Cardinale, B. J., J. E. Duffy, A. Gonzalez, D. A. Hooper, C. Perrings, P. Venail, A. Narwani, G. M. Mace, D. Tilman, D.A. Wardle, A. P. Kinzig, G. C. Daily, M. Loreau, J. B. Grace, A. Larigauderie, D. S. Srivastava, & S. Naeem (2012): Biodiversity loss and its impact on humanity. – Nature 486: 59–67.

Biodiversitätsverlust und sein Einfluss auf die Menschheit.

Das Einzigartigste dieses Planeten Erde ist die Existenz von Leben und eine der herausragenden Eigenschaften von Leben ist seine Diversität (Vielfalt). Ungefähr 9 Millionen unterschiedliche Typen von Pflanzen, Tieren, Protisten (Einzeller) und Pilzen besiedeln die Erde sowie 7 Milliarden Menschen. Vor zwei Jahrzehnten erklärten auf dem ersten Umweltgipfel die meisten Nationen, dass menschliche Aktivitäten dazu führen, dass die Ökosysteme zerstört werden, was mit einem Verlust an Genen, Arten und biologischen Abläufen einhergeht – und alles mit einer rasanten Geschwindigkeit und Ausmaß. Diese Feststellung führte zu der Frage, wie der Verlust biologischer Diversität die Funktion von Ökosystemen und deren Fähigkeit, die menschliche Gesellschaft mit existenziellen Gütern zu versorgen, verändern wird.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun, man kann nur ehrfürchtig darüber staunen, wie viel Kompensationskapazität unser Planet besitzt, denn in den letzten zwanzig Jahren hat sich die Geschwindigkeit, mit der dies geschieht, nochmals rasant beschleunigt, und dennoch leben wir noch recht gut – vielleicht deshalb, weil dieses ganze in Ökosysteme aufgeteilte „System“ gar kein stabiles begrenztes System ist? Sondern vielmehr ein auf Wandel ausgerichteter Prozessablauf innerhalb des Universums? Dass die meisten von uns als Ökosysteme bezeichneten Strukturen die definitionsgemäßen Kriterien für ein System nicht erfüllen, wird schon bei Reichholf (2010) ausgeführt.
Doch was zeichnet diese Arbeit aus? Sie zeigt uns tatsächlich, was sich verändert hat und stellt zunächst in sechs Punkten die wesentlichen Aspekte biologischer Diversität vor, um dann damit zu enden, uns klar vor Augen zu führen, welchen Nutzen wir daraus ziehen. Zudem macht sie klar, wie verflochten die Prozessabläufe sind. Um nur ein Beispiel zu nennen, wird hier erklärt, dass Wiederaufforstung in manchen Gebieten global dazu führen mag, mehr CO2 zu binden und mehr Sauerstoff und Holz zu produzieren, aber lokal kann es dabei zu einem Verlust an Wasser kommen.
Ich denke, hier ist man erst an der Oberfläche der Erkenntnis, und es könnte sein, dass wir noch viel mehr über das „Wie restaurieren wir“ lernen müssen. Ein Beispiel: Niederländische Landwirtschaftsberater hatten in einem Anrainerstaat Angolas den Bauern beigebracht, wie man Felder angeblich fruchtbarer macht, indem man die Akazien als Konkurrenten der Nutzpflanzen entfernt. Allerdings trockneten die Felder danach in wenigen Jahren aus. Keiner machte sich Gedanken darüber, denn für Austrocknung ist ja bekanntlich der Klimawandel zuständig. Als die Bauern nicht mehr leben konnten, gingen sie wieder in die angolanischen Minen und ließen ihre Felder verkommen, auf denen die einheimischen Akazien wieder wuchsen. Die zurückgelassen Frauen versuchten erneut etwas anzupflanzen, was trotz der Akazienkonkurrenz wuchs. Heute weiß man, dass die tief wurzelnden Akazien Wasser aus der Tiefe hochziehen, mit ihren Kronen Schatten spenden was die Verdunstung reduziert und außerdem noch durch ihr Falllaub für Humus sorgen. Ein Beispiel, das zeigt, wie selbst guter Wille und europäische Entwicklungshilfe nicht immer zum Erfolg führen, insbesondere wenn uns dabei unser eigener europäischer Ordnungssinn im Wege steht, wenn an die exotische Umwelt angepasste Entscheidungen zu treffen sind.
In diesem Sinne sollten wir auch die Ex situ Arterhaltung in Gefangenschaft bewerten. Denn Pedrono (2011) hat schon Recht, wenn er fragt „Wofür und warum?“. Denn die Haltung in Gefangenschaft zieht nicht nur weitere Finanzmittel ab, die genutzt werden könnten, um die Biodiversität in der natürlichen Umwelt zu erhalten, sondern sie trägt sogar noch zur Verschlechterung der Biodiversität im System bei, da die Lebewesen in Gefangenschaft zudem noch versorgt werden müssen, insofern Futter, Strom und Transportkosten anfallen, deren Gewinnung auch Biotope gefährden kann, wobei die Arten sich auch noch haltungsbedingt verändern. Und für all das verbrauchen sie zusätzliche natürliche Ressourcen, zumindest mehr als die eingelegten, sich im wahrsten Sinne des Wortes erhaltenden Museumsexemplare.
Natürliche Diversität ergibt schon Sinn, denn sie garantiert im Sinne der Nachhaltigkeit mehr Stabilität als reine Agrar- oder Forstmonokulturen. Allerdings sollten wir auch nicht verkennen, dass wir nicht alles ändern können, wenn wir nicht unsere humane Moral über Bord werfen wollen. Denn wir müssen 7 Milliarden Menschen und zukünftig noch mehr ernähren können (oder wie wollen Sie die Zahl auf ein als umweltverträglich einzustufendes Maß senken?). Deshalb werden wir auch nicht alle Habitate, „Ökosysteme“ wieder so herstellen können, wie sie waren oder derzeit noch sind (siehe Kommentare zu Saenz-Arroyoet al. 2006). Da werden wir auch mit weniger Diversität sehr wahrscheinlich zumindest eine Zeitlang auskommen müssen. Um die wenigstens so hoch wie möglich zu halten, sollten wir uns dann aber auch mit dem Gedanken, dass es so manche Hybride geben wird, die es auch zu erhalten gilt, nicht nur anfreunden, sondern uns wirklich darüber freuen, dass es wenigstens die noch gibt!

Literatur

Pedrono, M. (2011): Wasted efforts: why captivity is not the best way to conserve species. – Madagascar Conservation & Development 6: 57–59 oder Abstract-Archiv.

Saenz-Arroyo A., C. M. Roberts, J. Torre, M. Carino-Olvera & J. P. Hawkins (2006): The value of evidence about past abundance: marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century travellers. – Fish and Fisheries 7(2): 128–146 oder Abstract-Archiv.

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