Calame, T. , T. N. E. Gray, M. Hurley, R. J. Timmins & K. Thongsamouth (2013) Field Observations of the Vulnerable Impressed Tortoise, Manouria impressa, from Southern Laos and Notes on Local Chelonian Trade. – Asiatic Herpetological Research 4: 151–154.

Beobachtungen von gefährdeten Hinterindische Waldschildkröte, Manouria impressa im südlichen Laos und Anmerkungen zum lokalen Schildkrötenhandel.

Beobachtungen von wild lebenden Schildkröten sind in Indochina sehr selten, und die meisten Nachweise für das Vorkommen von Schildkröten stammen aus dem kommerziellen Wildtierhandel. Während einer Bestandserfassung im Xe Sap National-Schutzgebiet des südlichen Laos zwischen Februar und Mai 2012 fanden wir vier Hinterindische Waldschildkröten, Manouria impressa (IUCN Red List: Vulnerable) in drei verschiedenen Lokalitäten im Feld. Es gibt derzeit nur wenige publizierte Beobachtungen für diese Spezies im Freiland. Wir liefern ebenso Informationen zur Gefährdung der Schildkröten und über den lokalen Wert des Schildkrötenhandels.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die Arbeit fasst sehr schön die Literatur zu Beobachtungen an dieser Art in Laos zusammen. Bei dieser Bestandserhebung im Xe Sap Nationalschutzgebiet ging es um einen allgemeinen Überblick der Gesamtfauna, und die vier eher zufälligen Nachweise von Manouria impressa sind auch mit Ausnahme einer einzigen Sichtung eines adulten Männchens nicht unbedingt als Freilandbeobachtungen zu deklarieren. Denn ein Tier wurde tot in einer seit längerem nicht mehr geleerten Falle aufgefunden und ein Pärchen (also die Tiere 3+4) wurden in einem Beutel verpackt in einem Jägercamp aufgefunden, wo sie wohl so lange gelagert wurden, bis die Jäger wieder zurückkehrten, um sie mitzunehmen. Insofern haben zwar die Autoren eine sehr schöne Beschreibung der Situation erreicht, aber sie beschreiben nicht wirklich Beobachtungen an frei lebenden Manouria impressa. Dafür machen sie jedoch ausführlichere Angaben zur vorhandenen Vegetation und den Waldtypen. Deshalb zeigt die Arbeit auch sehr schön den Wert solcher Schutzgebiete, die wahrscheinlich nur auf dem Papier als solche zu bezeichnen sind. So lange sich an der Armut und den Lebensumständen großer Teile der Lokalbevölkerung nichts ändert, werden solche Schutzgebiete auch nicht als solche zu bezeichnen sein. Wie die Autoren berichten, werden Schildkröten von den Einheimischen als leicht zu verdienendes, zusätzliches Einkommen betrachtet. Vor Ort werden etwa umgerechnet 12,5 US$ pro kg Manouria impressa gezahlt, aber der Preis steigt aktuell, denn, wie Dorfbewohner berichteten, es gäbe einen chinesischen Händler in der Provinzhauptstadt, der schon 25 US$/kg bezahlt. Adulte Manouria impressa können über 3 kg wiegen. Laut der Lokalbevölkerung werden für Platysternon megacephalum schon 50 US$/kg und für Cuora spp. 100 US$/kg gezahlt. Ich denke, gerade an diesen Preisanstiegen erkennt man nicht nur die Zunahme des Seltenheitswerts, sondern damit auch verbunden die zunehmende Vermarktung der Tiere im internationalen Tierhandel. Denn auch in Europa tauchen zunehmend auch adulte Manouria impressa im Handel und auf Börsen auf. Da die Nachzucht von Manouria impressa erst seit Kurzem und in nur wenigen Fällen erfolgreich war, kann es sich dabei eigentlich nicht wirklich um europäische Nachzuchten handeln. Auch hier stellt sich durchaus die Frage, ob der Handel, der ja auch hier noch immer von einigen stark befürwortet wird, den Tieren in der Natur wirklich hilft, um sie vor den Lebensmittelmärkten und dem Verzehr zu schützen oder ob dadurch die Ausbeutung dieser Schutzgebiete nur noch stärker und schneller vorangetrieben wird.
