Bertolero, A., D. Oro, & A. Besnard (2007): Assessing the efficacy of reintroduction programmes by modelling adult survival: the example of Hermann's tortoise. – Animal Conservation 10 (3): 360-368.

Erhebung der Effizienz von Wiederansiedlungsprogrammen durch Modellierung der Überlebensrate der Adulti: Das Beispiel Westliche Griechische Landschildkröte

Obwohl Wiederansiedlungsprogramme häufig benutzt werden, um Tierpopulationen zu erhalten, wird in diesen Projekten selten die Langzeit-Überlebensfähigkeit der ausgesetzten Tiere erfasst. Zusätzlich werden oft mehrere Aussetzungsaktionen im gleichen Gebiet durchgeführt, und nur wenig ist darüber bekannt, wie es um das Überleben der später ausgesetzten Tiere steht, oder wie ihre Überlebenschancen durch die schon vorhandenen Individuen und der Populationsdichte beeinflusst werden. Hier benutzten wir das „Multi-state capture-recapture modelling“ (wobei die Informationen von Wiederauffindung und die Anzahl wieder gefundener Individuen kombiniert werden), um das Überleben der Individuen von zwei Ansiedlungsaktionen, die im Abstand von 10 Jahren im Ebro Delta erfolgten, für 18 Jahre zu analysieren. Wir testeten auch, ob die ausgesetzten Tiere eine erniedrigte Überlebensrate zeigten (Aussetzungsverluste), bevor sie sich in der Landschaft zurechtfanden und eingelebt hatten. Obwohl wir eine harte Ansiedlungsmethode benutzten, bei der die beiden Gruppen keine kurze, geschützte Eingewöhnungsphase zur Verfügung hatten, zeigte sich für keine Gruppe eine kurzfristige Abnahme der Überlebensrate direkt nach der Ansiedlung. Die jährliche Überlebensrate war bei beiden Gruppen unterschiedlich, war aber nicht negativ beeinflusst von dichte-abhängigen Faktoren. Die jährliche Überlebensrate der ersten Gruppe von Schildkröten war konstant und lag sehr hoch (0,945, SE=0,011), und verhielt sich ähnlich zu jener, die für mehrere natürliche Populationen angegeben waren. Die Anwesenheit eines Beutegreifers im Jahr vor dem Auswildern der zweiten Gruppe senkte die Überlebensrate der schon vorhandenen Schildkröten drastisch (0,819, SE=0,073). Überraschend war dennoch, dass die Überlebensrate der zweiten Gruppe während der ersten Jahre deutlich niedriger als für die erste Gruppe lag (0,775, SE=0,049). Obwohl die Überlebensrate für die erste Gruppe vermuten ließ, dass die Habitatqualität hoch war, schien es der zweiten Gruppe schwerer zu fallen, sich zu akklimatisieren und in die neue Umgebung einzuleben, was möglicherweise auf die Präsenz der schon vorhandenen Schildkröten zurückzuführen ist. Ausgehend von Managementüberlegungen sind Wiederansiedlungsprogramme für die Westliche Griechische Landschildkröte eine erfolgreiche Strategie für deren Bestandserholung. Trotzdem sollte man darauf achten, folgende Punkte zu vermeiden: i. die Ansiedlung neuer Schildkröten im Zentrum einer schon gut etablierten Population und ii. Areale mit einer hohen Prädatorendichte zu wählen, die das Überleben der Neulinge gefährdet, insbesondere dann, wenn die Individuenzahl der ausgesetzten Tiere klein ist.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Eine durchaus sinnvolle Untersuchung, die das zu bestätigen scheint, was man bislang für solche Vorgehensweisen beobachtet hat, nämlich dass die erste Gruppe es leichter hat, einen Lebensraum neu zu besiedeln, der über Jahre frei von diesen Tieren war. Denn somit fehlen artspezifische Beutegreifer oder artspezifische Jagdmethoden vorhandener Beutegreifer häufig zu Beginn, da die potentiellen Beutegreifer sich auf das neue Nahrungsangebot noch nicht eingestellt haben. Gleiches gilt auch für Parasiten und andere Krankheitserreger (s. Kommentar zu Spinks & Shaffer (2007): Conservation phylogenetics of the Asian box turtles (Geoemydidae, Cuora): mitochondrial introgression, numts, and inferences from multiple nuclear loci. – Conservation Genetics 8 (3): 641-657 oder Abstract-Archiv). Zweitens sagen vorhandene gut adaptierte Tiere nur bedingt etwas über die Gesamthabitatqualität aus, denn die gut angepassten Tiere besiedeln innerhalb des Gesamthabitats die für sie optimalen Mikrohabitate. In jedem Gebiet ist die Anzahl solcher Mikrohabitate aber begrenzt (z. B. die Anzahl von Riesengürteltierhöhlen für bestimmte Populationen der Köhlerschildkröte. S. Vinke & Vinke (2003): Eine ungewöhnliche Überlebensstrategie der Köhlerschildkröte Geochelone carbonaria im Chaco Boreal von Paraguay. – Radiata 3/2003), so dass Tiere, die neu in ein schon besiedeltes Gebiet kommen, eben nur noch eine begrenzte Anzahl solcher Optimalhabitate vorfinden oder darum mit den schon ansässigen Individuen konkurrieren müssen. Hier wird auch oft aus medienwirksamen Interessen von Naturschutzverbänden ein Denkfehler begangen, wenn in bestimmten Biotopen Schutzmaßnahmen für bestimmte Arten durchgeführt werden. Denn meist wird der Erfolg solcher Maßnahmen durch eine jährliche Steigerung der Anzahl schützenswerter Individuen proklamiert. Stagniert die Individuenzahl wird wieder nach Möglichkeiten gesucht, sie