Del Vecchio, S., Burke, R. L., Rugiero, L., Capula, M. & L. Luiselli (2011): Seasonal changes in the diet of Testudo hermanni hermanni in Central Italy. – Herpetologica 67: 236–249.

Saisonale Wechsel in der Nahrungszusammensetzung bei Testudo hermanni hermanni in Zentral-Italien.

Herbivorie ist die dominante Ernährungsstrategie bei Landschildkröten und Verschiebungen im Nahrungsspektrum als Reaktion auf Wechsel in der Verfügbarkeit der Ressourcen im Jahreszyklus sind generell verbreitet. Wir untersuchten zum ersten Mal in einer großräumigen Studie die Nahrung wild lebender Griechischer Landschildkröten (Testudo hermanni hermanni) und fanden dass die Untersuchungspopulation in Zentral-Italien rein herbivor lebt. Die Schildkröten fraßen vorwiegend Blätter von Kräutern und Gräsern während des Frühjahrs, wechselten dann aber zu Blüten und unreifen Früchten vom Ruscus aculeatus (Stechende Mäusedorn oder Dronmyrte, Anm. d. Red.) als diese im Jahresverlauf und speziell im Herbst zunehmend verfügbar wurden. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen der Nahrung weiblicher und männlicher Exemplare. Obwohl die Nahrung der Schildkröten sowohl häufige wie auch seltene Pflanzenarten beinhaltete wurden die häufig vorkommenden Arten auch proportional am häufigsten gefressen im Vergleich zu allen Arten innerhalb des Untersuchungsareals. Allerdings gab es auch einige verhältnismäßig seltene Arten die dennoch einen beträchtlichen Teil der Nahrung ausmachten, ebenso wurde eine der nicht einheimischen Pflanzenarten (Conyza canadensis)(Kanadische Berufkraut oder Katzenschweif, Anm. d. Red.) häufig und während aller Jahreszeiten gefressen, obwohl auch sie zu den selteneren Arten im Untersuchungsgebiet gerechnet werden muss. Die Beeren von Ruscus aculeatus stellen vermutlich ein speziell wertvolles Futter für Schildkröten, kurz bevor sie in die Winterstarre gehen, dar und das Habitatmanagement für T. hermanni - Habitate sollte darauf abzielen diese wichtige Pflanzenart zu erhalten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Hierbei handelt es sich um eine sehr ausführliche Studie, die gute Pflanzen- listen enthält. Im Wesentlichen finden die Autoren aber auch das schon für T. graeca bekannte Gattungsspektrum der Pflanzenarten (siehe El Mouden et al. 2006) beim Frühjahrsfutter mit der Reihenfolge Fabaceae (Schmetterlingsblütler), Asteraceae (Korbblütler) und Poaceae (Gräser), wobei auch über das ganze Jahr die Fabaceae und Asteracea die häufigsten bleiben und nur zum Spätsommer und Herbst die Gattung Ruscaceae durch das sehr häufige Fressen von Beeren des Strauchs Ruscus aculeatus dazu kommt. Die Schmetterlingsblütler gehören ja zu unseren proteinreichsten Pflanzen (siehe auch Kommentare zu: El Mouden et al. 2006, Pemberton, J. W. & J. S. Gilchrist, 2009). Mit dem Fressen der Beeren des Stechenden Mäusedorns scheinen die Schildkröten einen Griff in die Naturapotheke zu tun, den auch wir nur in etwas anderer Form nutzen, denn diese Pflanze war in 2002 die Heilpflanze des Jahres. Die Liste der Inhaltsstoffe wenn auch meist nur für die Wurzelextrakte gelistet, ist lang aber neben den schützenden Antioxidantien (Anthocyane) der roten Beeren dürften auch die Saponine ihren Beitrag zur Darmparasitenreduzierung leisten können. Auch Conyza canadensis das Kanadische Berufskraut aus der Familie der Asteraceae welches auch bei uns in Deutschland weit verbreitet ist wird in machen Heilpflanzenbüchern als wurmtreibend, diuretisch und der Gicht vorbeugend beschrieben. Wie die Autoren weiter ausführen und durch Arbeiten von Leuteritz (2003) und Loehr (2006) argumentativ zu untermauern versuchen, fanden sich keine nachweisbaren tierischen Bestandteile in den für die Untersuchung ausgewerteten Kotproben. Allerdings beweist letzteres nur, dass die Schildkröten keine hartschaligen Insekten wie Käfer, Heuschrecken (unverdauliches Chitin) oder Gehäuseschnecken gefressen hatten, denn Rückstände von Regenwürmern, Nacktschnecken, Zikadengelegen, die an Pflanzen haften oder Blattläuse kann so nicht mehr identifizieren, was ja auch für die Strahlenschildkröten von Pedrono (2008) anders beschrieben wird als es von Leuteritz beschrieben wurde. Es ist zwar klar, dass T. h. hermanni herbivor ist aber mit diesen strikten Ausgrenzungsbehauptungen wäre ich auch dann vorsichtig, denn was man findet hängt von der Methode ab, was man ja sehr schön an den Beispielen zu Chelonia mydas sehen kann die vor einigen Jahren auch als rein herbivor galt (siehe Arthur et al. 2007; Cardona et al. 2010).

Literatur

Arthur, K. E., J. M. O'Neil, C. J. Limpus, K. Abernathy & G. Marshall (2007): Using animal-borne imaging to assess green turtle (Chelonia mydas) foraging ecology in Moreton Bay, Australia. – Marine Technology Society Journal 41 (4): 9–13 oder Abstract-Archiv.

Cardona, L, P. Campos, Y. Levy, A. Demetropoulos & D. Margaritoulis (2010): Asynchrony between dietary and nutritional shifts during the ontogeny of green turtles (Chelonia mydas) in the Mediterranean. – Journal of Experimental Marine Biology and Ecology 393 (1-2): 83–89 oder Abstract-Archiv.

El Mouden, E. H., T. Slimani, K. B. Kaddour, F. Lagarde, A. Ouhammou & X. Bonnet (2006): Testudo graeca graeca feeding ecology in an arid and overgrazed zone in Morocco. – Journal of Arid Environments 64 (3): 422–435 oder Schildkröten im Fokus 3 (2) 2006.

Leuteritz, T. E. J. (2003): Observations on the diet and drinking behaviour of radiated tortoises (Geochelone radiata) in southwest Madagascar. – African Journal of Herpetology 52: 127–130.

Loehr, V. J. T. (2006): Natural diet of the namaqualand speckled padloper (Homopus signatus signatus). – Chelonian Conservation and Biology 5 (1): 149–152 oder Abstract-Archiv.

Pedrono, M. (2008): The Tortoises and Turtles of Madagascar. – Borneo (Natural History Publications), 147 S.

Pemberton, J. W. & J. S. Gilchrist (2009): Foraging behavior and diet preferences of a released population of giant tortoises in the Seychelles. – Chelonian Conservation and Biology 8 (1): 57–65 oder Schildkröten im Fokus 6 (4) 2009.

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