Hall, R. J., E. J. Milner-Gulland & F. Courchamp (2008): Endangering the endangered: The effects of perceived rarity on species exploitation. – Conservation Letters 1 (2): 75-81.

Bedrohung der Bedrohten: Die Auswirkungen einer zugewiesenen Seltenheit für die Ausbeutung von Spezies

Die Klassifizierung (Einstufung) von Arten in einen Gefährdungsstatus (Schutzstatus) kann Vorteile für die Erhaltung der betroffenen Art haben, weil damit erhöhte Anstrengungen zur Erhaltung der Art verbunden sind. Allerdings kann diese Einstufung auch ein Ansporn für Jäger und Sammler sein, da es meist ein steigendes Verbraucherinteresse gibt, besonders seltene und damit wertvolle Arten zu besitzen. Bioökonomische Theorien liefern die Rahmenbedingungen zur Untersuchung der Konsequenzen, die sich für Populationen ergeben, wenn sich das Verbraucherverhalten (hier Tierverbraucher) verändert und Jäger und Sammler die Nachfrage nach Seltenem abzudecken versuchen. Wir präsentieren hier eine anschauliche Serie von Fallstudien, wie die Zuweisung eines Seltenheitsstatus das Verbraucherverhalten und den Bejagungsdruck verändern, und benutzen Vorhersagemodelle, um die Auswirkungen dieses für die Arterhaltungsbiologie so wichtigen Szenarios zu analysieren [in welchem die Seltenheit (und der Schutzstatus) die Ausbeutung der Bestände erst fördern]. Die durch den Seltenheitswert angetriebene Nachfrage kann zwei unerwünschte Effekte nach sich ziehen: Die Art wird auf einem schon niedrigen Populationsniveau einem erhöhten Jagddruck ausgesetzt, oder die eskalierenden Ausbeutungsversuche bringen die Population an den Rand des Zusammenbruchs. Das Verständnis des Verbraucher- und Händlerverhaltens im Umgang mit einem zugewiesenen Seltenheitswert oder Schutzstatus ist eminent wichtig für die Entwicklung von Interventionsstrategien mit dem Ziel, das Ausrottungsrisiko zu minimieren.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch diese Arbeit hat zum Ziel, die Auswüchse des Tierhandels gerade für den Liebhabermarkt abzuschätzen und einzudämmen. Das es sich dabei nicht um ein Hirngespinst handelt, sollte alle zum Nachdenken anregen (die Referenzliste, die die seit 2001 zunehmende internationale Literatur zum Thema listet, ist nicht unbeträchtlich), denn auch hierzulande – und da nehme ich meine eigenen Wünsche und Träume mal nicht aus – besteht ein Interesse an Arten, die genau von diesen Problemen betroffen werden. Klar, wenn Sie sich Preislisten mancher tschechischer und französischer Tierhandlungen anschauen, ist es fast unübersehbar, was zum Beispiel derzeit gefragt ist, und was manche plötzlich ihr Eigen nennen, das vor kurzem noch nicht von Interesse war. Und wer sich einmal anschaut, wie seit den jüngsten Beitritten zur EU die Preise für seltene afrikanische Arten oder auch Pyxis planicauda in die Höhe geschnellt sind, weiß, dass auch bei den deutschen Schildkrötensammlern und Verbrauchern diesbezüglich gesteigertes Interesse und Nachfragen da sind, was es vor sagen wir mal 20 Jahren noch kaum gab, als die Seltenheitswerte oder Handelsrestriktionen eben noch nicht so bekannt und erfasst waren. Da wäre es sehr wahrscheinlich auch blauäugig und ignorant zu glauben, dass wirklich alles, was angeboten wird, auch Nachzuchten aus so genannten Altbeständen sei. Denn ehrlich gesagt, war die Reisefreiheit und Devisensituation hinter dem Eisernen Vorhang nicht wirklich so groß, dass man damit die Stückzahlen erklären könnte, die nun so plötzlich vorhanden zu sein scheinen. Zum anderen sprechen die Beschlagnahmen an den Flughäfen immer noch eine deutliche Sprache, und dieser Schmuggel würde sich kaum lohnen, wenn es keine Nachfrage gäbe. Springt man wirklich