Del Vecchio, S., R. L. Burke, L. Rugiero, M. Capula & L. Luiselli (2011): The turtle is in the details: microhabitat choice by Testudo hermanni is based on microscale plant distribution. – Animal Biology 61: 249–261

Die Schildkröte liegt im Detail: Mikrohabitatwahl bei Testudo hermanni basiert auf kleinräumiger Pflanzenverbreitung.

Obwohl die Forschungsarbeiten zur Habitatnutzung und Habitatauswahl für das Verständnis der Populationsökologie und dem Populationsverhalten wesentlich sind, beziehen sich die meisten zoologischen Studien auf eine sehr allgemeine Einteilung in Habitatkategorien, wobei meist die Hauptmerkmale adressiert werden, nicht jedoch moderne pflanzenökologische Untersuchungsverfahren eingesetzt werden. Hier analysierten wir die Mikrohabitatnutzung von Testudo hermanni in einer mediterranen Küstenregion in Zentralitalien, wobei wir das Vorkommen oder das Fehlen von Landschildkröten auf drei räumlichen Skalen unter Anwendung eines logistischen Regressionsdesigns modellierten. Letzteres basierte auf einer quantitativen Erfassung der Vegetation und einer Analyse der vorhandenen Pflanzengesellschaften, um aufzuzeigen, wie Schildkrötenhabitate mit diesen Detailanalysen korrelieren. Unsere Analysen zeigen, dass unter den vielen vorhandenen nur sehr wenige Pflanzenarten entscheidend für das Vorkommen und die Habitatwahl von Schildkröten sind und dass dies auf einer sehr kleinräumigen Fläche realisiert sein kann (eben Mikrohabitat). Wir fanden ebenso eine paradoxe Kombination von blankem Boden und (neben) einer sehr hohen Vegetationsbedeckung, die von den Schildkröten bevorzugt wurde. Dies lässt vermuten, dass die Schildkröten kleine Flächen innerhalb einer Matrix von weniger gutem Habitat auswählen. Unsere Befunde liefern wichtige Einsichten in Bezug auf das Habitatmanagement, die darauf deuten, dass es besser zu sein scheint, die Anzahl dieser bevorzugten, ganz bestimmte Pflanzenarten enthaltenden Habitatflecken zu erhöhen, als dass es darauf ankommt, die Fläche dieser Mikrohabitate zu vergrößern.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hier handelt es sich um eine sehr schöne Arbeit, die durchaus deutlich macht, was mit einem synökologischen Verständnis der Zusammenhänge gemeint ist. Denn hier wird deutlich, dass man zur richtigen Einschätzung eines „guten“ Mikrohabitats für Schildkröten eher ein gutes botanisches Handwerkszeug mitbringen sollte, als reine zoologische oder herpetologische Sachkenntnis. Etwas, das auch erst jüngst als ein wesentliches Merkmal und Grundvoraussetzung für Ökosystemstabiltät beschrieben wurde (siehe Forest et al. 2011). Auch die von den Autoren als paradox bezeichnete Kombination von blankem Boden und dichter Vegetation entspricht dem, was wir aus Schildkrötenhabitaten kennen, wobei sich schnell aufheizender blanker Boden mit Schatten sowie Schutz bietender Vegetation den Tieren sicherlich die umweltabhängige Thermoregulation erleichtert. Ein Phänomen, das mehr oder weniger direkt schon von mehreren Autoren für die verschiedensten Schildkrötenspezies beschrieben wurde. Das haben manche Halter/innen auch schon für die Schildkrötenhaltung erkannt und simulieren es durch den Einsatz von Stroh und Schatten spendenden Nicht-Futterpflanzen (siehe z. B. Knappe 2011). Für weiterführende Ausführungen zu dieser Studie siehe auch: Del Vecchio et al. 2011).

Literatur

Del Vecchio, S., Burke, R. L., Rugiero, L., Capula, M. & L. Luiselli (2011): Seasonal changes in the diet of Testudo hermanni hermanni in Central Italy. – Herpetologica 67: 236–249 oder Abstract-Archiv.

Forest, I. V. Calcagno, A. Hector, Y. J. Connolly, W. S. Harpole, P. B. Reich, M. Scherer-Lorenzen, B. Schmid, D. Tilman J. van Ruijven, A. Weigelt, B. J. Wilsey, E. S. Zavaleta & M. Loreau. (2011): High plant diversity is needed to maintain ecosystem services. – Nature, DOI: 10.1038/nature10282.

Knappe, G. (2011): Vermehrung Europäischer Landschildkröten, Bebrütung der Eier und Anmerkungen zur Anzucht der Schlüpflinge. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 8 (2): 23–34.

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