Fritz, U., D. Ayaz, A. K. Hundsdoerfer, T. Kotenko, D. Guicking, M. Wink, C. V. Tok, K. Cicek & J. Buschbom (2009): Mitochondrial diversity of European pond turtles (Emys orbicularis) in Anatolia and the Ponto-Caspian Region: Multiple old refuges, hotspot of extant diversification and critically endangered endemics. – Organisms Diversity & Evolution 9 (2): 100-114.

Mitochondriale Diversität bei der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) in Anatolien und der Ponto-Kaspischen Region: Vielfältige Rückzugsgebiete, Hotspots für frühere Diversifikation und stark bedrohte endemische Formen.

Die Europäische Sumpfschildkröte, Emys orbicularis (Linnaeus, 1758), ist eine der Schildkrötenspezies auf dieser Welt, die mit das größte Verbreitungsgebiet haben. Wir untersuchten die mitochondriale Phylogeographie und Demographie unter Verwendung von nahezu 1300 cyt b Sequenzen aus ihrem gesamten Verbreitungsgebiet, mit einem Fokus auf die östlichen Bereiche, speziell die Türkei, wo diese Art derzeit von einem starken Rückgang betroffen ist. Färbungsdaten von mehr als 1450 Schildkröten wurden mit den Daten zur mtDNS-Differenzierung abgeglichen, um die Validität der derzeit akzeptierten Subspezies aus der Türkei, der Schwarzmeerregion, dem Transkaukasus und dem Iran abzuklären. Unsere Studienregion beinhaltet einen beträchtlichen Anteil der mtDNS-Diversität von Emys, einschließlich einer neu entdeckten Linie und 16 neuer Haplotypen. In dieser Region, die in etwa ein Drittel des Gesamtverbreitungsgebiets umfasst, kommen sechs der zehn bekannten mitochondrialen Linien vor, und es finden sich hier ungefähr die Hälfte der 72 bekannten Haplotypen. Zwei mitochondriale Linien (VIII, X) sind auf ein kleines Gebiet entlang der Südküste der Türkei begrenzt. Eine andere Linie (I) besiedelt die restliche Türkei, die gesamte Schwarzmeerregion und die nordöstlichen Teile des Verbreitungsgebiets der Art. In der südwestlichsten Ecke des Schwarzen Meeres und in der ägäischen Region finden sich zwei Linien (II, IV), die ihr Hauptverbreitungsgebiet weiter westlich haben. Im Transkaukasus und im nördlichen Iran findet sich endemisch eine weitere Linie (VII). Die Linie I ist die größte und diverseste unter allen Linien und zeigt ihre höchste Diversität in Anatolien. Sowohl die phylogeographischen als auch die demographischen Daten lassen vermuten, dass Anatolien in der Vergangenheit ein eiszeitliches Rückzugsgebiet für die Schildkröten war, die die mitochondrialen Linien I, VIII und X beinhalten, und dass Anatolien und die Schwarzmeerküste einen Hotspot für die jüngere Diversifikation (Aufspaltung) innerhalb der Linie I darstellen. Diese zwei Regionen korrespondieren mit einem eiszeitlichen Rückzugsgebiet für Schildkröten der Linie I, die dann die nördlicheren Teile des Verbreitungsgebiets im Holozän kolonialisierten. Linie II repräsentiert eine Abspaltung von Linie I, die von dieser isoliert wurde und sich dann in ein mehr westlich gelegenes Gebiet im südöstlichen Balkan während einer pleistozänen Eiszeit zurückzog. Unsere Daten in Bezug auf die Färbungsmuster zeigen, dass diese Charaktere nur einen sehr eingeschränkten Wert zur Abgrenzung signifikanter evolutionärer Einheiten besitzen. Wir schlagen vor, die Anzahl der Unterarten anhand der mitochondrialen DNS Daten weiter zu reduzieren und nur drei valide Unterarten anzuerkennen, nämlich für die Türkei, die Schwarzmeerregion, den Transkaukasus und Iran: Emys orbicularis orbicularis (mtDNS Linie 1); E. o. eiselti Fritz et al., 1998 (X); und E. o. persica Eichwald, 1831 (VII). Allerdings repräsentiert die Südtürkische Linie VIII sehr wahrscheinlich eine zusätzliche bisher nicht beschriebene Unterart. Beide südtürkischen Endemiten sind hochgradig bedroht und beschränken sich auf nur noch drei Populationen, jede mit weniger als 30 adulten Individuen. Wir empfehlen die Einrichtung von Schutzgebieten für diese Populationen und empfehlen sie für die Aufnahme in die Rote Liste der IUCN.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Es bleibt zu hoffen, dass diese Empfehlung noch greift, bevor diese Reliktpopulationen – aus welchen Gründen auch immer – ganz erlöschen (siehe auch Rivalan et al. 2007, Hall et al. 2008).

Literatur

Hall, R. J., E. J. Milner-Gulland & F. Courchamp (2008): Endangering the endangered: The effects of perceived rarity on species exploitation. – Conservation Letters 1 (2): 75-81 oder Abstract-Archiv.

Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529-530 oder Abstract-Archiv.

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