Bondarenko, D. A., E. A. Peregontsev & G. B. Mukhtar (2008): Current state of the steppe tortoise (Agrionemys horsfieldii Gray, 1844) populations in landscapes of southern Kazakhstan. – Russian Journal of Ecology, 39: 210-214.

Der aktuelle Status der Steppenschildkröten (Agrionemys horsfieldii Gray, 1844) Populationen in den Landschaften des südlichen Kasachstan

Diese Arbeit hat kein Abstract deshalb hier eine Zusammenfassung der wesentlichen Aspekte.

Die Autoren leiten ihre Arbeit mit der Zusammenfassung der Befunde über die verschiedenen Populationserhebungen für die Steppenschildkröte ein und stellen fest, dass es für Kasachstan selbst kaum Daten gibt, obgleich sich ein großer Teil ihres Verbreitungsgebiets dort befindet. Hier wurden Steppenschildkröten insbesondere zwischen den Jahren 1970 bis 1990 für den Wildtierhandel offiziell gesammelt, wobei der Großteil der Tiere im Bereich des Arys-Massivs gesammelt worden war. Die letzten Erhebungen aus den Gebieten, in denen Schildkröten abgesammelt wurden, liegen 20 Jahre zurück. Die Autoren haben deshalb eine neue Bestandserhebung im Frühjahr 2003 und 2005 durchgeführt. Im Weiteren werden die Erhebungsmethodik (Transsektmethode) mit der eine Strecke (Transektlänge) von 73,3 km gewählt worden war geschildert. Zusätzlich werden die zur Auswertung und für die Hochrechnungen verwendeten mathematischen Formeln erläutert, und es werden die verschieden Landschaften entlang der Erhebungsstrecken beschrieben, Berghänge, Expositionen, Bodenzusammensetzung (Lehm, Sand, Geröll etc.). Die Ergebnisse zeigen, dass die Schildkröten nicht einheitlich im Gebiet verteilt vorkommen, und es je nach Bodenbeschaffenheit und Boden-Pflanzen-Bedeckung Einzelvorkommen gibt, was insbesondere auf das Arys-Massiv zutrifft. Zudem hängen das Vorkommen und die Vorkommenshäufigkeit auch heute noch von der langjährigen Sammelaktivität ab. Somit ergaben sich in Bezug auf die Populationsdichten große Unterschiede mit Spitzenwerten von 29,3 Individuen pro Hektar meist in gut bewachsen Bachtälern und Minimalwerten von 1,1 Individuen pro Hektar auf den Hochlandebenen. Die Daten entsprechen also jenen, die vor 20 Jahren erhoben wurden, während der Zeit, in der gesammelt wurde und für die Dichten zwischen 1,6 Individuen/ha und 26,5 Individuen/ha ermittelt worden waren. Ein direkter Vergleich war nicht möglich, da damals die Einzelstandorte der Erhebungen innerhalb des Arys-Massivs nicht aufgeführt wurden und die legalen Sammelaktivitäten noch bis über 13 Jahre nach der Erhebung angedauert haben. Die deutlichsten Auswirkungen, die durch das Absammeln bedingt waren, zeigten sich in der Veränderung der Altersstruktur, wobei Tiere, die jünger als 15 Jahre waren, oft fehlten und in deutlichen Verschiebungen im Geschlechterverhältnis. In Gebieten, in denen abgesammelt worden war, lag das Geschlechterverhältnis oft bei 1:2.5, was daran liegt, dass die legalen Sammler meist Tiere mit einer Carapaxlänge von 10-12 cm sammelten, während die illegalen Sammler meistens noch kleinere Schildkröten sammelten und somit die kleineren Männchen verstärkt aus den Populationen entnommen wurden. In der aktuellen Erhebung wurden im von den Sammelaktionen stark betroffenen Arys-Massiv 2-21 % subadulte Schildkröten gefunden.
Im Gebiet des Alas Flusstales, in dem nie gesammelt worden war, lag das Geschlechterverhältnis bei den adulten Schildkröten bei 1:1, und der Anteil der subadulten Schildkröten machte 32,5 % der Gesamtpopulation aus. Im Arys-Turkestan-Tiefland bis zum Syr Darya Fluss lag die Populationsdichte bei 1,0 Individuen/ha. In der bergigen Landschaft des Karatau-Kamms lag die Dichte bei 0-0,4 Individuen/ha, während sie nördlich des Karatau-Kamms im Talas-Flusstal bei 12 Individuen/ha lag. In diesem Gebiet konzentrierten sich die Schildkröten auf Bereiche, die mit den Pflanzen Astragalus spec., Trigonella orthoceras, Koelpinia linearis und Dodartia orientalis überwachsen waren, die auch den Hauptteil ihrer Nahrung ausmachten. Auf Schotter und Geröllflächen im Talastal sank die Dichte auf 1-3.4 Individuen/ha. Am Fuße des Kyrgyz-Kamms nahe der Stadt Akyrtobe konnte die frühere dichte Population, die für die Jahre 1978 und 1981 beschrieben worden war, nicht mehr bestätigt werden. Zusammenfassend stellen die Autoren fest, dass sich in den meisten Gebieten die Abundanz (Vorkommenshäufigkeit) nicht sehr von der vor 20 Jahren durchgeführten Erhebung unterscheidet, dass es aber in den Gebieten, in denen gesammelt worden war, zu einer deutlichen Verschiebung bezüglich der Altersstruktur und des Geschlechterverhältnisses gekommen ist, was in den vergangen neun Jahren seit den letzten legalen Sammelaktionen nicht ausgeglichen werden konnte.