Butler, J. M, C. K. Dodd, M. Aresco & J. D. Austin (2011): Morphological and molecular evidence indicates that the Gulf Coast box turtle (Terrapene carolina major) is not a distinct evolutionary lineage in the Florida Panhandle. – Biological Journal of the Linnean Society 102: 889–901.

Morphologische und molekulare Nachweise zeigen, dass die Golfküsten-Dosenschildkröte (Terrapene carolina major) keine distinkte Evolutionslinie in Florida darstellt.

Es gibt derzeit vier Unterarten von Terrapene carolina im östlichen Nordamerika, Terrapene carolina bauri, Terrapene carolina carolina, Terrapene carolina triunguis und Terrapene carolina major, die auf Grund morphologischer Untersuchungen unterschieden werden. Eine weitere fünfte Unterart, Terrapene carolina putnami wurde als im Pleistozän vorhandene Art, die sehr ähnlich zu T. c. major war, beschrieben. Fragen in Bezug auf die Verwandtschaft der Golfküsten-Dosenschildkröte (T. c. major) mit den anderen Dosenschildkröten wurden seitdem häufig diskutiert. Wir benutzten eine kombinierte morphologisch-genetische Analyse, um den Status von T. c. major und den anderen T-carolina- Linien (Terrapene c. bauri, T. c. carolina und T. c. triunguis) zu klären. Bei den Letzteren handelt es sich um distinkte Linien, die durch Diskriminationsfunktion-Analysen anhand von 25 morphologischen Charakteristika sowie durch zusätzliche traditionelle Merkmale zur Unterartabtrennung unterschieden werden können. Die derzeitigen Ergebnisse unserer Studie bestätigen, dass Dosenschildkröten, die vom Phänotyp her als T. c. bauri, T. c. carolina oder T. c. triunguis zu identifizieren sind, alle innerhalb des hypothetischen (ehemaligen) Verbreitungsgebiets von T. c. major vorkommen und dass Letztere keine exakt diagnostizierbare eigenständige Morphologie besitzt. Die drei morphologisch klar zu charakterisierenden Unterarten zeigen auch unterschiedliche Haplotypen für die mitochondriale DNS, die ebenfalls innerhalb der Spannbreite jener von T. c. major liegen. Zusätzlich gibt es aber auch eine vierte distinkte mtDNS-Linie, die innerhalb der Spanne von T. c. major auftaucht. Diese vierte einzigartige Linie könnte auf mitochondriale DNS-Unterschiede der aus dem Pleistozän bekannten T. c. putnami zurückgehen. Die Analyse von neun nukleären DNS-Mikrosatelliten zeigte keine Populationsstruktur bei den Dosenschildkröten, die man derzeitig zu T. c. major stellt und die im Florida Panhandle vorkommen. Letzteres legt nahe, dass es sich um eine komplette Durchmischung der in dieser Region vorhandenen Terrapene-Linien handelt. Die Ergebnisse der vorgelegten Studie zeigen, dass es sich bei den anhand ihres Phänotyp traditionell als T. c. major bezeichneten Dosenschildkröten um Tiere handelt, die auf eine Introgression zwischen den derzeitig bekannten östlichen Dosenschildkröten (hauptsächlich T. c. carolina) und der ausgestorbenen Unterart T. c. putnami zurückzuführen sind.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Auch hier wieder ein schönes Beispiel dafür, wie Natur und Evolution arbeiten und es immer weitergeht. Arten verändern sich im Laufe der Zeit; ja sie vermischen sich sogar (siehe auch Kommentar zu Fritz et al. 2007, Cureton et al. 2011). Es ist schon seltsam, denn wenn man die Abstammungslinienreinheit so vehement und konsequent vertreten wollte, wie es manche Artenschützer zu tun pflegen, müsste man wohl T. c. major ausrotten! Denn kann oder darf es sein, dass eine Kreatur, die ein solches Arten- bzw Unterartengemisch repräsentiert weiterleben darf und vielleicht auch noch weiterhin zur „Artenverfälschung“ beitragen darf? Ich weiß, dass klingt zynisch! Aber ehrlich gesagt, in meinen Ohren klingt manches, was da in Bezug auf Arterhaltungsreinheit diskutiert wird, auch sehr zynisch und gerade wenn es sich um die letzten Individuen von fast schon ausgestorbenen Spezies handelt (siehe Kommentar zu: Spinks & Schaffer 2007), wo jegliche Art von Genflussreduzierung kaum noch mit einem langfristigen Überleben vereinbar ist, sollte man froh sein, auch die Chance von Hybriden zu nutzen. Wie hier festgestellt scheint die Hybridisierung von rezenten östlichen Dosenschildkröten mit jener als ausgestorben geltenden T. c. putami dazu beigetragen zu haben, dass anscheinend deren Genom zumindest in Teilen immer noch in den zu T. c. major gestellten Tieren weiterexistiert. Sollte uns das nicht zu denken geben? Und wie viele der Terrapene-Nachzüchter haben auch extra Anstrengungen unternommen und sind froh darüber auch die „Hybride“ T. c. major im Bestand zu haben? Wenn die nun für strikte Artreinheit wären, müssten sie sich zumindest nach dieser Arbeit von der Natur hinters Licht geführt fühlen, und ich denke, da uns die Natur als „wertfreie Instanz“ sicher nicht enttäuschen will, sollten wir langsam akzeptieren, was wir aus solchen Beispielen von ihr lernen können. Denn gerade hier führt sie uns vor Augen wie DNS-System-Erhalt und biologische Überlebenssicherung und letztendlich auch Artenvielfalt unter natürlichen Gegebenheiten aufrechterhalten werden.

Literatur

Cureton, J. C., A. B. Buchman, R. Deaton & W. I. Lutterschmidt (2011): Molecular Analysis of Hybridization between the Box Turtles Terrapene carolina and T. ornata. – Copeia 2: 270–277 oder Abstract-Archiv.

Fritz, U., A. K. Hundsdörfer, P. Široký, M. Auer, H. Kami, J. Lehmann, L. F. Mazanaeva, O. Türkozan & M. Wink (2007): Phenotypic plasticity leads to incongruence between morphology-based taxonomy and genetic differentiation in western Palaearctic tortoises (Testudo graeca complex; Testudines, Testudinidae). – Amphibia-Reptilia 28 (1): 97–121 oder Abstract-Archiv.

Spinks P. Q. & H. B. Shaffer (2007): Conservation phylogenetics of the Asian box turtles (Geoemydidae, Cuora): mitochondrial introgression, numts, and inferences from multiple nuclear loci. – Conservation Genetics 8 (3): 641–657 oder Abstract-Archiv.

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