Fordham, D. A., A. Georges & B. W. Brook (2007): Demographic response of snake-necked turtles correlates with indigenous harvest and feral pig predation in tropical northern Australia. – Journal of Animal Ecology 76 (6): 1231-1243.

Demographische Reaktionen der Schlangenhalsschildkröten korrelieren mit der Ernte durch die Eingeborenen und der Bejagung durch Wildschweine im tropischen nördlichen Australien

Spezies, die spät die Geschlechtsreife erreichen, zeigen oft eine hohe Überlebensrate und haben lange Generationszeiten, wodurch sie anfälliger gegenüber einem chronischen Anstieg bei der Mortalitätsrate werden, im Vergleich zu Spezies mit hoher Fekundität (Reproduktionsrate) und einer schnelleren Generationsabfolge.
Viele Schildkröten zeigen eine niedrige Überlebensrate der Schlüpflinge, ein langsames Wachstum, ein verzögertes Erreichen der Geschlechtsreife, begleitet von einer hohen Überlebensrate bei den subadulten und adulten Lebensstadien. Alles das limitiert ihre Möglichkeiten, schnell auf einen Anstieg bei der Mortalitätsrate für adulte Individuen durch Absammeln oder durch Habitatveränderungen zu reagieren. Im Gegensatz dazu wächst die nördliche Schlangenhalsschildkröte Chelodina rugosa (Ogilby 1890) schnell, erreicht früh die Geschlechtsreife und zeigt eine hohe Fekundität im Vergleich zu anderen Schildkröten und könnte dadurch resistenter gegenüber einer erhöhten Mortalitätsrate sein.
Hier liefern wir korrelative Nachweise von sechs Untersuchungsgebieten und aus drei Jahren, die andeuten dass C. rugosa in der Lage ist, eine Kompensation für die demographischen Bedingungen durchzuführen, die mit einer niedrigen Überlebenswahrscheinlichkeit der Subadulten und Adulten bedingt durch Wildschweinfraß, Sus scrofa (Linnaeus 1758) und das Absammeln durch die Eingeborenen einhergeht.
Das Nachwachsen und die altersspezifische Fekundität hatten die Tendenz an den Orten höher zu liegen, wo die Überlebenswahrscheinlichkeit der Subadulten und adulten Schildkröten am niedrigsten war (und somit die Dichte großer Schildkröten am niedrigsten lag). Letzteres trug zu einer erhöhten Überlebensrate junger Schildkröten bei und führt dazu, dass die Tiere schon bei geringerer Größe die Geschlechtsreife erreichten und höhere Wachstumsraten noch nach Erreichen der Geschlechtsreife aufrecht erhalten.
Diese Muster sind in Übereinstimmung mit einer kompensatorischen Dichte-abhängigen Reaktion und führen zu einer Veränderung der generellen (oder allgemeingültigen) Ansicht, dass eine hohe Überlebensrate bei den Subadulten und Adulten essentiell ist für die langfristige Aufrechterhaltung von stabilen Populationen von langlebigen Wirbeltieren wie Schildkröten.
Wir postulieren, dass langlebige Spezies mit einem schnellen „Nachwuchspotential“ und der Fähigkeit, kompensatorische, demographische Reaktionen wie C. rugosa zu zeigen, in der Lage sind, eine vorübergehende oder anhaltende Entnahme adulter Schildkröten zu überstehen, auch ohne dass damit eine unausweichliche Gefährdung für die Überlebensfähigkeit der Population einhergeht.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Mit dieser Beobachtung mögen die Autoren durchaus Recht haben und Dichte-abhängige Faktoren spielen bei allen Populationen sowohl im natürlichen Lebensraum als auch unter Haltungsbedingungen eine bedeutende Rolle für den Reproduktionserfolg und die Reproduktionsrate. Vielleicht auch ein Aspekt, der die Befunde zur extrem raschen Erholung der atlantischen Bastardschildkröten, die an brasilianischen Stränden nisten erklären könnte (siehe da Silva et al. (2007): Nesting biology and conservation of the olive ridley sea turtle (Lepidochelys olivacea) in Brazil, 1991/1992 to 2002/2003. – Journal of the Marine Biological Association of the United Kingdom 87 (4): 1047-1056.oder Abstract-Archiv). Allerdings wie die Arbeit auch zeigt, handelt es sich in diesem Fall um eine Anpassungsreaktion von C. rugosa in einem bestimmten Lebensraum. Solche Anpassungsreaktionen können vielfältiger Natur sein und wie bei terrestrischen bzw. aquatischen Schildkröten zum Verlust ganzer Extremitätenknochen führen (siehe Ludwig et al. (2007): Phalangeal formulae of geoemydid terrapins (Batagur, Callagur, Hardella, Heosemys, Kachuga, Orlitia, Pangshura, Rhinoclemmys) reflect distinct modes of life. – Amphibia-Reptilia 28 (4): 574-576 oder Abstract-Archiv) sowie im anderen Fall eben zu erhöhter Fekundität und einem schnelleren Erreichen der Geschlechtsreife bei geringerer Körpergröße. Was sagt uns das? Doch eigentlich nur, dass Lebewesen, die bis heute Teile dieses Planeten erfolgreich besiedeln, ein gewisses Anpassungspotential besitzen. Wie hoch in Bezug auf welche Veränderungen dieses Potential ist, wissen wir genauso wenig, wie wir etwas über die Zeitspannen wissen, die zur Realisierung der Anpassungsprozesse notwendig sind. Auch dafür gibt es Beispiele, denn die genetischen Daten, die sich für Schildkröten ergeben haben, die die relativ jungen Galapagosinseln besiedelten, lassen durchaus auf eine in evolutiven Maßstäben betrachtete schnelle Anpassungsfähigkeit schließen (siehe Beheregaray et al. (2004): Giant tortoises are not so slow: Rapid diversification and biogeographic consensus in the Galapagos. – Proceedings of the National Academy of Science of the U.S.A. 101: 6514-6519 oder Abstract-Archiv). Dennoch scheint deren Anpassungspotential eben nicht auf so kurze Zeiträume wie ein bis zwei Jahrhunderte ausgerichtet zu sein, die es ihnen ermöglicht hätte, die Nutzung durch die Seefahrer bzw. Walfänger durch Erhöhung ihrer Fekundität zu kompensieren. Es kommt eben immer auf die Spezies den Lebensraum und das Zeitfenster, in dem die Veränderungen stattfinden an. Somit sollte man auch die abschließende Aussage der obigen Autoren nicht zu sehr verallgemeinern. Allerdings sollte man andererseits auch die Systematiker durchaus anhand dieses Beispiels wieder einmal daran erinnern, wie vielfältig Anpassungsstrategien der verschiedenen Populationen ein und der selben Art sein können, denn es wäre sicher falsch, nun die Populationen, die aufgrund des hohen Bejagungsdrucks schon mit geringer Körpergröße die Geschlechtsreife erreichen, also ein durchschnittlich geringeres Adultmaß (Umwelt-bedingte phänotypische Plastizität) zeigen, als eigene Unterart oder Art zu beschreiben (siehe auch Kommentar zu : Lubcke & Wilson (2007): Variation in shell morphology of the Western Pond Turtle (Actinemys marmorata Baird and Girard) from three aquatic habitats in northern California. – Journal of Herpetology 41 (1): 107-114. oder Abstract-Archiv).

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