In diesem Zusammenhang fällt es mir zunehmend schwer zu verstehen, wie man bei der DGHT bei einer Diskussion zum Import von Wildfängen unisono noch zu dem Schluss kommt, dass man auch zukünftig auf Wildfangimporte nicht verzichten kann oder will (siehe Anonymus 2013). Zumindest fällt es mir schwer zu verstehen, wie sich die Wissenschaftler, von denen übrigens nur einer offiziell auf dem Podium teilnahm, dabei fühlen müssen? Allein schon wegen der dadurch unweigerlich zu verzeichnenden Verringerung des Genpools in den natürlichen Populationen sollte wir uns daran erinnern, dass sich bei zunehmender Verringerung der Habitatqualität (Fragmentierung etc.) und bei Klimaveränderungen die Potenz zur schnelleren Anpassung (Adaptation) an sich immer schnellere wandelnde Umweltbedingungen eher verlangsamt als dass sie gefördert wird. Ich weiß auch nicht, ob sich die herpetologischen Interessensverbände damit einen Gefallen tun. Mir erschiene es wesentlich sinnvoller darauf zu achten, den Inlands- oder Innereuropäischen Handel mit Nachzuchten an von den Verbänden sachkundig geschulte Interessenten zu fördern. Denn damit würden sie sich auch selbst stützen und Verantwortung übernehmen. Wer heute in Deutschland eine Waffe offiziell besitzen möchte, muss auch entweder Mitglied in einem Sportschützenverein oder im Deutschen Jagdverband sein, was diesen Verbänden sicherlich nicht schadet und deren Stellung eher stärkt als schwächt. Warum setzt denn der Handel sehr wahrscheinlich lieber auf Wildfänge? Doch sehr wahrscheinlich nur, weil die zu erwartenden Gewinnmargen höher wären. Aber ist letzteres wirklich im Interesse von Verbänden, die eher Nachhaltigkeits- und Artenschutzinteressen verfolgen sollten? Ein Umdenken wäre an der Zeit, denn wir haben eigentlich schon fast alles im Land oder zumindest in Europa, und viele der anscheinend auch aus nachhaltigen Projekten in der Vergangenheit zu hunderttausenden importierten Spezies machen uns heute angeblich schon mehr Probleme als sie nützen. In Südeuropa werden sie angeblich zu invasiven Plagen, und hierzulande gibt es einen Spendenaufruf nach dem nächsten von den entsprechenden Tierauffangstationen. Immerhin scheint ja die angeblich seit Jahrzehnten nur aus Farmnachzuchten stammende Rotwangen-Schmuckschildkröte in ihren natürlichen Vorkommensgebieten heute bedroht zu sein. Wie kann so etwas zustande kommen (vgl. Brown et al. 2011, 2012 und Ceballos & Fitzgerald 2004)? Brauchen wir als Exotenliebhaber wirklich – so wie anderes der derzeit in Deutschland als stark ausufernd bezeichnetes international agierendes Schattengewerbe – immer neues „Frischfleisch“ (siehe Das Erste vom 10. 11. 2013; http://daserste.ndr.de/guentherjauch/)? – Aus wissenschaftlichen Gründen ganz sicher nicht! Denn da wäre es sehr viel besser, die Arten vor Ort und in Kooperation mit einheimischen Wissenschaftlern zu erforschen. Letzteres würde dann auch den jeweiligen Politikern vor Ort wie auch der ortsansässigen Lokalbevölkerung den Wert ihrer Fauna und Flora besser verdeutlichen. Wie gesagt, ich bin keinesfalls gegen Exotenhaltung und/oder die Abgabe von hier in Deutschland oder Europa nachgezogenen Amphibien und Reptilien, denn es gibt viele verantwortungsvolle Exotenhalter/innen, die dank des durch die Verbände unterstützten Informationsflusses und der geförderten Maßnahmen ein wirklich großes Artenspektrum artgerecht vermehren und erhalten. Wozu also noch Importe? Nur des billigen Kommerzes wegen? Ich denke, auf lange Sicht ist das kontraproduktiv und wirkt unglaubwürdig! Zum einen, weil die wissenschaftliche Fachliteratur bislang bei ihren Untersuchungen meist das Gegenteil zu dem, was nachhaltige Naturentnahmen darstellen sollen vor Ort vorfindet und publiziert (siehe Bidmon, 2007; Clapham & Van Waerebeek, 2007; Nijman & Shepherd, 2007; Rivalan et al., 2007; Vinke & Vinke, 2009; Eisemberg et al., 2010; Lyons & Natusch,2011; Smith, 2011; Nijman et al., 2012; Natusch & Lyons, 2012; Vinke & Vinke, 2012; Lyons et al., 2013) und zum anderen weil es den vielen engagierten verantwortungsvollen Haltern und Nachzuchtinitiativen, die ja auch einen Großteil der Mitglieder solcher Verbände ausmachen, das Leben erschwert. Es macht keinen Sinn, Mitglieder um die Angaben von Nachzuchten zu bitten, um damit der Politik gegenüber die durchaus zu befürwortende, verantwortungsvolle, erfolgreiche Exotenhaltung und Interaktion von Wissenschaft und Privatinitiative zu verdeutlichen, wenn die Mitglieder gar nicht mehr züchten können, da sie mit dem kommerziellen ausbeuterischen Billigimportmarkt nicht mithalten können. Ich schätze mal, wenn es diesbezüglich zu keinem baldigen Umdenken kommen wird, schwächt man sich auch selbst – und nicht zuletzt gegenüber der Politik, da Desinteresse und Austritte zunehmen werden.