mal über den eigenen Schatten oder besser über die eigenen Begehrlichkeiten, dann kann man sich schon fragen, ob ein gänzliches Handels- bzw. Einfuhrverbot für manche Spezies nicht die sinnvollere und bestandserhaltende Maßnahme wäre, als die alleinige Listung auf CITES-Anhang II oder I? Auch hier muss die Frage erlaubt sein, ob wir zwar für die sich schon in Tierhaltungen befindenden Individuen bestimmter Arten eine sinnvolle Regelung treffen und den Tierschützern zumindest zugestehen, dass ihre Forderungen nach Einfuhr- und Handelsverboten für bestimmte exotische Tiere im Sinne einer tragfähigen Arterhaltung nicht unrealistisch sind. Diese wissenschaftlichen Publikationen zeigen ja, dass wir uns von vielen der alten Gepflogenheiten verabschieden müssen, wenn wir das ernstnehmen, was mit unseren Steuergeldern an wissenschaftlichen Erkenntnissen auch auf diesem Gebiet erarbeitet wird. Eines ist auch klar, diese Arbeiten und die Problematik nehmen zu und steigern sich noch. Auch ich stehe der verantwortungsvollen Tierhaltung näher als einem strikten Handelsverbot, aber mein einziges noch tragfähiges Argument ist die mangelnde Durchsetzung der Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen in den Herkunftsländern der meisten bedrohten Spezies, aber auch da muss zumindest offen diskutiert werden, was vor Ort mit unserer Hilfe zu ändern wäre. Zumindest steht außer Frage, dass sich zukünftig die Glaubwürdigkeit der in Verbänden organisierten privaten Haltung bedrohter Spezies an der sachgerechten Einschätzung und Behandlung dieser Sachverhalte entscheiden wird. Letzteres macht mich aber besorgt, denn so, wie derzeit zumindest in den deutschen herpetologischen Interessensverbänden mit diesen Fragen umgegangen wird, wo derartige wissenschaftliche Einwände häufig noch kaum zur Kenntnis genommen werden oder meist noch im traditionellen Sammlerverhalten eher als Anreiz genutzt werden, dafür zu sorgen, dass man sich noch mal selbst mit so genannten Raritäten versorgen kann und jede Art von Handelsrestriktion von vornherein als unzumutbare Knebelung und Freiheitsberaubung abgetan wird, habe ich so meine Bedenken, wie lange es dauert, bis man sich geschlagen geben muss und dem Druck der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der daraus erfolgenden gesellschaftspolitischen Diskussion nachgeben geben muss. Wäre es da nicht besser, sich vorher zukunftsorientiert den Veränderungen anzupassen und sich Schwerpunkt mäßig umzuorientieren? Denn nur vordergründiges Heucheln von Artenschutz während man dahinter den Handel weiter fördert, kann – ich würde mal schätzen in weniger als einer Generation – ein katastrophaleres Ende nehmen, als eine rechtzeitige gut strukturierte, klare Umorientierung der Interessensziele. Sie fragen sich, warum ich so pessimistisch in die Zukunft schaue? Nun, die wissenschaftliche Diskussion ist ja schon längst weiter (siehe Boyd, C., T. M. Brooks, S. H. M. Butchart, G. J. Edgar, G. A. B. da Fonseca, F. Hawkins, M. Hoffmann, W. Sechrest, S. N. Stuart & P. P. van Dijk (2008) Spatial scale and the conservation of threatened species – Conservation Letters 1 (1): 37-43 oder Abstract-Archiv) und die politisch-gesellschaftliche Diskussion wird notgedrungen folgen, und da letztendlich die Bevölkerungszahlen auch weiter steigen, wird sich die Problematik zwangsläufig verschärfen. Denn das was notwendig wäre, um die Situation zu ändern, wäre radikal, wenn es überhaupt noch geht. Letztendlich wird es ein Platz- und Ernährungs- (Ressourcen)-Problem werden. Siehe auch: Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529-530 oder Abstract-Archiv.

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