Boero, F. (2010): The Study of Species in the Era of Biodiversity – A Tale of Stupidity. – Diversity (2): 115-126.

Das Studium der Arten in der Biodiversitätsära: Eine Geschichte von Dummheit.

Forschungsrichtlinien die basierend auf dem Abkommen für Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity) initiiert wurden stellten große Summen an Geld für die Erforschung der Biodiversität zur Verfügung. Dieses Geld war hauptsächlich für Projekte bestimmt, die das Ziel verfolgen die Taxonomie durch Information und Technologie zu unterstützen oder „moderne“, z.B. molekularbiologischer Ansätze für taxonomische Studien zu entwickeln. Die traditionelle Taxonomie wurde dabei weitestgehend vernachlässigt und geriet zunehmend weltweit ins Abseits. Hier wird dafür plädiert, dass sowohl neue wie traditionelle Wege der Biodiversitätsforschung essentiell sind und dass es ein Fehler war die traditionell auf Phänotypen basierte Taxonomie in der modernen Biodiversitätsära zu vernachlässigen. Diese Fehlentwicklung ist das Ergebnis einer wenig vorausschauenden Politik die hauptsächlich von einigen Vertretern aus der Gemeinschaft der Wissenschaftler mit dem Ziel gefördert wurde, den größten Teil der zur Biodiversitätsforschung bereitgestellten Mittel zu Ihrem Vorteil zu nutzen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Der Jahresbeginn sollte ein Anlass sein inne zu halten und sich ein paar Gedanken darüber zu machen, ob alles richtig ist wie wir es erleben und wie es uns von Wissenschaftlern und Politikern vorgesetzt wird. Warum? Weil beide Berufsgruppen von unseren Steuergeldern leben und einen guten Anteil davon für ihr Tun verbrauchen. Im Bezug auf Natur- und Artenschutz kommt für viele privat engagierte noch eine emotionale, persönliche Komponente dazu.

Ich stimme dem Autor in Bezug auf die Forderung die klassische Systematik nicht zu vernachlässigen durchaus zu, nicht aber dass daran allein der zu bemängelnde unsachgemäße Gebrauch des Impactfaktors, Unterbewertung von Monographien oder die Verlagerung der klassischen Systematik weg von den Universitäten und in die Museen schuld sein soll. Es ist menschlich neuen Methoden mehr zu zutrauen als alten, wir versprechen uns davon neue Einblicke. Jede Epoche hat ihre Methoden, was gut ist wie ich finde. Denn hätten wir zum Beispiel in klassische Methoden investiert, statt das „Human Genome Project“ zu finanzieren wüssten wir heute nicht, dass Gene allein nicht jeden Phänotyp erklären können. Insofern hat diese neue Molekulargenetik zwar sehr viele Ressourcen verbraucht, die klassische Systematik, Physiologie und Biochemie jedoch bereichert. Wir lernen wie RNA's zur Ausprägung eines Phänotyps beitragen und gewinnen erste Einblicke in epigenetische Vorgänge und die Wirkungsmöglichkeiten von so genannten kryptischen Genen die im Erbgut noch vorliegen und im Zuge von Umweltveränderungen in Form von Anpassungsmechanismen wieder reaktiviert werden können.

Neue Methoden muss man nutzen und wie die Erfahrung lehrt mit den klassischen Methoden kombinieren, denn nicht zuletzt waren es ja die klassischen Methoden die Erkenntnisse lieferten die neue Fragen aufwarfen, die man mit den neuen Methoden zu beantworten hoffte.

Es gibt auch heute durchaus Wissenschaftler die klassische Methoden so einsetzen dass dafür hohe Fördergelder fließen.

Letztendlich sollten wir begreifen, dass wir effiziente Möglichkeiten finden müssen Biodiversität und ihren Sinn zu verstehen, deshalb würde ich fordern Gelder für entsprechende Lehrstühle für biologische Philosophie, Umweltphilosophie oder in eine experimentell, theoretische Biodiversitätsforschung zu investieren, denn wir müssen ja heute schon auf mögliche Umweltprobleme, die sich zukünftig aus Veränderungen ergeben sinnvoll reagieren. Ich halte es für illusorisch, wenig praktikabel und unfinanzierbar eine systematische Inventarisierung des Globus nach klassischem Muster anzustreben.

