Fritz, U., T. Fattizzo, D. Guicking, S. Tripepi, M. G. Pennisi, P. Lenk, U. Joger & M. A. Wink (2005): A new cryptic species of pond turtle from southern Italy, the hottest spot in the range of the genus Emys (Reptilia, Testudines, Emydidae). – Zoologica Scripta 34 (4): 351-371.

Eine neue kryptische Sumpfschildkrötenspezies aus dem südlichen Italien, dem heißesten Punkt des Ausdehnungsfeldes der Gattung Emys (Reptilia, Testudines, Emydidae)

Es wurde die geographische Variation in mtDNAS-Haplotypen (Cytochrome b Gene) von 127 Europäischen Sumpfschildkröten aus Italien untersucht. Achtunddreißig der italienischen Proben wurden ebenfalls mittels des nukleären Fingerprintings (ISSR PCR) untersucht und mit Proben aus anderen Teilen des Verbreitungsgebiets verglichen, zur Darstellung aller neun zur Zeit bekannten mtDNA-Abstammungen von Emys orbicularis. Unsere genetischen Befunde wurden wieder mit morphologischen Daten-Sets (Messungen, Farbmustern) für 109 adulte Schildkröten aus dem südlichen Italien verglichen. Italien zeigt sich auf einer schmalen geographischen Skala mit der kompliziertesten Variation, die über das ganze Verteilungsgebiet von Emys (Nord Afrika über Europa und Vorderasien bis zum Kaspischen Meer und bis zum Aralsee) bekannt ist. Die tyrrhenische Küste der Apenninen Halbinsel, das Areal des Monte Pollino und der Basilicata werden von Emys orbicularis galloitalica besiedelt, eine Subspezies mit einer unterschiedlichen mtDNA-Abstammung. Dieselbe Abstammungslinie wurde auch in Sardinien gefunden. Entlang der italienischen Adriaküste und auf der Salentinen Halbinsel (Apulien, Süditalien) kommt eine andere morphologisch unterscheidbare Subspezies (Emys orbicularis hellenica) vor, welche ebenfalls eine unterschiedliche mtDNA-Abstammung zeigt. Die höhere Diversität von mtDNA-Haplotypen im Süden der Apenninen Halbinsel deutet daraufhin, dass hier glaziale (Eiszeitliche Rückzugsgebiete) Refugien von E. o. galloitalica und E. o. hellenica lokalisiert waren. Eine weitere Zuflucht von E. o. hellenica existierte wahrscheinlich am südlichen Balkan. Die Westküste des Balkans und Korfu wurden wahrscheinlich von Italien aus kolonisiert und nicht von den geographisch näher gelegenen südlichen Rückzugsgebieten des Balkans. In Sizilien wurde eine dritte mtDNA-Abstammung entdeckt, welche ein Schwestertaxon zu allen anderen bekannten Abstammungen von Emys darstellt. Morphologisch sind die sizilianischen Sumpfschildkröten E. o. galloitalica sehr ähnlich. Nukleäres Fingerprinting belegt eine klare Unverwechselbarkeit des sizilianischen Taxon, wohingegen kein signifikanter Unterschied zwischen Vertretern der anderen acht mtDNA-Abstammungen von Emys erkannt werden konnte. Des Weiteren liefert das nukleäre Fingerprinting keinen Beweis für einen derzeitigen oder in der Vergangenheit erfolgten Genaustausch zwischen dem sizilianischen Taxon und der Festland-Subspezies von E. orbicularis. Deshalb wird die sizilianische Sumpfschildkröte hier als eine neue wissenschaftliche Spezies beschrieben. Einige Populationen in Kalabrien und an der Salentinen Halbinsel umfassen Individuen verschiedener mtDNA-Abstammungen. Wir interpretieren das als natürlichen Kontakt. Wir können nicht ausschließen, dass diese syntopische Begebenheit das Ergebnis humaner Aktivität ist. Zum Beispiel ist in anderen Teilen Italiens das natürliche Verteilungsmuster von Emys unklar durch eingeschleppte (ausgesetzte) Sumpfschildkröten. Das könnte ebenso für Süditalien zutreffen. Die Entdeckung dieser komplexen taxonomischen Differenzierung im südlichen Italien verlang nach einer gut durchdachten Erhaltungsstrategie.

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