Bonnet, X., A. Golubović, D. Arsovski, S. Nikolić, J.-M. Ballouard, S. Bogoljub, R. Ajtic, C. Barbraud & L. Tomović (2016): A prison effect in a wild population: a scarcity of females induces homosexual behaviors in males. – Behavioral Ecology 27(4): 1206-1215; DOI: 10.1093/beheco/arw023.

Ein Gefangenschaftseffekt bei einer wildlebenden Population: Ein Mangel an Weibchen fördert homosexuelles Verhalten bei Männchen.

Eine hohe Häufigkeit von gleichgeschlechtlicher Interaktion (SSB) bei freilebenden Tieren stellt ein evolutionäres Puzzle dar, denn daraus lassen sich aus evolutionärer Sicht keine Vorteile erkennen. Zudem bleiben die physiologischen und genetischen Gründe für SSB im Dunkeln. Wir untersuchten hier ein außergewöhnliches „natürliches Experiment“ um die Auswirkungen der Umweltfaktoren (lokales Geschlechterverhältnis [SR]) und die Testosteron (T)–Spiegel für das Auftreten von SB innerhalb einer dichten Population von Griechischen Landschildkröten die für 7 Jahre überwacht wurde zu analysieren. Unter der Bedingung einer sehr hohen Populationsdichte und einem extrem verschobenen Geschlechterverhältnis (vergleichsweise 50 Weibchen auf mehr als 1000 Männchen) besteigen sich Männchen untereinander häufiger als sie sich mit Weibchen verpaaren. Sie zeigen sogar extravagantes Sexualverhalten wobei sie selbst mit toten männlichen Kadavern kopulieren ebenso wie mit leeren Schildkrötenpanzern oder Steinen. Die Testosteronspiegel lagen dabei im Rahmen der Normschwankungsbreite für die Art. SSB konnten wir bei anderen Populationen bei denen das Geschlechterverhältnis nicht einseitig oder nur schwach hin zu mehr Männchen verschoben ist und die keine so hohe Populationsdichte aufweisen nicht beobachten. Diese Studie berichtet über den ersten natürlichen „Gefängniseffekt“ bei dem die Kombination einer hohen Populationsdichte bei einem Mangel an Weibchen zur SSB führt um sich sexuell abzureagieren. Allgemein ausgedrückt unterstützen diese Beobachtungen die Hypothese, dass SSB eher als nichtadaptive Konsequenz in Folge von ungewöhnlichen vordergründigen Faktoren auftritt als das es sich dabei um eine physiologische (Krankheit) Abnormität handelt.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese Studie untersuchte eine Population auf einer kleinen Insel. Sowohl den einleitenden wie auch den Schlusssatz dieses Abstracts halte ich für gewagt, wenn nicht sogar für unzutreffend. Sexuelle Interaktionen gehören nun mal zum Sozialverhalten und solche Praktiken sind innerhalb von Geschlechtergruppen bei fast allen Tierarten zu beobachten, insbesondere bei jenen wo jahreszeitlich bedingt monogeschlechtliche Gruppenbildung dazu gehört (ein Beispiel: die Männchengruppen von Steinböcken). Der Vorteil für diese Sozialgemeinschaften ist wohl dabei klar im Aggressionsabbau zu sehen. Außerdem finde ich, dass die Autoren hier mit der Untersuchung der Testosteronspiegel mal wieder das falsche Hormon gemessen haben, denn solche Verhaltensweisen sind selten der Ausdruck unnormaler Geschlechtshormonspiegel. Viel interessanter aus meiner Sicht wäre die Untersuchung der Corticosteronspiegel bei Weibchen und Männchen gewesen. Denn die Frage die sich stellt ist doch warum das Geschlechterverhältnis so verschoben ist. Liegt es daran, dass die Temperaturverhältnisse auf der Insel Golem Grad so ungünstig sind, dass fast nur Männchen schlüpfen wie wir das für die Strahlenschildkrötenpopulation auf Reunion kennen? Oder liegt es daran, dass die Weibchen so gestresst sind, dass aufgrund überhöhter Stresshormonspiegel aus ihren Eiern fast ausschließlich Männchen schlüpfen? (Nämlich das Geschlecht das normalerweise abwandern würde). Sicher derzeit ist das Geschlechterverhältnis so, dass auch Weibchen aufgrund von zu vielen Paarungen und Kopulationsverletzungen wohl auch früher versterben, aber das Verhalten der Männchen zeigt ja gerade, dass sie sich auch untereinander bedrängen und vielleicht verletzen und dadurch dezimieren, wobei auch ihr Infektionsrisiko ansteigt, wenn sie selbst tote, verwesende Kadaver besteigen. Insgesamt alles vielleicht sogar „adaptive Verhaltensweisen“ die dazu beitragen die negativen Folgen für die Weibchen und damit auch für die Gesamtpopulation zu entschärfen. Wie gesagt auch der letzte Satz erscheint mir als Fehlinterpretation, denn der Verweis auf ein „nichtadaptives“ Verhalten ist wohl hier völlig fehl am Platz. Die Tiere verhalten sich bezüglich des Stressabbaus innerhalb dieser räumlich begrenzten Zwangsgemeinschaft normal und entsprechend der Sozialstruktur adaptiv angepasst, denn andernfalls wäre der Druck auf die Weibchen noch größer. Was mich dabei eher überrascht ist die Universalität solcher Verhaltensweisen, denn wir beobachten innerhalb eines phylogenetischen Kontextes auf jeder Stufe bis hinauf zu unserer eigenen Spezies solche Verhaltensweisen. Nicht umsonst haben die Autoren schon im Titel die Anspielung auf die Situation in Gefängnissen betont. Ein Umstand der zwar oft verschwiegen wird, aber dennoch gesundheitsrelevante Folgen hat.

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