Zu meiner Studienzeit lernte man, dass noch 99% Bodenbakterien unbekannt sind und daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Trotzdem betreiben wir seit einem Jahrhundert eine moderne Agrarwirtschaft, die auf diese Bodenmikroben Auswirkungen hat. Zu behaupten wir müssten erst alle Zusammenhänge kennen ehe wir handeln können war von jeher ein Wunschdenken, dass durch die Populationsdynamik des Menschen ad absurdum geführt wurde, weil der Platzverbrauch und die Notwendigkeit einer effizienten Ernährung immer schneller und dringlicher waren als jegliche wissenschaftliche Entwicklung und Inventarisierung.

Insofern ist es wohl rein aus Zeitgründen eher die Etablierung von Modellen zum Verständnis und zur Abschätzung von möglichen Folgen einer Biodiversitätsverschiebung oder Veränderung die uns noch zeitnah weiterbringen können, als das Warten auf möglichst vollständige Inventarlisten, die sich dann auch noch sehr schnell verändern. Als Beispiel werden in Australien derzeit durch Hochwasser quasi übernacht die geographischen Grenzen zwischen über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende getrennten Flusssystemen aufgehoben. Ich möchte fast wetten, dass es nicht all zulange dauern dürfte bis Jemand wieder ein paar auf natürliche Weise entstandene Schildkrötenhybriden aus Arten die man gerade jüngst für jedes Flusssytem als eigenständige Art beschrieben hatte findet. Ja vielleicht geht so manche Art in so mancher neuen „Hybridart“ auf. Denken sie mal darüber nach wie oft sich so etwas in der Erdgeschichte schon ereignet haben mag.

Letztendlich sollten wir erkennen, dass wir es selbst sind, die mit unserem Wertesystem und unserer Moral so handeln, dass sich Sachverhalte so entwickeln wie wir sie sehen oder sehen wollen. Es würde als unmoralisch und unzumutbar empfunden, nach den als so wichtig erachteten Erkenntnissen zu handeln. Oder würden sie wenn sie der Meinung wären zuviel Treibhausgase treiben uns in eine ökologische Katastrophe dafür plädieren jeglichen privaten Auto- und Flugverkehr nur noch per Ausnahmegenehmigung und nicht mehr für jedermann zu erlauben? Vor solchen Hintergründen und Arbeitsplatzargumenten platzt so mancher Kompromiss mit schöner Regelmäßigkeit bei fast jedem Klimagipfel. Ich für meinen Teil halte es auf alle Fälle für sinnvoller Mittel zur Erarbeitung von Modellen zum Verständnis biologischer und ökologischer Prozessabläufe zu erarbeiten, die zeigen wie wichtig oder welchen Stellenwert Biodiversität hat. Das ist zeitnah finanzier- und umsetzbar. Letzteres ist letztendlich auch für den Natur- und Artenschutz sinnvoll, weil ich fest davon ausgehe, dass Vielfalt ungeachtet seiner einzelnen Komponenten das funktionelle Grundprinzip belebter Materie ist, weil nur diese Vielfalt das Potential zur Veränderung im Sinne von Umweltanpassung gewährleisten kann. Vor diesem Konzept hätten wir dann auch die Berechtigung konsequenten Artenschutz zu betreiben auch für Arten die weder beschrieben, noch im Bezug auf ihre Bedeutung für das Ökosystem verstanden sind. Zudem sollten wir vor einer falschen Biodiversität warnen, denn es bringt uns nicht weiter, wenn wir jeder lokalen Phänotypausprägung einen eigenen Artstatus zu schreiben. Auch die Menschen und ihre ethnischen Gruppen lassen sich dem Phänotyp nach unterscheiden. 2010, wurde beispielsweise ein zweites menschliches Genom für den afrikanischen Kontinent beschrieben. Trotzdem sprechen wir nicht von zwei Arten und ich persönlich bin froh, dass etwa zeitgleich entdeckt wurde, dass noch Gene des Neandertalers in uns stecken (Green et al., 2010, siehe auch Anmerkung zu TURKOZAN et al. 2010), denn das dürfte es zumindest bestimmten Politikern etwas erschweren gesellschaftlich trennende Barrieren im Sinne eines neuen Rassismus zu propagieren. Als humane Hybridspezies waren wir in erdgeschichtlich jüngster Zeit trotz allem recht erfolgreich und wir sollten lieber diesen Erfolg sehen als danach zu suchen wie wir ihn durch Aufspaltung und Abgrenzung zunichte machen. Insofern sollten wir als Biologen angemessen mit der Zuweisung eines Artstatus umgehen, denn je enger wir diese wissenschaftlich angeblich geltenden Abgrenzungskriterien ziehen desto eher liefern wir Abgrenzungskriterien für jene die sie politisch missbrauchen.
Gedanken darüber muss sich eine verantwortungsvolle Politik sowieso machen, denn auch die Forderung nach einer modernen auf das Individuum abgestimmten Medizin und die damit verbunden molekulargenetischen Charakterisierungen werden zwangsweise so tief greifend sein, dass wir Unterschieds – und Diversitätsprofile für bestimmte Gruppen, Familien etc. vorliegen haben die missbraucht werden könnten.

