Bertolero, A., M. Cheylan & J.-P. Nougarede (2007): Increase of the fecundity in Hermann's Tortoise Testudo hermanni hermanni in insular conditions: an opposite case of the insular syndrome? – Revue d'Ecologie – La Terre et la Vie 62 (1): 93-98.

Eine Vergrößerung der Fekundität bei der Westlichen Griechischen Landschildkröte Testudo hermanni hermanni auf einer Insel: Ein Gegenläufiger Fall zum Insel-Syndrom

Die reproduktiven Parameter der Westlichen Griechischen Landschildkröte Testudo hermanni wurden mittels der Radiographie bei einer Population auf Korsika (Porto-Vecchio-Inselpopulation) und bei einer in der Provence (Maures-Massif-Festlandpopulation) untersucht. Folgende Parameter wurden gemessen: Anzahl der Eier pro Gelege, Gelegehäufigkeit, jährliche Fekundität (Eier pro Weibchen und Jahr) und Eigrößen. Es ergab sich eine signifikant höhere Fekundität für die Inselpopulation z. B. mehr Eier pro Gelege (4 im Vergleich zu 3), eine höhere Gelegehäufigkeit (1,9 im Vergleich zu 1,4) und eine globale Fekundität von 7,7 Eiern/Weibchen und Jahr im Vergleich zu 4,2 Eiern/Weibchen und Jahr bei der Festlandpopulation. Dieser Zuwachs bei der Fekundität veränderte sich auch dann nicht, wenn man die unterschiedliche Körpergröße der Weibchen mit einbezog, da die Weibchen der Inselpopulation größer waren. Vielmehr war es so, dass die Körpergröße der Weibchen keinen Einfluss auf die Eigröße hatte. Die beobachtete Zunahme der Fekundität bei der Inselpopulation widerspricht der Theorie vom Inselsyndrom, die vorhersagt, dass die Fekundität von Inseln bewohnenden Populationen sinkt. Diese Abweichung könnte das Ergebnis eines besonderen Anpassungsprozesses bei Schildkröten aus ökophysiologischer Sicht sein (lange Lebensdauer; herbivore Art) oder könnte auf bestimmten lokalen Anpassungen beruhen.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Sicherlich handelt es sich hierbei um eine gute Gegenüberstellung der Reproduktionsparameter für beide Populationen. Allerdings daraus solch allgemeine Theorien, wie das Inselsyndrom abzuleiten, halte ich für abwegig. Zum einen ist Korsika eine relativ große Insel, und niemand hat bisher eine genaue Definition einer Inselgröße in Bezug auf Schildkröten und das Inselsyndrom geliefert (Letztendlich könnte man jeden Kontinent als Insel bezeichnen, man braucht nur auf den Globus zu schauen). Zum anderen könnte auch die Population auf Korsika so ausgedünnt sein, dass sie von diesem Syndrom, welches oft auf zu dichter Population auf beengtem Lebensraum beruht, nicht oder nicht mehr betroffen wird. Auch klimatische und ernährungsbedingte Unterschiede könnten für die Fekunditätsunterschiede in Betracht kommen, so dass ich es schon etwas eigenartig finde, solche Einzelbefunde immer im Hinblick auf oft weit hergeholte, verallgemeinernde Theorien zu diskutieren. Ebenso könnte man auch behaupten, dass die Westliche Griechische Landschildkröte sich nicht nach der Bergmannschen Regel verhält, die besagt, dass mit zunehmendem Breitengrad die Körpergröße einer Art zunimmt, was ja durch obige Studie auch widerlegt wird, denn die größeren Korsika-Weibchen leben südlicher als jene im Maures-Massif (Sacchi et al. (2007): Bergmann's rule and the Italian Hermann's tortoises (Testudo hermanni): Latitudinal variations of size and shape. – Amphibia-Reptilia 28 (1): 43-50 oder Abstract-Archiv). Vielleicht liegt dieses Streben nach globaler Verallgemeinerung auch daran, dass solche Theorien und Regeln Bestandteil vieler Biologielehrbücher im Schulunterricht sind, wobei man sich wirklich fragen sollte, ob es nicht Wichtigeres und Wesentlicheres gibt, um unseren Nachwuchs auf die zukünftigen ökologischen Problemstellungen vorzubereiten. (siehe auch: Bertolero et al. (2007): Breeding traits of Hermann's tortoise Testudo hermanni hermanni in two western populations. – Amphibia-Reptilia 28 (1): 77-85 oder Abstract-Archiv und Longepierre et al. (2003): Individual, local and subspecific variation in female Hermann's tortoise (Testudo hermanni) reproductive characters. – Contribution to Zoology 72: 221-226 oder Abstract in SiF 1 (1) 2004).

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