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Diese detaillierte Untersuchung macht zwei Dinge deutlich, zum Einen, dass auch relativ langlebige Spezies durchaus in der Lage sind, über längere Zeiträume Populationsrückgänge auszugleichen. Dass es aber zu je nach der Zielsetzung der Sammelaktionen zu lang andauernden Verschiebungen in der Altersstruktur und im Geschlechterverhältnis kommt. Ein Umstand, der auch für andere Populationen von Schildkröten bekannt ist. Hier wurde fast ausschließlich für den Tierhandel gesammelt, wobei sich die Sammler auf eine bestimmte Größenklasse konzentrierten, nämlich kleine Individuen, wobei die kleiner bleibenden Männchen häufiger betroffen waren. Allerdings, da trotz des Vorhandenseins großer adulter Weibchen in den Gebieten, in denen früher offiziell und auch illegal gesammelt wurde, immer deutlich weniger Jungtiere gefunden werden als in den intakten Populationen, wo deren Anteil fast einem Drittel entspricht, muss man davon ausgehen, dass Jungschildkröten auch heute noch illegal gesammelt werden, denn sonst müsste ihr Anteil an den betroffenen Gesamtpopulationen eher zugenommen haben. Das lässt den Schluss zu, dass sicher nicht alle A. horsfieldii, die als Farmnachzuchten exportiert werden, auch wirklich aus Zuchtfarmen stammen. In Regionen, wo Schildkröten zum Verzehr gesammelt werden, ergibt sich oft ein anderes Bild, denn dort wird meist das größer werdende Geschlecht bevorzugt, oder man sammelt gezielt Weibchen wegen der dotter- und energiereicheren Eierstöcke sowie der Leber z. B. G. radiata, G. platynota etc. (siehe O'Brien, S., E. R. Emahalala, V. Beard, R. M. Rakotondrainy, A. Reid, V. Raharisoa & T. Coulson (2003): Decline of the Madagascar radiated tortoise Geochelone radiata due to overexploitation. – Oryx, 37 (3): 338-343 oder Abstract-Archiv, Platt, S. G., W. K. Ko, L. L. Khiang, K. M. Myo, T. Swe, T. Lwin & T. R. Rainwater (2003): Population status and conservation of the critically endangered Burmese star tortoise Geochelone platynota in central Myanmar. – Oryx 37: 464-471 oder SiF 1(3) 2004; Pedrono, M. (2008): The tortoises and turtles of madagascar. – Borneo (Natural History Publication), 147 S.). Dort, wo sich echte Zuchtfarmen angesiedelt haben, ergibt sich oft wieder ein anderes Bild, bei dem das Geschlechterverhältnis stark zugunsten der Männchen verschoben ist, und wo in der Altersstruktur die älteren, adulten Altersklassen fehlen, weil dort gerade die meisten der großen adulten Weibchen gezielt zu Zuchtzwecken entnommen werden. Welch verheerende Folgen das haben kann, ist klar, wenn man die Arbeit von O'Brien et al. aufmerksam gelesen hat, und ob solche Populationen, dann noch das Regenerationspotential besitzen, das hier für A. horsfieldii aufgezeigt wurde, bleibt zu bezweifeln. (Siehe auch: Znari, M., D. J. Germano & J. C. Mace (2005): Growth and population structure of the Moorish Tortoise (Testudo graeca graeca) in Westcentral Morocco: possible effects of over-collecting for the tourist trade. – Journal of Arid Environments 62 (1): 55-74 oder Abstract-Archiv). Zum Schluss möchte ich nochmals daran erinnern, dass auch bei der Steppenschildkröte die höchsten Populationsdichten in den ungestörten Populationen, die in vegetationsreichen und damit nahrungsreicheren Biotopen leben, bei knapp unter 30 Individuen pro Hektar liegen, also in etwa 1,0 bis 1,2 Individuen pro 400 m2, und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis von 1:1 aufweisen (siehe dazu Loy, A., V. Ramacciato, F. Gentilotti & M. Capula (2007): Demography of Eurotestudo hermanni in a mesic area of Central Italy. – Amphibia-Reptilia 28: 87-95 oder Abstract-Archiv). Sicher angesichts dieser nun nicht mehr zu verleugnenden Befunde aus den natürlichen Biotopen wird mancher geneigt sein, kritisch anzumerken, dass sich Schildkröten nie gleichmäßig und homogen auf einer Fläche verteilen, sondern sich in bestimmten Mikrohabitaten ansammeln und deshalb eine Angabe wie ein Tier pro 400 m2 wenig über die Realität aussagt. Dabei sollte man aber auch bedenken, dass die nicht ständig genutzten Ausweichflächen eben auch zu einem intakten Habitat und Lebensraum dazugehören und den Tieren auch die entsprechende langfristige Nahrungsgrundlage sichern. Sie versammeln sich doch mit ihren Kindern z. B. auch zum Essen im Esszimmer und zu gemeinsamen familiären Aktivitäten im Wohnzimmer, und trotzdem möchte kein Familienmitglied auf seine individuelle Ausweichmöglichkeit, sprich sein eigenes Zimmer verzichten. Wem das immer noch nicht klar ist, der sollte die Bedeutung von Ausweichmöglichkeiten mal mit einem Sozioökologen oder noch besser mit einem Psychologen diskutieren.

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