zu steigern, um die Erfolgsmeldungen für die Spender und Geldgeber aufrecht zu erhalten. Mir ist aber bislang für kaum eines dieser Schutzprojekte bekannt, dass man einmal eine wirklich synökologische Analyse durchgeführt hätte, die zeigt, wie viele schützenswerte Individuen ein bestimmter Lebensraum überhaupt beherbergen oder optimal versorgen kann, denn dazu muss ja, um nur einen wesentlichen Faktor zu nennen, auch genug Nahrung im Ökosystem vorhanden sein. So banal es klingen mag, jede Mücke, die heute im Straßenverkehr an einer Windschutzscheibe zerplatzt und vertrocknet, steht als Nahrung für bestimmte Raubwespen, Spinnen, Amphibien, Reptilien oder Vögel nicht mehr zur Verfügung. Wenn heute Ökologen berechnen, dass sich die Zahl der im Straßenverkehr umkommenden Insekten auf Tausende von Tonnen pro Jahr belaufen, kann sich jeder leicht vorstellen, was da an Biomasse (Energie) in bestimmten ökologischen Nahrungsketten und Systemen fehlen mag. Gleiches gilt auch für die Meere! Trullas et al. (2006): Energetics during hatchling dispersal of the olive ridley turtle Lepidochelys olivacea using doubly labeled water. – Physiological and Biochemical Zoology 79 (2): 389-399 oder Abstract-Archiv; Saenz-Arroyo et al. (2006): The value of evidence about past abundance: marine fauna of the Gulf of California through the eyes of 16th to 19th century travellers. - Fish and Fisheries 7(2): 128-146 oder Abstract-Archiv.
Erlauben Sie mir etwas Gesellschaftskritik: Wir reden zwar oft über und unsere Medien benutzen auch häufig den Begriff „global players“ und wir bezeichnen damit meist Wirtschaftskonzerne oder Aktienfonds und deren Auswirkungen auf unser Gemeinwesen, aber im Grunde genommen sind das nur kleine Nebenschauplätze, denn die wirklich entscheidenden „Global Player“ sind die weltweiten Energieflüsse, deren Veränderungen und Störungen hatten und haben auch weiterhin die bedeutendsten Auswirkungen auf unsere Lebensqualität und unser Überleben. Dass es dabei nicht nur um knapper werdende Kohle, Gas und Erdölreserven geht, sollte auch klar sein. Wie die Archäologie zeigte, brachte das Ausbleiben des fruchtbaren Nilschlamms bei den jährlichen Nilüberschwemmungen die ägyptische Hochkultur zu Fall, ebenso wie das Verschwinden der großen Büffelherden manchen Indianerstamm auch ohne die Gräueltaten des weißen Mannes an den Rand der Überlebensfähigkeit brachten und Klimaverschiebungen, die die Ausbreitung der Wüstengürtel fördern, haben ähnliche Auswirkungen, und alle diese Szenarien beruhen auf nichts anderem als den Veränderungen bei den Energieflüssen dieses Planeten. Die gleiche Gefahr geht von genmanipulierten Pflanzen aus, wobei man sicher keine Angst haben muss, selbst an Gen-Mais, der gegen bestimmte Schädlinge resistent ist, selbst zu erkranken (Wir sind bestens daran angepasst, DNS-Sequenzen, ob manipuliert oder nicht, zu verdauen, wir würden bestenfalls allergisch auf manche Genprodukte reagieren). Allerdings, wenn die Resistenzgene sich verbreiten und auf Wildsorten weltweit übertragen werden, wird den an diesen Pflanzen lebenden „Schädlingen“ die Nahrungsgrundlage entzogen. Schädlinge sind aber nur in unseren Augen Schädlinge, denn im natürlichen Ökosystem handelt es sich um Individuen, die Bestandteile von Nahrungsketten sind. Wenn z. B. die Nahrung für eine bestimmte Vogelart auf solch eine Weise aus dem System entfernt wurde, sind solche Schutzmaßnahmen wie sie manche Vogelschutzverbände initiieren machtlos. Und wieder sind es Unterbrechungen und Verschiebungen von Energieflüssen. Dabei gibt es, wie wir wissen, auch geographische Unterschiede, während die Ivermectine hervorragende Wurmmittel (Antiheminthika) für die Wiederkäuer in regenreichen Gebieten darstellen, so haben sie in Trockengebieten und Trockensavannen eine verheerende Wirkung, da sie auch die den Dung zersetzenden Insekten abtöteten. Die Folge, der Dung bleibt unzersetzt liegen und vertrocknet und seine Nahrungsbestandteile stehen als Dünger für nachwachsende Gräser nicht mehr schnell genug zur Verfügung. Die Folgen sind Futtermangel und Verwüstung der Weidegründe, was vor etwa 30 Jahren in Australien fast zu einer nationalen agrarökologisch-ökonomischen Katastrophe geführt hätte, die die Seiten der führenden Wissenschaftsmagazine füllte. Damals wurde der Welt wohl erstmals so richtig bewusst, welche Bedeutung die bis dahin unbeachteten Wirbellosen (Mistkäfer, Würmer etc.) für eine funktionierende, nachhaltige Weidewirtschaft hatten. Auch in diesem Fall handelte es sich allgemein betrachtet wieder um nichts anderes als um die Unterbrechung des Energieflusses in einem Agrarökosystem, die ohne ein schnelles Eingreifen Australien auf eine Hungersnot zusteuern ließ. Dabei sollte man immer bedenken, ein sich als ungünstig erweisendes Medikament kann man wieder vom Markt nehmen, aber sich selbst weitervererbende Gene wird man wohl so einfach nicht mehr aus den Ökosystemen dieses Planeten entfernen können.

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