Arthur, K. E., J. M. O'Neil, C. J. Limpus, K. Abernathy & G. Marshall (2007): Using animal-borne imaging to assess green turtle (Chelonia mydas) foraging ecology in Moreton Bay, Australia. – Marine Technology Society Journal 41 (4): 9-13.

Die Verwendung von an den Tieren angebrachten Imaging-Systemen (Videokameras) zur Erfassung der Ernährungsökologie von Suppenschildkröten (Chelonia mydas) in Moreton Bay, Australien

Die traditionellen Techniken zum Studium der Ernährungsökologie von Suppenschildkröten wie Nahrungsverfügbarkeit und die Analyse des aufgenommenen Futters (Magenspülungen) führten zu der Schlussfolgerung, dass es sich bei Suppenschildkröten um primär herbivore Futterselektierer handelt, die spezielle Pflanzen- bzw. Algenarten abweiden. Allerdings könnten Schildkröten ein Problem bekommen, wenn sie während der Zeit auf Nahrungssuche sind, wenn es zur Vermehrung (Bakterienblüte) von Lyngbya majuscula einem toxischen Cyanobakterium kommt, das das Seegras überwächst. Wir benutzten daher die CRITTERCAM, ein an Tieren angebrachtes Imaging-System, um das Ernährungsverhalten der Suppenschildkröten in der Moreton Bay, Australiens zu untersuchen und um gleichzeitig zu überprüfen, welchen Einfluss die Lyngbya-Blüte auf Suppenschildkröten hat. Dazu wurden acht große Suppenschildkröten in ihren Seegrasweidegründen gefangen und mit einer CRITTERCAM bestückt. Der Einsatz erbrachte über 28 Stunden an Videofilmaufzeichnungen und Tauchtiefenaufzeichnungen. Die Schildkröten schwammen dabei kontinuierlich und legten nur selten Pausen ein, um am Seegras zu fressen. Sechs Schildkröten wurden insgesamt beim Fressen beobachtet, und alle sechs fischten und konsumierten gelatinöse Tiere (Quallen) aus dem Seewasser. Diese Art von Beute (Nahrung) war bislang mit den traditionellen Methoden bei der Suppenschildkrötenpopulation der Moreton Bay noch nie beobachtet worden, konnte aber bislang unter Einsatz der CRITTERCAM bei anderen Populationen auch beobachtet werden. Lediglich eine Schildkröte filmte sich beim Fressen von Seegras. Diese Ergebnisse lassen erkennen, welche Möglichkeiten und welcher Erkenntnisgewinn durch die CRITTERCAM-Technologie gegeben ist, um Einblicke in die Nahrungsauswahl von Schildkröten zu erhalten und um hier vor Ort die Auswirkungen der Lyngbya-Blüte auf die Suppenschildkröten und deren Ernährungsökologie abschätzen zu können. Diese Studie führte zu der Erkenntnis, dass die Schildkröten der Moreton Bay eine ziemliche Bandbreite an Flexibilität in Bezug auf ihr Nahrungsspektrum aufweisen und dass sie sich gar nicht so einseitig ernähren, wie man früher annahm. Letztendlich zeigen die Daten, dass sie ihre pflanzliche Nahrung sehr gut mit tierischer Nahrung ergänzen, zumindest wenn die Seegrasqualität abnimmt. Längere Einsätze der CRITTERCAMS mit längeren Adaptationsphasen sind sicherlich notwendig, um die ernährungsökologischen Fragestellungen noch genauer zu beantworten.

Kommentar von H.-J. Bidmon

Nun vorerst wieder ein Befund, der zeigt, wie man sich bei so genannten Herbivoren in Bezug auf die Ernährung täuschen kann. Sicher, wenn die Aufzeichnungen nur über 28 Stunden erfolgten, muss man davon ausgehen, dass das Einfangen und Bestücken der Schildkröten eine Stressreaktion ausgelöst hat, die dafür verantwortlich sein kann, dass die Tiere fast kontinuierlich schwammen. Allerdings, dass nur eine von acht Schildkröten beim Seegrasfressen beobachtet werden konnte, während sechs durchweg Quallen jagten, wirft schon Fragen auf. Zumindest die, warum das bei den Analysen der Magen- und Darminhalte nie festgestellt wurde? Diese Frage beantwortet sich aber fast von selbst, weil man eben bei diesen Analysen meist die schwerer verdaulichen also für längere Zeit gut erhaltenen Bestandteile der Nahrung klar identifizieren kann, während das, was gut und schnell von den Enzymen zersetzt und gespalten wird, eben nur noch unter extrem günstigen Umständen – sprich kurz nach dem Verschlucken – zu erkennen wäre. Letzteres trifft nicht nur auf Meeresschildkröten zu, sondern auch auf Landschildkröten, auch hier findet man in Kotproben kaum noch leichtverdauliche Blütenblätter bzw. Fruchtfleisch. Ebenso fehlen meist Würmer und Nacktschnecken, lediglich bei Insekten und Asseln ist man in der Lage, die harten unverdaulichen Chitinstrukturen wie Käferflügel, Beine etc. zu finden, während die so genannten gut verdaulichen Weichteile längst fehlen. Auch hier gibt es aber, zumindest was das Fressen von Blüten angeht, klare Beobachtungen, die zeigen, dass die Auswertungen von Kotproben eben nicht das wirklich von den Tieren genutzte Gesamtspektrum der Nahrung widerspiegeln. Fazit: Man sollte den Tieren eher aufs Maul schauen, als die Analyse der Exkremente überbewerten! Siehe dazu auch: Marshall, G., M. Bakhtiari, M. Shepard, J. III Tweedy, D. Rasch, K. Abernathy, B. Joliff, J. C. Carrier & M. R. Heithaus (2007): An advanced solid-state animal-borne video and environmental data-logging Device („CRITTERCAM“) for marine research. – Marine Technology Society Journal 41 (2): 31-38 oder Abstract-Archiv; Loehr, V. J. T. (2006): Natural diet of the namaqualand speckled padloper (Homopus signatus signatus). – Chelonian Conservation and Biology 5 (1): 149-152 oder Abstract-Archiv; Kuiper-Linley, M., C. R. Johnson & J. M. Lanyon (2007): Effects of simulated green turtle regrazing on seagrass abundance, growth and nutritional status in Moreton Bay, south-east Queensland, Australia – Marine and Freshwater Research 58 (5): 492-503 oder Abstract-Archiv. Moran, K. L. & K. A. Bjorndal (2007): Simulated green turtle grazing affects nutrient composition of the seagrass Thalassia testudinum. – Marine Biology 150 (6): 1083-1092 oder Abstract-Archiv; Ficetola, G.F. & F. De Bernardi (2006): Is the European „pond“ turtle Emys orbicularis strictly aquatic and carnivorous? – Amphibia-Reptilia 27: 445-447 oder Abstract-Archiv; Walde A., M. L. Harless, D. K. Delaney & L. L. Pater (2006): Gopherus agassizii (Desert Tortoise) diet. – Herpetological Review 37(1): 77-78 oder Abstract-Archiv.

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