparasitenspezies unklar, wie breit ihr Zwischenwirts- oder Wirtsspektrum ist und für etliche mit Ausnahme der Kokkzidien dürfte es aus der bislang andernorts gemachten Erfahrung sehr viel breiter sein als erwartet. Diese Arbeit wird deshalb nicht unbeachtet bleiben und zumindest ein bekannteres Mitglied der AGARK der DGHT unter den Coautoren wird nicht so einfach unter den Tisch zu kehren sein, sodass es nur eine Frage der Zeit ist, bis weitere Arbeiten folgen und die Problematik von Tierhaltungsgegnern und der Politik aufgegriffen werden wird. Dieses „Eisen“ ist dann auch wirklich heiß, denn hier geht die Gefahr von allen Spezies aus, nicht nur von jenen, die hochgradig giftig oder derzeit anderweitig als gefährlich eingestuft werden. Diese Diskussion und Gesetzesvorlagen stehen ja gerade aktuell in Nordrheinwestfalen wieder auf der politischen Agenda.
Lassen Sie mich hier ein brandaktuelles Beispiel aus der Pressemitteilung der DGHT anfügen, aus der hervorgeht dass der Salamander und Molche killende Pilz,
Batrachochytrium salamandrivorans laut einer wissenschaftlichen Untersuchungen über resistente asiatische Arten nach Belgien und die Niederlande eingeschleppt wurde. Sicher, das ist kein Blutparasit, aber er verhält sich wie ein Parasit und tötet streng geschützte Amphibienarten (Martel et al. 2014). Die DGHT fordert Forschungsmaßnahmen und Gegenmaßnahmen und betont – wie ich meine zu Recht – ihre Kompetenz auf diesem Gebiet. Allerdings erlaube ich mir hier als Mitglied der DGHT aus der Pressemitteilung vom 5.11.2014 zu zitieren: „Seit 50 Jahren vereinigt die DGHT Kompetenzen aus sachgerechter Tierhaltung, dem Artenschutz und der Forschung an Amphibien und Reptilien. Mit ihren Arbeitsgemeinschaften ‚Urodela‘ (Salamander und Molche), ‚Feldherpetologie und Artenschutz‘ und ‚Amphibien- und Reptilienkrankheiten‘ verfügt die DGHT über ein unvergleichbares Fachwissen. Die DGHT fordert sofortige umfassende wissenschaftliche Untersuchungen zum Infektionsstatus der einheimischen Salamander- und Molcharten, begleitet von einem Monitoring für Importe.“ (Zitatende). Das ist zu kurz gedacht! Denn trotz dieser vereinigten Kompetenz benötigen Aufbau und Etablierung eines wirksamen Monitoring des Handels einige Zeit, wenn nicht sogar mehrere Monate oder gar Jahre, da es dafür bislang keine Infrastruktur und standardisierten Testverfahren gibt. Wäre es da nicht besser, für ein sofortiges Importverbot oder zumindest für eine sofortige Aussetzung der Importe zu plädieren? Wir sollten uns schon fragen, warum wir im Natur- und Artenschutz einen sofortigen Baustopp für ein Autobahnprojekt fordern, wenn dadurch ein Kammmolchbiotop gefährdet würde, während wir auf der anderen Seite bei wesentlich bestandsgefährdenderen Vorkommnissen nur zögerlich und halbherzig vorgehen wollen? Sollten diese Beispiele nicht all jene, die sich mit Exotenhaltung deren Zucht befassen, veranlassen, ihre Verbände dahingehend zu mobilisieren, dass man sich offiziell wirklich vom Exotenimport verabschiedet? Ich habe es oft genug diskutiert, wir haben und züchten fast schon alles in Deutschland oder der EU und selbst viele der neubeschriebenen Spezies sind schon hier in der Tierhaltung, weil es eigentlich keine Neuentdeckungen im eigentlichen Sinne sind, sondern es sich um Neubeschreibung und systematische Neueinordnung bis dato bekannter, aber verkannter Arten handelt. Dieses Thema habe ich oft in WiF-Online diskutiert, aber ich denke langfristig werden Börsen zum Austausch von Nachzuchten nicht mehr haltbar sein, wenn sie nicht als reine Nachzuchtbörsen mit Zubehörhandel organisiert werden. Auch unsere herpetologischen Interessensverbände werden nur an öffentlichem Ansehen weiter einbüßen, wenn sie sich auch weiterhin aktiv an Börsen beteiligen, die sich nicht ausdrücklich als Nachzuchtbörsen darstellen. Sicher, wie die Autoren in der obigen Arbeit einleitend erwähnen, ist das legale Importvolumen für Reptilien in die 27 EU-Staaten beträchtlich und belief sich im Jahr 2011 auf 9 Milliarden US Dollar, wobei Deutschland mit 2,6 Milliarden Handelsvolumen den größten Anteil hatte. Nun erscheinen solche Summen oft nicht so dramatisch, da wir spätestens seit der Bankenkrise mit den Milliardensummen aus der Tagespresse etwas abgestumpft sind, aber wenn man mal abschätzt, um wie viele, nennen wir es mal Einzelschicksale es dabei geht, ist das schon beträchtlich. Warum „Einzelschicksale“? Weil ich es durchaus als schicksalshaft und fatal ansehe, was da an genetischer Verarmung und Ausblutung in den Regionen unseres Planeten stattfindet, wo diese Wildfänge oder umdeklarierten Wildfänge herkommen (siehe auch Kommentar zu Calame et al. 2013, Sung et al. 2013). Ist das noch zeitgemäß und brauchen wir das wirklich noch?
Selbst Deutschland würde an dem Verlust dieser umgerechneten 2,05 Milliarden Euro nicht zusammenbrechen, zumal ein Teil dieses Verlustes auch durch verstärkte inländische und eventuell auch europäische Nachzuchtbemühungen ausgeglichen werden könnte. Sicher bedeutet letzteres auch bei gewissen Kreisen ein Umdenken in Bezug auf die Abgabe von Nachzuchten an den Handel, aber auch dieses wäre im Hinblick auf den Artenschutz kommunizierbar und realisierbar. Deshalb sollten wir lieber unsere Errungenschaften in der Haltungsoptimierung und Zucht herausstellen und uns so verhalten, dass unser Hobby nicht weiter dem Imageverlust anheimgestellt wird, damit wir auch zukünftig unserer verantwortungsvollen Interessensvielfalt nachgehen können.

