Bondarenko, D. A. & E. A. Peregontsev (2012): [Results of Studying the Feeding of Central Asian Tortoise (Agrionemys horsfieldii)]. – ЗООЛОГИЧЕСКИЙ ЖУРНАЛ 91 (11): 1397–1410.

Ergebnisse der Studien zur Nahrungsaufnahme bei der zentralasiatischen Vierzehenschildkröte (Agrionemys horsfieldii).

Hier fassen wir die Daten zusammen, die bislang zur Nahrungsaufnahme bei Agrionemys horsfieldii in der Natur erarbeitet wurden. Die Nahrungszusammensetzung der Schildkröten umfasst 167 Pflanzenarten aus 42 Pflanzenfamilien. Den größten Anteil des Futters bilden ephemerale [kurzlebige (ein- bis zweijährige)] Pflanzen aus den Familien der Asteraceae, Brassicaceae, Lilialiaceae, Papaveraceaе, Fabaceae und Poaceae. Hierbei erfassten wir die Nahrungsressourcen der Schildkröten in verschiedenen Landschaftsformationen unter Berücksichtigung der Konkurrenz zwischen den Schildkröten und den herbivoren Säugetieren, und wir schildern ebenso Beobachtungen zum Fressen von Kleintieren und die Aufnahme giftiger Pflanzen. Unsere Auswertungen zeigen, dass Agrionemys horsfieldii eher zu den spezialisierten Herbivoren zu rechnen ist, da sie selektiv Pflanzen als Nahrung bevorzugt. Die Existenz stabiler Schildkrötenpopulationen sind vom Vorhandensein von einer Gruppe von Pflanzen abhängig, die man als Nahrungsgrundlage bezeichnen kann und zu der sowohl bevorzugte als auch als häufig zu bezeichnende Pflanzenarten zählen. Eine erhöhte Nahrungskonkurrenz zwischen Rindern und Schildkröten besteht, wenn überhaupt, dann nur im Frühjahr in den Gebieten mit den dichtesten Schildkrötenpopulationen. Es gibt keine Nahrungskonkurrenz zwischen wilden Huftieren und Schildkröten, da erstere nur in geringer Zahl vorkommen. Derzeit gibt es auch keine durch Agrionemys horsfieldii verursachte Schäden im Pflanzenanbau, da die Schildkröten auf bewässerten Flächen entfernt wurden und sie in den Gegenden mit relativ trockenem Farmland durch Absammeln sehr stark dezimiert sind.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Die Arbeit ist sicher, da in kyrillisch geschrieben, für die meisten schwer lesbar, aber sie enthält sehr ausführliche Futterpflanzenlisten mit den jeweiligen lateinischen Artnamen, sodass man sich hier durchaus informieren kann. Der eine oder andere mag ja auch ein entsprechendes Übersetzungsprogramm nutzen. Ebenso findet man Listen für die Tierfamilien, die als Nahrung genutzt werden. Insgesamt eine sehr umfangreiche, detaillierte Arbeit, die – wenn auch in etwas anderer Prioritätenreihung – Ähnliches zeigt, wie wir es für Testudo graeca kennen gelernt haben (z.B. Iftime & Iftime 2012). Hier fällt jedoch im Vergleich zu T. graeca auf, dass wesentlich mehr Arten aus den Gattungen der Asteraceae und Brassicaceae genutzt werden. Letzteres kann natürlich daran liegen, dass Arten aus diesen Gattungen in den Lebensräumen von T. horsfieldii häufiger verfügbar sind als zum Beispiel solche aus der Gattung Fabaceae (Schmetterlingsblütler). Also auch hier vielleicht ein Hinweis, dass eventuell Raps (Brassica napus) in der T.-horsfieldii-Haltung den natürlichen Nahrungsressourcen näher kommen würde als so manche Kleesorte. Siehe auch Kommentar zu Bondarenko & Dujsebayeva (2012). Wir sollten aber in Bezug auf T. horsfieldii nicht vergessen, dass diese Tiere in ihren Ursprungsbiotpen sehr lange Ruhephasen wie Aestivation und Hibernation einhalten. Also je nach Herkunft in der Regel nur 3–4 Monate aktiv sind. Dieser Umstand, der schon früher diskutiert wurde (siehe Kommentar zu Moran & Bjorndal 2007), führt dazu, dass diese Schildkröten in ihrer kurzen Aktivitätszeit ihre Jahresenergiebilanz (Details siehe Bidmon 2009) realisieren müssen und deshalb daran angepasst sind, in kurzer Zeit ihr Nahrungsangebot optimal und äußerst effizient zu nutzen, um nicht nur die für die Fortpflanzung und/oder das Wachstum eingesetzte Energie zu gewinnen, sondern auch um genug Energie für die Ruhephasen zu speichern, wobei gerade die warmen Aestivationsphasen mehr verbrauchen. Da im Schildkrötepanzer wenig Platz für transiente Fettspeicher existiert, wird bei dieser Art aus wissenschaftlicher Sicht immer deutlicher, dass T. horsfieldii die Energie wohl verstärkt in der Leber speichert, was dazu führt, dass diese Art zu jenen Spezies zählt, die eine so genannte physiologische (normale) Fettleber als aktiven Energiespeicher zum Ende der Aktivitätszeit ausbilden (Hier sollte auch nicht vergessen werden, dass bei der Fettverbrennung Wasser frei wird, etwas das gerade während der Trockenruhe von Vorteil ist). Daraus ergeben sich zu ihrer zentralasiatischen Heimat für die Haltung in Mitteleuropa einige Probleme. Denn da ein deutscher Sommer etwa 6–7 Monate andauert, nehmen sie, wenn sie in dieser Zeit aktiv sind, mehr Nahrung auf und speichern zu viel Energie, zumindest als Adulti. Lediglich noch schnell wachsende Jungtiere können diese überschüssige Energie meist in Wachstum stecken, das natürlich auch schneller erfolgt (siehe Kommentar zu Ritz et al. 2009). Zudem machen die T. horsfieldii hier meist nur eine Hibernationsperiode durch, die vergleichsweise kurz ist oder von vielen Haltern kurz gehalten wird. Wenn diese Hibernation bei wirklich kühlen Temperaturen abläuft, verbrauchen sie auch nur wenig der gespeicherten Energie, da ja hier der Hibernation im Gegensatz zu ihren Heimathabitat keine Aestivation vorgeschaltet war. Letzteres führt natürlich dazu, dass sich gerade solche Spezies in Deutschland eigentlich immer in einem Energieüberschuss befinden. Dennoch wäre jetzt der Schluss falsch, diese Tiere muss man schon hungern lassen, während sie aktiv sind, weil Hunger eben auch dazu führt, dass Nahrungsbestandteile fehlen, wie manche Vitamine, die sich nicht so speichern lassen wie etwa Lipide (Fette). Dennoch werden aber auch solche Substanzen z. B. für das Immunsystem während der Aktivitätsphase gebraucht und deshalb können sich die Schildkröten diesen Mangel auch nicht wirklich leisten. Sie sehen, um solche Arten wirklich artgerecht ihrer Physiologie entsprechend zu versorgen, gibt es einiges zu bedenken, und wir können uns eigentlich glücklich schätzen, dass die Tiere doch so robust und anpassungsfähig sind, dass nicht gleich jeder Versorgungsfehler unsererseits bestraft wird und zu ihrem Tod führt. Dennoch sollten wir uns bemühen, diese Fakten in der Haltung zu berücksichtigen, denn es kommt ja auch nicht von ungefähr, wenn laut der Schätzungen von Lee & Smith (2009) von den 1.860.000 in die USA eingeführten T. horsfieldii nur etwa 1–2 % bis 2009 überlebt hatten.

