Catania, K. C. (2008): Worm grunting, fiddling, and charming-humans unknowingly mimic a predator to harvest bait. – PLoS ONE 3 (10): e3472.

Regenwürmer „raus vibrieren“, täuschen, und von „schlauen“ Menschen die unwissentlich einen Beutegreifer nachahmen um ihre Beute zu sammeln.

Seit Generationen gibt es rund um Floridas Apalachicola National Forest (Nationalforst) Familien, die sich etwas dazuverdienen, indem sie die sehr großen für diese Region endemischen Regenwürmer (Diplocardia mississippiensis) als Köder sammeln. Das Sammeln der Würmer wird dadurch erleichtert, dass die Menschen Holzstöcke in den Boden schlagen und diese vibrieren lassen, eine Technik, die man als „worm grunting“ bezeichnet hat. Als Reaktion auf die verursachten Vibrationen kommen die Würmer zu Tausenden an die Erdoberfläche und können in kurzer Zeit eingesammelt werden. Die Fragestellung ist: Warum verlassen die Würmer so plötzlich ihre Gänge im Boden als Reaktion auf diese Vibrationen, wo sie sich doch dann einer erhöhten Bejagung an der Oberfläche aussetzen? Hier konnten wir nachweisen, dass die Region, wo die Würmer dieses Verhalten zeigen, vom amerikanischen Maulwurf (Scalopus aquaticus) besiedelt wird und dass die Regenwürmer einen ausgeprägten Fluchtreflex gegenüber Maulwürfen zeigen, indem sie aus ihren Gängen an die Erdoberfläche fliehen. Aufzeichnungen der Vibrationen, die von Ködersammlern und Maulwürfen verursacht werden, lassen den Schluss zu, dass Ködersammler (Worm Grunters) unwissentlich mit ihren Vibrationen grabende Maulwürfe nachahmen. Die vermutete alternative Möglichkeit, dass die Würmer die Vibrationen als Regenprasseln deuten und ihre Gänge verlassen, um nicht zu ertrinken, konnte nicht bestätigt werden. Kürzlich durchgeführte Studien haben gezeigt, dass sowohl Waldbachschildkröten als auch Heringsmöven dieses Verhalten zeigen und Bodenvibrationen verursachen, um die Fluchtreaktion von Regenwürmern zu provozieren, was zeigt, dass eine ganze Reihe von Jägern eine Jäger-Beutebeziehung ausnutzen, die sich zwischen Regenwürmern und Maulwürfen entwickelt hat. Zusätzlich zu der Entdeckung einer neuen Fluchtreaktion, die innerhalb der Bodenfauna möglicherweise sogar weit verbreitet ist, zeigen die Ergebnisse, dass Menschen die Rolle eines seltenen Räubers nachahmen, indem sie die Konsequenzen ausnutzen, die sich aus dieser sensorischen Aufrüstung (Vibrationssinn) zwischen Wurm und Maulwurf ergeben haben.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun ich wollte niemanden hier vom Schildkrötenliebhaber zum Wurmbedauerer umstimmen, aber ich finde es schon interessant, dass hier der Mensch, die Heringsmöve und die Waldbachschildkröte (Glyptemys insculpta) in Bezug auf eine erlernte Jagdtechnik auf eine vergleichbare Stufe gestellt werden. Sind Schildkröten, wie manche meinen, wirklich stupide, einfältig oder gar dumm? Oder umgekehrt gefragt: Wer ist der Dümmere? Vielleicht hätte sogar so mancher Futterwurmsucher durch genaueres Beobachten von Waldbachschildkröten etwas dazu lernen können. Ich denke, alle drei Spezies sind erstens lernfähig und zweitens ausgesprochen anpassungsfähig in Bezug auf das effektive Beutemachen. Siehe dazu auch: Poschadel, J. R., Y. Meyer-Lucht & M. Plath (2006): Response to chemical cues from conspecifics reflects male mating preference for large females and avoidance of large competitors in the European pond turtle, Emys orbicularis. – Behaviour 143: 569-587 oder Abstract-Archiv.

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