Bouchard, S. S. & K. A. Bjorndal (2006): Ontogenetic Diet Shifts and Digestive Constraints in the Omnivorous Freshwater Turtle Trachemys scripta. – Physiological and Biochemical Zoology 79 (1): 150-158.

Die ontogenetische Verschiebung im Nahrungsspektrum und die Verdaubarkeit bei der omnivoren Süßwasserschildkröte, Trachemys scripta

Viele Reptilien zeigen eine entwicklungsabhängige Verschiebung des Nahrungsspektrums von carnivor zu herbivor. In dieser Studie untersuchten wir dies für die Gelbbauchschmuckschildkröte, Trachemys scripta, als ein Modell, um zu ergründen, ob juvenile Schildkröten ihr Leben als carnivor (Fleisch-, bzw. Insektenfresser) beginnen, weil es physiologische Bedingungen gibt, die verhindern, dass sie sich schon herbivor ernähren können. Dazu unternahmen wir Fütterungsversuche, wo juvenilen und adulten Schildkröten entweder Teichlinsen, Lemna valdiviana, oder Süßwassergarnele, Palaemontes paludosus für fünf Wochen verfüttert wurden. Während dieser Versuche wurde die aufgenommene Futtermenge bestimmt, und es wurde sowohl die Verdaubarkeit der jeweiligen Nahrung als auch die Aufnahmemenge in Abhängigkeit von der Verdaubarkeit für beide Altersstadien gemessen. Ebenso wurden die Zuwachsraten der Jungtiere ermittelt. Am Ende der Experimente wurden auch die Nahrungsbestandteile in den Jungtieren ermittelt. Junge Schildkröten die Süßwassergarnelen fraßen, wuchsen 3,2 mal schneller und enthielten ebenso viel mehr an Fetten (Lipiden) als solche die Teichlinsen bekommen hatten. Die Verdaubarkeit von Süßwassergarnelen war äußerst effizient in jungen Schildkröten (97 %) bei gleichzeitig höherer Menge an aufgenommener Nahrung pro Zeiteinheit im Vergleich zu Adulten. Die Jungschildkröten, die Teichlinsen fraßen, taten das genauso effizient wie die Adulten, allerdings war die Menge an aufgenommener Nahrung pro Zeiteinheit begrenzt (reduziert), wahrscheinlich, weil die Fermentation der pflanzlichen Nahrung mehr Zeit beansprucht. Wir schließen daraus, dass Jungschildkröten sehr wohl pflanzliche Nahrung verdauen können, aber mit tierischer Nahrung können sie wesentlich schneller wachsen, wobei das Größenwachstum für junge Schildkröten einen der wesentlichen Überlebensfaktoren darstellt, der auch Einfluss auf die spätere Reproduktionsrate hat.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese zweite Arbeit in einer Reihe (siehe Bouchard & Bjorndal 2005: Journal of Herpetology 39, 321; oder Zusammenfassung in Schildkröten im Fokus 1/2006) arbeitet klar heraus, dass für Trachemys scripta tierische Jugendkost klare Vorteile hat, die den Tieren ein schnelleres Wachstum erlauben, das ihnen Überlebensvorteile sichert. Ein Umstand, der auch für andere Wasser- bzw. Landschildkröten eine gewisse Relevanz hat (Sa et al. 2004, Brazilian Journal of Animal Science 33: (6, Suppl. 3) oder Abstract-Archiv: 2351-2358, O'Brien et al. 2005: Biol. Conservation 126, 141-145 oder Abstract-Archiv). Interessant war für mich, dass diese Arbeit auch zeigt, dass es dabei nach Auswertung der aufgenommen Nahrungsbestandteile weniger auf das Kalzium und die Mineralien aus dem Exoskelett und den Muskeln der Garnelen ankam, wie man ja schon seit längerem vermutet hat, sondern, dass allein der höhere Proteingehalt für das Wachstum der Jungschildkröten entscheidend war. Insofern könnte das bedeuten, dass Proteine, egal ob tierischer oder pflanzlicher Herkunft, es jungen Schildkrötenschlüpflingen generell erlauben, schneller zu wachsen. Da aus den oben genannten Arbeiten deutlich wird, dass schnelleres Wachstum sowohl für Wasser- als auch für Landschildkröten mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert ist, scheint proteinreichere Nahrung für Schlüpflinge eine wichtige Rolle zu spielen. Ein Befund, der zum Nach- und vielleicht auch zum Umdenken bei der Aufzucht von Jungtieren anregen sollte. Zumindest sollten sich aber die Ernährungsphysiologen unter den Veterinären dieser Fragestellung besonders annehmen, denn meiner Meinung nach sind diese Zusammenhänge insbesondere wenn sie in Bezug auf Wachstumsstörungen und Panzerdeformationen bezogen diskutiert werden, längst noch nicht so gut verstanden, wie man vielleicht glauben könnte, wenn man sich die zahlreichen „Experten-“ und „Pseudoexpertenmeinungen“ einmal ansieht, die zu diesem Thema im Internet, diversen Foren und Tagungen gehandelt werden. Zumindest die Zoos und Institutionen, die sich ernsthaft mit der Erhaltungszucht stark gefährdeter Arten befassen, werden es Ihnen zukünftig danken!

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