Literatur

Anonymus (2013) Territorial. – Terraria-elaphe 6: 3.

Bidmon, H.-J. (2007) Kommentar zu: Siroky, P. & U. Fritz (2007): Is Testudo werneri a distinct species? – Biologica Bratislava 62: 1-4 oder Abstract-Archiv.

Brown, D. J., V. R. Farallo, J. R. Dixon, J. T. Baccus, T. R. Simpson & M. R. J. Forstner (2011): Freshwater Turtle Conservation in Texas: Harvest Effects and Efficacy of the Current Management Regime. – Journal of Wildlife Management 75: 486–494 oder SiF 9 (3), 2012.

Brown, D. J., A. D. Schultz, J. R. Dixon, B. E. Dickerson & M. R. J. Forstner (2012): Decline of Red-Eared Sliders (Trachemys scripta elegans) and Texas Spiny Softshells (Apalone spinifera emoryi) in the Lower Rio Grande Valley of Texas. – Chelonian Conservation and Biology 11: 138–143 oder Abstract-Archiv.

Ceballos, C. P. & A. A. Fitzgerald (2004): The trade in native and exotic turtles in Texas. – Wildlife Society Bulletin 32 (3): 881–892 oder Abstract-Archiv.

Clapham, P. & K. Van Waerebeek (2007): Bushmeat and bycatch: the sum of the parts. – Molecular Ecology 16 (13): 2607–2609 oder Abstract-Archiv.

Eisemberg, C. C., Rose, M., Yaru, B. & A. Georges (2010): Demonstrating decline of an iconic species under sustained indigenous harvest – The pig-nosed turtle (Carettochelys insculpta) in Papua New Guinea. – Biological Conservation 144: 2282–2288 oder Abstract-Archiv.

Lyons, J. A. & D. J. D. Natusch (2011) Wildlife laundering through breeding farms: Illegal harvest, population declines and a means of regulating the trade of green pythons (Morelia viridis) from Indonesia. – Biological Conservatin 144 (12): 3073–3081 oder Abstract-Archiv.

Lyons, J. A., D. J. D. Natusch & C. R. Shepherd (2013) The harvest of freshwater turtles (Chelidae) from Papua, Indonesia, for the international pet trade. – ORYX 47: 298–302 oder Abstract-Archiv.

Natusch, D. J. D. & J. A. Lyons (2012) Exploited for pets: the harvest and trade of amphibians and reptiles from Indonesian New Guinea. – BIODIVERSITY AND CONSERVATION 21: 2899–2911. oder Abstract-Archiv.

Nijman, V. & C. R. Shepherd (2007): Trade in non-native, CITES-listed, wildlife in Asia, as exemplified by the trade in freshwater turtles and tortoises (Chelonidae) in Thailand. – Contributions to Zoology 76 (3): 207–211 oder Abstract-Archiv.

Nijman, V., Shepard, C. R., Sanders, M. & K. L. Sanders (2012) Over-exploitation and illegal trade of reptiles in Indonesia. – Herpetological Journal 22: 83–89 oder Abstract-Archiv.

Rivalan, P., V. Delmas, E. Angulo, L. S. Bull, R. J. Hall, F. Courchamp, A. M. Rosser & N. Leader-Williams (2007): Can bans stimulate wildlife trade? Proactive management of trade in endangered wildlife makes more sense than last-minute bans that can themselves increase trading activity. – Nature 447: 529–530 oder Abstract-Archiv.

Smith, J. E. (2011): Stolen World: A Tale of Reptiles, Smugglers, and Skulduggery. – Crown Publishers, New York.

Vinke, T. & S. Vinke (2009): Bedrohen Schildkrötenfarmen die Wildbestände. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (4), 2009: 3–20.

Vinke, T. & S. Vinke (2012) Legaler Wildtierhandel. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 9 (1), 2012: 21–35.

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