Literatur

Bidmon, H.-J. (2009): Ernährungsgrundlagen und Darmpassagezeiten bei herbivoren Landschildkröten – oder wie selektierende Nahrungsgeneralisten auch unter extremen Bedingungen überleben: Eine Übersicht. – Schildkröten im Fokus, Bergheim 6 (1): 3–26.

Bondarenko, D. A. & Т. N. Dujsebayeva (2012): [Central Asian Turtle, Agrionemys horsfieldii (Gray, 1844), in Kazakhstan (Its Distribution, Habitat Division, and Population Density)]. – СОВРЕМЕННАЯ ГЕРПЕТОЛОГИЯ. 12(1/2): С 3–26 oder Abstract-Archiv.

Iftime, A. & O. Iftime (2012): Long term observations on the alimentation of wild Eastern Greek Tortoises Testudo graeca ibera (Reptilia: Testudines: Testudinidae) in Dobrogea, Romania. – Acta Herpetologica 7: 105–110 oder Abstract-Archiv.

Lee, D. S & K. Smith (2010): Testudostan: Our post-cold war global exploitation of a noble tortoise. – Bulletin of the Chicago Herpetological Society 45: 1–9 oder Abstract-Archiv.

Moran, K. L. & K. A. Bjorndal (2007): Simulated green turtle grazing affects nutrient composition of the seagrass Thalassia testudinum. – Marine Biology 150 (6): 1083–1092 oder Abstract-Archiv.

Ritz, J., C. Hammer & M. Clauss (2009): Body size development of captive and free-ranging leopard tortoises (Geochelone pardalis). – Zoo Biology, 29 (4): 517–525 oder Abstract-Archiv.

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