Es spielt kaum eine Rolle, ob dabei moderne oder klassische Systematik betrieben wird, denn zwischen Grissly und Eisbär hat die klassische Systematik weit mehr an Unterschieden zu bieten als die Molekulare. Sie sehen in der Natur sind die Grenzen fließend und wertfrei. Unser Problem sind wie immer wir selbst und unsere Wertung und Moral. Sollte es nicht zur Freiheit des Individuums gehören sich davon als abstrakt denkender Mensch frei zumachen? Nein, das können wir nicht – denn überspitzt ausgedrückt – wer will schon einen „eignen Freien-Willen“ zum Preis eines Kaspar Hauser-Syndroms? Was bleibt ist ein abstraktes Verständnis dessen was wir zum Wohle von uns erhalten und schützen wollen. Da wir nie die Zeit haben alles das was sich auch noch im laufe der Zeit verändert zu inventarisieren sind wir auf hilfreiche Modelle angewiesen, selbst dann, wenn die von so genannten Servicedienstleistern im Sinne der klassischen Systematik erstellt werden sollten. Der Erkenntnisstand in der Biologie und der Medizin war immer und in jeder Epoche abhängig von technischen Errungenschaften aus anderen Fachgebieten wie Physik, Chemie und neuerdings Elektrotechnik und Informatik. Es gäbe keine Elektrophysiologie oder Röntgendiagnostik, Computertomographie, Ultraschall oder Endoskopie (auch zur Geschlechtsbestimmung bei Schildkröten) ohne die Errungenschaften der Physiker. Sicher als „beschränkter“ Biologe kann ich sagen alles Hilfswissenschaften im Sinne der Biomedizin, aber letztendlich muss auch der klassische Museumssystematiker zugeben, dass die Lupe ohne die er die kleinen so artspezifisch angeordneten Schuppen gar nicht sehen könnte nur von Biologen benutzt wird, nicht aber von ihnen erfunden und gebaut wurde. Liebe Leser damit sind wir fast wieder am Ausgangspunkt dessen was die obige Arbeit aus der Sicht eines klassischen Systematikers kritisch betrachtet. Vielleicht erkennen Sie ja auch den gesellschaftlichen und ökonomischen Zündstoff der sich selbst in so doch eher am gesellschaftlichen Rande geführten wissenschaftlichen Disputen verbirgt und dass es sich durchaus auch für jeden von uns als Steuerzahler und Finanzierer solchen Tuns lohnt darüber nachzudenken, denn nur das kann dazu beitragen, dass vielleicht auch mal jemand einen wirklich gesamtgesellschaftlich, innovativen Vorschlag zur Herangehensweise ersinnt.

In diesem Sinne allen Lesern ein frohes, gesundes und interessantes 2011.

Literatur

Green R. E., Krause J., Briggs A. W., Maricic T., Stenzel U., Kircher M., Patterson N., Li H., Zhai W., Fritz M. H., Hansen N. F., Durand E. Y., Malaspinas A. S., Jensen J. D., Marques-Bonet T., Alkan C., Prüfer K., Meyer M., Burbano H. A., Good J. M., Schultz R., Aximu-Petri A., Butthof A., Höber B., Höffner B., Siegemund M., Weihmann A., Nusbaum C., Lander E. S., Russ C., Novod N., Affourtit J., Egholm M., Verna C., Rudan P., Brajkovic D., Kucan Z., Gusic I., Doronichev V. B., Golovanova L. V., Lalueza-Fox C., de la Rasilla M., Fortea J., Rosas A., Schmitz R. W., Johnson P. L., Eichler E. E., Falush D., Birney E., Mullikin J. C., Slatkin M., Nielsen R., Kelso J., Lachmann M., Reich D. & S. Pääbo (2010) A draft sequence of the Neandertal genome. Science; 328(5979): 710-722.

Turkozan, O., F. Kiremit, J. F. Parham, K. Olgun & E. Taskavak (2010): A quantitative reassessment of morphology-based taxonomic schemes for Turkish tortoises (Testudo graeca). – Amphibia-Reptilia 31 (1): 69-83 oder Abstract-Archiv.

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