Boyd, C., T. M. Brooks, S. H. M. Butchart, G. J. Edgar, G. A. B. da Fonseca, F. Hawkins, M. Hoffmann, W. Sechrest, S. N. Stuart & P. P. van Dijk (2008) Spatial scale and the conservation of threatened species – Conservation Letters 1 (1): 37-43.

Die Raumskala und die Erhaltung von bedrohten Spezies

Die räumlichen Voraussetzungen, die zur Erhaltung von Arten notwendig sind, um deren Aussterben zu verhindern, ist eine der am heftigsten geführten Debatten innerhalb der Biologie zur Arterhaltung. Ein Ansatz besagt, dass das primäre Ziel der Schutz bestimmter Lokalitäten innerhalb der Landfläche darstellt, wohingegen andere die Wichtigkeit zum Schutz weiter Teile der Meere und ganzer Landschaften in den Vordergrund der Aktionspläne zur Arterhaltung stellen. Wir adressieren diese Debatte systematisch, indem wir die notwendigen räumlichen Skalen (Raumbedürfnisse) für alle 4.239 gefährdeten Säugetiere, Vögel, Landschildkröten, Wasserschildkröten und Amphibien betrachten. Wir stellen fest, dass kurz- bis mittelfristig 20 % der bedrohten Arten davon abhängig sind, dass bestimmte einzelne Lokalitäten geschützt werden, 62 % machen es erforderlich, mehrere Regionen gleichzeitig zu schützen, das Überleben von 18 % der Spezies erfordert die Erhaltung von Land- und Meeresbereichen, und etwas unter 1 % der Arten können nur durch sehr großräumige Erhaltungsmaßnahmen erhalten werden (als „sites“ Lokalitäten bezeichnen wir Einheiten, die zwar unterschiedlich groß sind, aber die noch durch ein Erhaltungsmanagement umsetzbar sind „Broad-scale“ Weiträumig heißt, dass es hier um Landflächen und Meeresbereiche geht, die allein von der betreffenden Art bestimmt werden [also Bereiche, die sich einem eigenständigen Management entziehen z. B der Golf von Mexiko als Geburtshabitat für Wale und Grönland als Nahrungshabitat). Die Rufe nach diesen großräumigen Erhaltungsaktionsplänen beziehen sich meist auf terrestrische Vögel (Zugvögel) und Säugetiere, und wir bestätigten mit diesen Analysen, dass ein Fünftel bis ein Zehntel dieser Arten wirklich nur durch die Erhaltung und den Schutz dieser großräumigen Lebensräume erhalten werden kann. Allerdings fanden wir auch, dass zwei Fünftel aller gefährdeter Süßwasserschildkröten und ein Fünftel aller bedrohter Amphibien von diesem großräumigen Erhaltungsmaßnahmen abhängen, wobei insbesondere die Veränderungen bei der Süßwasserprozessierung berücksichtigt werden müssen (Staudämme, Flussbegradigungen, Grundwasserabsenkungen aufgrund von Trinkwassergewinnung oder für den Bergbau etc.). Zusätzlich braucht die überwiegende Mehrheit der gefährdeten Meeressäuger, Seevögel und Meeresschildkröten Erhaltungsmaßnahmen auf Meeresniveau (also Schutz ganzer Ozeane). Unsere Schlüsselerkenntnis ist, dass weder der Lokalitätenschutz noch der weiträumige Schutz ganzer Regionen allein ein Massenaussterben verhindern können. Obwohl der Lokalitätenschutz der Eckpfeiler zur Erhaltung bedrohter Arten bleiben sollte, zeigen wir hier, dass eine unerwartet hohe Anzahl an Arten verloren gehen wird, wenn wir nicht Sofortmaßnahmen zur Erhaltung großräumiger See- und Landbereiche durchführen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Wen wundert es, und selbst dem reinen Schildkröteninteressierten dürfte nicht entgangen sein, dass selbst die Zerstörung von Landhabitaten (Regenwald) den Fortbestand bestimmter Meeresschildkröten bedrohen. Ich denke mal, dass man selbst hier noch so manche ökologischen Zusammenhänge gar nicht mit berücksichtigt hat, die den weiträumigen Schutz noch notwendiger machen. Allerdings bin ich skeptisch, wie das gehen soll, denn es sind eigentlich einfache Berechnungen, die einem zeigen, dass bei dem derzeitigen weltweiten Bevölkerungswachstum der Landverbrauch und auch die Wassernutzung und Bewirtschaftung nicht eingeschränkt werden könnten. Zudem breiten sich die Wüstengürtel jetzt schon aus und verringern den für Menschen bewohnbaren Raum. Eine Lösung ist also kaum in Sicht, und in der EU diskutiert man das Welternährungsproblem kaum und kümmert sich vorrangig darum, wie man die nationalen Preise für Agrarprodukte stabil halten kann oder wie man der Autolobby nach Möglichkeit nicht weh tut. Was muss uns als Reptilienhalter das kümmern – doch nur marginal oder gar nicht? Falsch! Diese düsteren Aussichten sorgen nämlich dafür, dass immer mehr Arten bedroht werden oder gar aussterben und bei der derzeitigen gesellschaftspolitischen Einstellung führt dies zwangsläufig dazu, dass die Argumente der Arten- und Tierschützer immer lauter und wohl auch berechtigter werden, sodass zumindest in einer Demokratie, solange es kein gesellschaftliches Umdenken gibt, man an den Rufen nach Verboten festhalten wird, was wenn wir als „Exotenhalter“ uns nicht rechtzeitig auf diese unausweichlichen Krisen einstellen, die immer mehr und häufiger zum Problem werden? Da gibt es nur eines, die Zielsetzung ändern, und sich nach Möglichkeit von dem den Image schadenden Verhaltensweisen verabschieden. Es mag zwar sein, dass es heute noch ausreichen mag, dass der eine oder andere Herpetologe mit vielleicht akademischen Titel den einen oder anderen Politiker umstimmen kann, aber die Leute, die sich heute mit der Entwicklung der Gefährdungspotentiale befassen, haben auch diese Titel und ihre Zahl und deren Dringlichkeitsmahnungen nehmen zu. Da wird es bald nicht mehr ausreichen, ein paar Rechtsanwälte bzw. die Berufung auf ein paar Grundrechtsparagraphen zu formulieren, sondern das erfordert nationales sowie internationales Engagement und glaubwürdige Verhaltensweisen sowie angemessene für die Mehrheit der Bevölkerung verständliche und akzeptable Zielsetzungen. Sicher, bei knappen Wahlergebnissen wie in Hessen mögen zwar manche Politiker gewillt sein, nicht noch mehr Wähler zu verunsichern, aber solche Wahlergebnisse sind nicht die Regel, wobei Sie immer daran denken sollten, 8.000 Deutsche Herpetologen sind nun mal wahltechnisch gesehen eine Minderheit, da die eigentlichen Tierschutzorganisationen in der Regel 100 mal mehr Mitglieder haben, wobei sie sogar den deutschen Kinderschutzbund mit seinen fünfstelligen Mitgliederzahlen weit hinter sich lassen. Siehe auch: Hall, R. J., E. J. Milner-Gulland & F. Courchamp (2008): Endangering the endangered: The effects of perceived rarity on species exploitation. – Conservation Letters 1 (2): 75-81 oder Abstract-Archiv.

Seitenanfang