Literatur

Calame, T. , T. N. E. Gray, M. Hurley, R. J. Timmins & K. Thongsamouth (2013) Field Observations of the Vulnerable Impressed Tortoise, Manouria impressa, from Southern Laos and Notes on Local Chelonian Trade. – Asiatic Herpetological Research 4: 151–154 oder Abstract-Archiv.

Martel, A., M. Blooi, C. Adriaensen, P. Van Rooij, W. Beukema, M. C. Fisher, R. A. Farrer, B. R. Schmidt, U. Tobler, K. Goka, K. R Lips, C. Muletz, K. R. Zamudio, J. Bosch, S. Lötters, E. Wombwell, T. W. Garner, A. A. Cunningham, A. Spitzen-van der Sluijs, S. Salvidio, R. Ducatelle, K. Nishikawa, T. T. Nguyen, J. E. Kolby, I. Van Bocxlaer, F. Bossuyt & F. Pasmans (2014): Wildlife disease. Recent introduction of a chytrid fungus endangers Western Palearctic salamanders. – Science 346 (6209): 630–631.

Sung, Y.-H., N. E Karraker & B. C. H. Hau (2013): Demographic Evidence of Illegal Harvesting of an Endangered Asian Turtle. – Conservation Biology 27: 1421–1428 oder Abstract-Archiv.

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